Neues Bin-Laden-Video: Echt oder falsch - die Experten streiten - DER SPIEGEL
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Neues Bin-Laden-Video Echt oder falsch - die Experten streiten

Terrorexperten in aller Welt streiten über die Echtheit der jüngsten Video-Aufnahmen Osama Bin Ladens. Zwei Jahre nach den Anschlägen in den USA war am Mittwoch ein neues Tape aufgetaucht, das angeblich den Terrorchef und seinen Stellvertreter Eiman al-Sawahiri zeigt.
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New York - US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nannte das Band den Teil einer Kampagne des Terrornetzwerks, "um die Menschen zu ängstigen und zu terrorisieren". Der US-Sender CNN zitierte einen Geheimdienstmitarbeiter mit den Worten, das Band sei ein "Public-Relations-Trick", um Aufmerksamkeit zu erlangen. Die "New York Times" berichtet, US-Geheimdienstexperten hielten das Video-Band nach ersten Einschätzungen für echt.

Der französische Terrorismus-Experte Roland Jacquard bezeichnete das Material dagegen als eine neu bearbeitete Fassung von bereits früher ausgestrahltem Material. Jacquard, Leiter des in Paris ansässigen Internationalen Büros für Terrorismusüberwachung, sagte dem französischen Rundfunksender Europe 1: "Wir müssen extrem umsichtig mit dieser Botschaft umgehen."

Bin Laden, den man im Hintergrund auf dem Band den Attentätern vom 11. September danken höre, sage wortwörtlich dasselbe wie in einer Video-Nachricht, die al-Dschasira im Dezember 2001 ausgestrahlt habe. Auch al-Sawahiris Mitteilung sei alt und von al-Dschasira bereits am 3. August gesendet worden. Er halte es zudem nicht für plausibel, dass Bin Laden al-Sawahiri das Wort in der Botschaft überlasse, nachdem er monatelange nicht mehr auf einer Videokassette zu sehen gewesen sei.

Deutschlands Geheimdienstkoordinator Ernst Uhrlau nannte das neue Video einen "Sprengsatz in der arabischen Welt". Seit den Anschlägen vor zwei Jahren erklärten die USA, Bin Laden werde gefasst. "Aber er lebt." Das Video sei ein "medialer Anschlag".

Nach Angaben des TV-Senders Al-Dschasira sollen die Aufnahmen im April oder Mai entstanden sein. Sollte sich das Band als authentisch herausstellen, wäre es seit langer Zeit der erste Videobeweis, dass Osama Bin Laden noch am Leben ist. Im November 2001 war ein Videoband ausgestrahlt worden, dass Bin Laden im Kreise von Vertrauten zeigte. Der zweite Jahrestag der Terroranschläge sollte ein Tag der Besinnung, der stillen Trauer sein. Doch er ist zugleich ein Tag, an dem die Amerikaner erkennen müssen, dass der Kampf gegen den Terrorismus noch lange nicht gewonnen ist. Denn der Mann, der die Anschläge befohlen haben soll, tauchte pünktlich zum Jahrestag wieder auf: per Video.

Das Band, das der arabische Fernsehsender al-Dschasira am Mittwoch ausstrahlte, zeigt einen Mann, der wie Osama Bin Laden aussieht. Der schlanke, hoch gewachsene, bärtige Mann, der traditionelle afghanische Kleidung trägt, wandert gemeinsam mit einem weiteren Mann durch bergiges Gelände. Angeblich soll es sich bei dem Begleiter um Osama Bin Ladens Stellvertreter, Eiman al-Sawahiri, handeln. Die Männer halten einfache Wanderstöcke aus Holz in der Hand. So klettern sie - scheinbar in aller Ruhe - einen mit Gras bewachsenen und mit Felsen übersäten steilen Berghang herunter. Beide Männer tragen Gewehre auf dem Rücken.

Während und nach dem Afghanistan-Feldzug war immer wieder spekuliert worden, Bin Laden könnte bei den Bombardements auf die Felsenfestung Tora Bora im Norden Afghanistan ums Leben gekommen sein. Auch hieß es, der Gesuchte sei schwer krank. Er leide an einer Nierenerkrankung. Der Mann, der nun auf dem Videoband zu sehen ist, scheint dagegen sehr gesund - und entspannt.

In einer parallel ausgestrahlten Audiobotschaft ist angeblich Bin Ladens Stimme zu hören: Der Sprecher äußerst sich zufrieden über die Anschläge des 11. Septembers. Die Terrorakte vor zwei Jahren hätten "dem Feind großen Schaden zugefügt und seine Pläne durcheinander gebracht", sagt die Stimme. Der Mann zählt fünf der damaligen Attentäter namentlich auf und nannt sie "wahre Gläubige", die andere sich zum Vorbild nehmen sollten. Im Hintergrund der Botschaft ist religiöse Musik zu hören.

Eine zweite Stimme, die angeblich Bin Ladens Stellvertreter al-Sawahiri gehören soll, ruft auf dem Band zudem die irakischen Guerillakämpfer zum Kampf gegen die US-Soldaten in Irak auf. "Verschlingt die Amerikaner, wie die Löwen ihre Beute verschlingen. Begrabt sie auf dem irakischen Friedhof", erklärt der Mann und bittet Allah, die Opfer und den Mut der Gotteskrieger im Kampf gegen die Kreuzritter zu segnen.

Auf dem Band werden zudem weitere Anschläge gegen Amerikaner angekündigt und die Palästinenser zu Heiligen Krieg gegen Israel aufgerufen. "Wir werden Amerika nicht den Traum von Sicherheit träumen lassen, bis wir ihn nicht in der Realität in Palästina und allen islamischen Ländern erleben", heißt es.

Bismillah Khan, der stellvertretende afghanische Außenminister, sagte, das Band werde die Taliban und al-Qaida-Anhänger moralisch bestärken. Schließlich zeige es, dass ihr Anführer noch lebe. Unter Berufung auf geheimdienstliche Informationen sagte der Politiker, al-Sawahiri halte sich derzeit auf pakistanischem Gebiet auf.

Die Nachrichtenagentur AP zitiert einen westlichen Diplomaten in Kabul mit den Worten, Bin Laden sei derzeit in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion "sehr, sehr aktiv". Möglicherweise hätten aber die jüngsten Suchaktionen von US-Truppen und pakistanischen Soldaten den Terrorchef wieder zurück über die Grenze nach Afghanistan getrieben. Bin Laden habe nicht mehr viele Möglichkeiten, wohin er fliehen könne. "Wir kommen immer näher", wird der Diplomat zitiert, dessen Name nicht genannt wurde.