New Orleans: Klassenkampf in der Geisterstadt - DER SPIEGEL
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New Orleans Klassenkampf in der Geisterstadt

Im verwüsteten New Orleans hat ein Grabenkrieg um die Zukunft der Stadt begonnen. Die einen wollen sie als reiche, weiße Metropole wieder aufbauen - ohne die lästigen Armenviertel. Die anderen rüsten schon zum Gegengefecht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New Orleans - Wer sich ein Bild vom bleibenden Elend in New Orleans machen will, der muss nur aus Ashton O'Dwyers Bürofenster schauen. Von hier oben gesehen, 26 Etagen über dem Central Business District, wird die Stadt zum Meer blauer Plastikplanen: notdürftige Flicken für Tausende kaputte Dächer, bis zum Horizont hin. Nach Sonnenuntergang versinken ganze Viertel im Dunkeln, auch heute noch, fast vier Monate nach dem Hurrikan. "Nicht 'Katrina' hat diese Stadt zerstört", sagt O'Dwyer und lehnt sich in seinem Ledersessel zurück. "Die Menschen haben sie zerstört."

O'Dwyer ist ein prominenter, alteingesessener Rechtsanwalt, seit fünf Generation lebt seine Familie in New Orleans. Seine Spezialität sind maritime Streitigkeiten, "Admiralitätsrecht und derlei", aber in letzter Zeit befasst er sich mit nichts anderem als dem Versagen der Behörden im Windschatten von "Katrina" - und mit der fraglichen Zukunft seiner Heimatstadt.

"Wir müssen die korrupten Politiker und Bürokraten loswerden", sagt O'Dwyer. Er stockt, mustert sein Gegenüber und ergänzt das dann, ohne Vorwarnung, um eine weitere Bevölkerungsgruppe, die er gerne loswerden möchte - "die marodierenden Negerbanden".

"Jeder auf sich gestellt"

Das sagt er tatsächlich, "negro gangs", ohne Wimpernzucken. Negro, ein Begriff aus den Zeiten der Segregation, der in den USA seit Jahrzehnten als rassistisch verpönt ist. Doch nicht in den Südstaaten, zumindest nicht für O'Dwyer. "Vor 'Katrina' war New Orleans von einer breiten Unterklasse bevölkert, die nichts zur Wirtschaft beitrug", sagt er. "Weiße wie ich, die hart arbeiten und Steuern zahlen, machten weniger als zehn Prozent aus. Doch wir trugen die Stadt auf den Schultern."

O'Dwyer war einer jener wohlhabenden Renitenten, die sich weigerten, vor dem Sturm zu fliehen. Während die Gestrandeten in den Armenvierteln, im Superdome und im Kongresszentrum hungerten und dursteten, verschanzte er sich in seiner Villa in der flutsicheren Uptown, trank Bourbon und verscheuchte Plünderer mit der Jagdflinte: "Jeder war auf sich gestellt."


Und so sieht er es immer noch: Die 80-prozentige Verwüstung von New Orleans biete jetzt eben auch die Chance zur mutigen Neuerfindung von New Orleans - als weiße, wohlhabende, saubere Stadt. Ohne Makel wie das schwarze Armenviertel Lower Ninth Ward, das von "Katrina" komplett geflutet wurde. "Sonst", droht O'Dwyer, "bin ich hier weg."

Rassistische Polemik? Gedankenloses Gerede? Starker Tobak allemal. Und O'Dwyer ist kaum mehr der Einzige, der sich offen so äußert. "Einige sehen hier schon eine kleinere, überwiegend weiße Mittelklassebevölkerung voraus, die von neuen Luxuswohnungen und Jobs angezogen werden", sagt William Frey, ein Soziologe an der Brookings Institution.

"Toleranz ist nicht immer gut"

"Katrina" hat die sozialen Verwerfungen dieser Stadt freigelegt, Spannungen zwischen Reich und Arm neu aufgerissen und Ansichten Auftrieb gegeben, die viele früher lieber für sich behalten haben. 

Doch selbst ohne solche Hintergedanken wird es zusehends wahrscheinlicher, dass das neue New Orleans kleiner und farbloser sein wird als das alte. 80 Prozent der Entwurzelten sind Schwarze, ein Drittel lebte vor "Katrina" unter der Armutsgrenze. Eine Heimkehr ist für viele ausgeschlossen - und sowieso nicht ratsam: Bis heute hat ein Drittel der Häuser der Stadt keinen Strom und 40 Prozent kein Gas. "Viele Arme", sagt Harvard-Volkswirt Edward Glaeser, "sind glücklicher, wenn sie woanders hinkommen."

Das legen auch die ersten, städteplanerischen Zukunftsvisionen für New Orleans nahe. So fordert das Urban Land Institute, eine Expertengruppe, die Bürgermeister Ray Nagins Wiederaufbaukommission berät, sich auf Stadtviertel zu konzentrieren, die "schon vor dem Sturm Stärke zeigten" - also die reicheren Bezirke. Für die gefluteten Armenviertel im Osten und Norden hat das Institut eine andere Idee: Sie sollen in riesige Grünanlagen verwandelt werden.

Zwar hat Nagin den Schwarzen versichert, dass keine Bulldozer anrücken würden. Doch seine Schwüre klingen immer schwächer: "Ich will nicht eingestehen", sagte er zuletzt, "dass ganze Viertel demoliert werden müssen." Da blieb das rhetorische Hintertürchen weit offen.

"Ich bin dagegen, dass wir das Lower Ninth Ward wieder aufbauen", sagt auch Beau Martz, ein Galerist im historischen French Quarter, das den Hurrikan glimpflich überstanden hat. "Wir sind immer zu tolerant gewesen. Doch Toleranz ist nicht immer eine gute Sache."

Angst vor dem "kriminellen Element"

Draußen vor Martz' Galerie liegt noch "Katrina"-Schrott herum. Drinnen herrscht längst wieder Ordnung. Ledersessel laden zum Verbleib, die Bilder - moderne Kunst für sechsstellige Summen - hängen an sauberen, weißen Wänden. Ventilatoren summen leise, im Hintergrund säuselt New-Age-Musik.

"Ich bin's leid, stillzuhalten", sagt Martz und nippt an einem Glas Wein. Wie der Anwalt O'Dwyer sieht sich auch der Kunstliebhaber Martz als Angehöriger einer "gesetzestreuen, fleißigen Minderheit" in einer Stadt, die vor dem Sturm gänzlich "von einem kriminellen Element" regiert worden sei - und die nun, auch dank "Katrina", Morgenluft schnuppert.

Zur Illustration beschwört Martz - der betont, auch er habe hier "einen schwarzen Typen zum Bürgermeister gewählt" - das alte New Orleans herauf: Die Kriminalitätsrate, die es zu einer der lebensgefährlichsten Metropolen der USA machte. Die hohe Armutsquote, "all diese Menschen, die von der Sozialhilfe lebten, zu unseren Lasten". Aber das werde sich jetzt hoffentlich bald ändern: "Das neue New Orleans wird eine andere Stadt werden."

Wassermarke des Todes

Doch nicht, wenn die Menschen im Lower Ninth Ward etwas zu sagen haben. "Wir bleiben hier, um unsere schwarzen Freunde zu beschützen", sagt Brandon Darby, ein tätowierter Jüngling, der mit seinen Kumpels an der Claiborne Avenue eine Art Feldlager errichtet hat - Hausbesetzer in der Flutzone. "Community Distribution Center" steht auf einem Schild. Picklige Kids schleppen Kartons mit Wasserflaschen, Müllbeuteln und Dosenfleisch. Aus einem Radio scheppert Bluegrass-Musik.

Darby stellt sich als "Aktivist und politischer Organisator" vor. Er ist ein Anhänger der Schwarzenpartei Black Panther, und er will hier "die Rechte der Unterdrückten verteidigen". Dazu hat er eine private Hilfsaktion für die rund 300 Menschen auf die Beine gestellt, die im Ninth Ward ausharren, stromlos und isoliert, wie Schiffbrüchige. Darby und seine Jungs versorgen sie mit gespendeten Lebensmitteln, Werkzeugen, Bleichmittel und Kleidung. Und mit Gratis-Rechtsberatung gegen Räumungsklagen der Grundbesitzer.

Denn schon jetzt scheinen die Verantwortlichen das ganze Ninth Ward zum Abriss freigegeben zu haben. "Katrinas" Giftschlacke hat an allen Fassaden einen Rand hinterlassen, eine Wassermarke des Todes, mal in Brusthöhe, mal am Dachfirst, je nach Nähe zum See. Entlang der Straßen türmen sich Schuttberge, die Müllabfuhr meidet diese Ecke beharrlich.

"Wir sind bereit"

"Man gewöhnt sich an den Gestank", sagt Cecil Brown. Der Schwarze, der in einem Container-Lager in Baton Rouge untergekommen ist, steht vor seinem zerstörten Haus. Er hat drei Sessel auf seinen Truck gepackt und ein paar verkrustete T-Shirts. Doch Brown kommt nicht zurück. Er hat New Orleans aufgegeben und will sein Leben lieber woanders neu beginnen.

Für Darby und seine Freunde dagegen wird der Kampf ums Lower Ninth Ward auch zum Kampf um eine größere Sache - zum Kampf gegen die Bonzen und "das System". Darby hofft, dass die Wut über das Unrecht nach "Katrina" hier zur "nationalen Bewegung" wird, gegen korrupte Politiker, Polizeigewalt, Rassenhass. "Wie in den sechziger Jahren", sagt er und steckt sich lässig eine Zigarette an. "Wir sind bereit."

Bereit ist aber auch Ashton O'Dwyer in seinem Büro im 26. Stock. Er kann's nicht abwarten, für sein neues New Orleans zu kämpfen. Den ersten Warnschuss hat er bereits abgefeuert: eine Sammelklage wegen unterlassener Hilfeleistung - gegen die US-Regierung, die Gouverneurin, den Bürgermeister, den Stadtrat, den Polizeichef, den Sheriff, die Deichbehörden und diverse Versicherungen.

Doch O'Dwyer geht es dabei nicht um die unterlassene Hilfeleistung an den Armen. Es geht ihm um seine eigene Haut. "Ich will, dass die Verantwortlichen dafür bezahlen, dass sie mich dem plündernden Mob überlassen haben", sagt er. "Ich will sie dafür am liebsten persönlich ins Gefängnis stecken." Dann erst könne man sich der Zukunft der Stadt widmen.

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