New York "Und plötzlich machte es bumm!"
Rockaway Beach - Als der Airbus einschlug, saß Ann Erhard in ihrem Haus an der 130. Straße am Computer. "Plötzlich ging der Rechner aus, das ganze Haus hat gewackelt", sagt die 31-Jährige, die als Guidance Counselor an einer High School in Brooklyn arbeitet. "Ich dachte erst, es sei ein Erdbeben." Sie ging sofort raus und sah eine schwarze Rauchwolke auf sich zukommen. Zwei kleine Jungen liefen auf der Straße umher. "Ich bin weggerannt. Zum Haus meiner Eltern, um zu checken, ob sie okay sind", sagt sie. Die Eltern wohnen nur einen Block entfernt.
Es ist Veterans Day, ein Feiertag. Viele Menschen waren zu Hause, als es passierte. Wenige Stunden nach dem Unglück stehen sie auf ihren Veranden und geben bereitwillig den Reportern Auskunft. Die sind zu Hunderten eingefallen, schleichen um die Barrikaden, klingeln an Haustüren. "Ich habe nichts gesehen", winkt ein Mann ab. Er steigt gerade in sein Auto. "Aber meine Tochter hat aus dem Fenster geschaut, als ein Flugzeugteil in die Bay gestürzt ist." Andere wollen alles gesehen und gehört haben. Laut "wie die Concorde" sei das Flugzeug gewesen, es sei mit der Nase voran abgestürzt, nein, mit dem Schwanz zuerst. Die Geschichten sind widersprüchlich.
Fernsehstationen haben ihre Sende-Antennen aufgebaut, Bürgermeister Rudolph Giuliani besichtigt den Tatort, in fast jedem Vorgarten wuseln Menschen mit Notizblöcken und Mikrofonen herum. So viel Trubel hat Rockaway Beach noch nie erlebt. Es ist ein amerikanischer Muster-Vorort: Ein- und Zwei-Familienhäuser mit Driveway und sorgfältig gemähtem Rasen. Vor fast allen Häusern weht die amerikanische Flagge.
Aufruhr im "Firefighter Territory"
"Belle Harbor" heißt dieser Teil von Rockaway Beach - schöner Hafen. Auf zwei Seiten ist die Siedlung von Wasser und Strand umgeben. Ganze vier Avenues passen nebeneinander auf die schmale Halbinsel zwischen der Jamaica Bay und dem Atlantik. Jeder kenne jeden, sagen die Anwohner. Die weiße Mittelklasse wohnt hier, Lehrer, Angestellte, viele Feuerwehrleute und Polizisten. "Firefighter Territory" nennen es daher manche.
Der Anschlag auf das World Trade Center hatte bereits ein großes Loch in die Gemeinschaft gerissen. Erhard war vergangenen Freitag bei ihrer letzten Beerdigung. Ihre beste Freundin und Schul-Kollegin, Marie McGoldrick, war bereits bei 40 Beerdigungen von Feuerwehrleuten. Wie viele Nachbarn diesmal umgekommen sind, weiß niemand.
"Es ist einfach surreal"
McGoldrick, die in der 129. Straße wohnt, macht einen gefestigten Eindruck, sie hält ihren Neffen im Arm. "Es ist einfach surreal", sagt sie. "Es war ein ganz normaler Tag, und plötzlich: Bumm." Ihre Mutter, Cecilia Syvertsen, ist auch da. Sie war gerade dabei, die Decke ihres Badezimmers in Bay Ridge, einem anderen New Yorker Viertel, abzukratzen, als sie im Fernsehen etwas über ein Flugzeugunglück hörte. "Ich dachte, was könnte noch Schlimmeres passieren? Doch plötzlich sagen sie, das Flugzeug sei in der 129. Straße abgestürzt", sagt sie. "Und ich denke nur: Marie". Sie sei sofort hergekommen, ein Polizist habe sie bis zu ihrer Tochter begleitet. "Von allen Orten auf dieser Welt, wieso ausgerechnet die 129. Straße?", fragt sie.
Die Absturzstelle ist sorgfältig abgeriegelt. Von keiner Seite ist ein Einblick möglich. Der Rauch hat sich gegen Mittag bereits verzogen, die Feuerwehr hatte das Feuer schnell unter Kontrolle. Wären da nicht all die Reporter und die Polizeisperren, könnte man meinen, es sei alles normal. Doch ein Feuerwehrmann sagt, an der Absturzstelle sehe es "sehr schlimm" aus. "Hollywood hätte es nicht besser machen können", sagt Sebastian Fodera. Vier Häuser seien komplett niedergebrannt, mindestens vier weitere betroffen. Leichen gebe es nicht, nur Körperteile.
Keiner hat überlebt
Viele Nachbarn haben bei den Löscharbeiten geholfen. Ronny McCabe war einer der ersten an der Absturzstelle. Von Beruf Sanitäter, hatte er sich sofort in seinen Truck gesetzt, nachdem er die Explosion gehört hatte. Jetzt haben die Feuerwehrleute ihn weggeschickt. "Sie haben alles unter Kontrolle", sagt er müde. Gab es jemanden zu retten? "Nein", sagt er. "Alle sind tot."
Auch außerhalb der verbotenen Zone sind Dutzende Vorgärten mit gelbem Polizeiband abgesperrt - sie gehören zum Tatort. Die Flugzeugteile sind über mehrere Blocks verstreut. Auf dem Rasen vor einem Haus in der 125. Straße liegt ein 50 Zentimeter langes, undefinierbares Stück Plastik. Auch Margaret Keane, die weiter weg wohnt, sah von ihrer Pforte aus ein quadratmetergroßes flaches Silberteil durch die Luft fliegen. "Ein Teil des Flügels", schätzt sie. Ein FBI-Mann war auch bereits in ihrem Garten, hat aber nichts gefunden. Was hat er gefragt? "Genau das gleiche wie die Reporter."
Auf der Newport Avenue, nicht weit von der Absturzstelle entfernt, steht ein Tanklastwagen. Auch er ist mit einem gelben Band umwickelt. Beweismaterial - nicht anfassen, bedeutet das. Doch das hindert den Fahrer Ed DeVito nicht, den versammelten Journalisten und Fotografen die Schäden an seinem Fahrzeug vorzuführen. "Hier, das könnte ein Ventil des Triebwerkes sein", sagt er und hält ein silberfarbenes Teil hoch, das er aus irgendeinem Loch gefischt hat. "Oh, vielleicht sollte ich das besser nicht anfassen."
Der Tankwagen-Held
Laut DeVito war der Tankwagen vor der Tankstelle geparkt, als das Airbus-Triebwerk auf den Platz fiel. DeVito war im Laden, um sein Geld für das gelieferte Motorenöl zu bekommen. "Plötzlich fällt da dieses brennende Triebwerk runter, die ganze Tankstelle vibriert. Ich denke nur, Feuer an einer Tankstelle, ich hau besser ab", erzählt DeVito den hingerissenen Reportern. Ein Teil des Triebwerkes sei genau hinten in seinen Tankwagen geknallt, sagt er und kratzt an den Brandspuren in der verbeulten Karrosserie. Er sei sofort weggefahren. "Es war aber nicht gefährlich. Motorenöl explodiert nicht."
An der 129. Straße, gleich vor den Barrikaden, drängeln sich Dutzende jüdischer Jungs um die lokalen Fernsehreporter, die live berichten. Die Schüler tragen schwarze Kippas auf dem Kopf. Ihre Schule liegt direkt an der Ecke, sie sind froh draußen zu sein. Der 15-jährige Moshe Katz erzählt, er habe gerade gefrühstückt, als er die Explosion hörte. Er und die anderen sind auf die Straße raus und haben den Rauch gesehen. Dann mussten sie zurück in die Schule - zum Beten. Drei Stunden habe es gedauert, sagt Moshe, dafür hätten sie jetzt wohl frei.
Unfall oder Anschlag?
Die Anwohner sind sich uneinig, ob es sich um einen Terroranschlag oder um einen Unfall handelt. Noch vor wenigen Monaten hätten die wenigsten daran gezweifelt, dass es sich um einen tragischen Unfall in einer flughafennahen Wohnsiedlung handelte. Doch der 11. September hat die Wahrnehmung nachhaltig beeinflusst. "Ich habe sofort an Terroristen gedacht", sagt Keane. Kenny Foster, ein Bauarbeiter, ist davon überzeugt. "Das waren definitiv Terroristen, egal was die Nachrichten sagen. Freunde von mir haben gesehen, wie das Flugzeug einen U-Turn machte und zum Flughafen zurückkehrte." Eine Bekannte von ihm, Debbie McHale, hingegen ist sich nicht so sicher. "Es könnte ein Unfall gewesen sein."
Die meisten wissen nicht, was sie glauben sollen, so wie Erhard: "Mein Instinkt sagte mir zunächst Terrorismus. Aber wenn man dann ein wenig drüber nachdenkt, spricht auch viel für einen Unfall. Ich will es stark hoffen." Doch schon der Zweifel zeigt ihr, wie sehr sich ihr Leben verändert hat. "Ich habe am Wochenende Fotos von einer Hochzeitsfeier im August angeschaut und mich gefragt: Wo ist nur mein altes Leben geblieben?"