New Orleans Das Wasser geht, das Chaos bleibt
New Orleans -In einigen tiefer gelegenen Stadtteilen von New Orleans sanken die Pegel gestern Abend um mehr als 30 Zentimeter.
Das 60 Meter breite Leck im Damm an der 17. Straße konnte mit schweren Sandsäcken gefüllt werden, die von Hubschraubern abgeworfen wurden. Gleichzeitig wurde Wasser aus einem Kanal in den See Ponchartrain zurückgepumpt. Nach dem Dammbruch standen 80 Prozent der Stadt bis zu sechs Meter tief unter Wasser.
Fortschritte gab es auch bei der Wiederherstellung der Stromversorgung. Nach Angaben der Elektrizitätswerke waren heute Morgen allerdings immer noch mehr als 800.000 Haushalte ohne Strom.
Unterdessen gingen Polizisten von Haus zu Haus, um Bewohner zu finden, die weiterhin in New Orleans ausharrten. Zahlreiche Menschen widersetzten sich der neuerlichen Anordnung zur Evakuierung. "Wir haben ihnen gesagt, dass die Stadt zerstört ist", sagte der stellvertretende Polizeichef W. J. Riley. "Es gibt keinen Grund zu bleiben, keine Lebensmittel, keine Arbeitsplätze, einfach nichts."
Hurrikan Katrina: Das Wasser geht zurück
Suchengefahr: Erste Infektionen gemeldet
Riley schätzte, dass sich noch bis zu 10.000 Menschen in New Orleans aufhalten. Für sie besteht erhebliche Seuchengefahr. Der Bürgermeister von New Orleans, Ray Nagin, warnte vor der wachsenden Gefahr von Epidemien durch das verdreckte Wasser. Je mehr Zeit vergehe, desto schlimmer werde es. Leichen verwesten in dem Wasser, Mücken brüteten in den überfluteten Region und verbreiteten dann neue Krankheiten, sagte Nagin.
Wie der Nachrichtensender CNN berichtet, gibt es im Pentagon Überlegungen, die überfluteten Gebiete von großen Transportmaschinen aus mit Insektiziden zu besprühen. Damit solle die Vermehrung der Mücken gestoppt werden, die unter anderem den West-Nil-Virus verbreiten, der Hirnhautentzündung auslösen kann.
Das US-Zentrum für Krankheitskontrolle CDC teilte laut "Los Angeles Times" mit, einige der Flüchtlinge hätten sich mit dem gefährlichen Bakterium Vibrio Vulnificus infiziert - einem entfernten Verwandten des Cholera-Erregers. Bei Personen, deren Immunsystem gestört ist, kann eine Infektion zum Tode führen.
Mindestens 155.000 Bewohner wurden aus dem Katastrophengebiet in Sicherheit gebracht, teilte das Heimatschutzministerium mit. Die meisten von ihnen wurden in 560 neu eingerichtete Sammelunterkünfte gebracht. Die Zahl der offiziell bestätigten Todesopfer stieg bis gestern auf 246, darunter 160 in Mississippi und 71 in Louisiana.
Bürgermeister Nagin schätzt, dass allein in New Orleans etwa 10.000 Menschen ums Leben kamen. Auch US-Gesundheitsminister Michael Leavitt erklärte, es müsse mit Tausenden Toten gerechnet werden.
Eine Stadt wird zum Leichenschauhaus
Die Kleinstadt Saint Gabriel südlich von Baton Rouge in Louisiana ist als Sammelstätte für bis zu 5000 Opfer ausersehen. Argwöhnisch beäugen ihre Einwohner die Lastwagen, die in diesen Tagen die Baumaterialien herankarren, um die 8400 Quadratmeter große Leichenhalle aus dem Boden zu stampfen. "Ich kann den Geruch des Todes riechen", klagt eine Anwohnerin. Aber schon bald sollen die ersten Leichen in speziellen Kühlsäcken nach Saint Gabriel gebracht werden. Die Gerichtsmediziner wollen so die Möglichkeit für eine gesicherte Identifizierung der Hurrikan-Toten schaffen.
Mit rund hundert Mitarbeitern soll es möglich sein, täglich 144 Leichen zu identifizieren. "Diese Einrichtung wird auf die Gesundheit und Sicherheit der Bürger keinen Einfluss haben", versichert Bürgermeister George Grace. Er erinnert daran, dass Saint Gabriel schon in der Vergangenheit menschliches Leid gelindert habe: Vor 80 Jahren gab es hier eine Lepra-Station. "Wir werden die Leichen mit allem Respekt behandeln", sagte der Chef der Gerichtsmediziner, Todd Ellis. Die Experten wollen die Gesichter der Toten fotografieren, Röntgenaufnahmen von den Gebissen anfertigen und Erbgut für spätere DNA-Analysen sicherstellen.
Die US-Regierung bereitet sich derweil auf weitere Hilfsmaßnahmen vor. Die Kongressabgeordneten wollen heute nach Washington zurückkehren, um über weitere Unterstützung für die Flutopfer zu beraten. Doch die Kritik am Krisenmanagement der Regierung dauert an.
Die größte Zeitung im US-Staat Louisiana, die "Times-Picayune", druckte einen offenen Brief an US-Präsident George W. Bush, in dem er aufgefordert wird, alle Beamten des Katastrophenschutzes (Fema) zu entlassen. In Baton Rouge in Louisiana sagte Bush gestern, die Behörden täten alles, um die Folgen der Katastrophe zu lindern. Von Seiten der Streitkräfte verlautete, die Zahl der eingesetzten Soldaten werde von 7200 noch einmal auf 8500 aufgestockt. So würden die meisten der aus dem Irak heimkehrenden 2800 Nationalgardisten aus Louisiana im Überschwemmungsgebiet eingesetzt.