Notre-Dame: Dach aus Stahl - oder originalgetreuer Nachbau? - DER SPIEGEL
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Wiederaufbau von Notre-Dame: "Bitte keine Plastik-Wasserspeier"

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Wiederaufbau von Notre-Dame "Bitte keine Plastik-Wasserspeier aus dem 3D-Drucker"

Erhält Notre-Dame bei einem Wiederaufbau einen originalgetreuen Dachstuhl - oder eine praktische Lösung aus Metall? Der Wiener Dombaumeister Wolfgang Zehetner erklärt die Vor- und Nachteile beider Varianten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Zehetner, wie gut kennen Sie Notre-Dame?

Wolfgang Zehetner: Ziemlich gut. Im vergangenen Jahr waren wir vom Stephansdom mit Notre-Dame an einem Projekt beteiligt: Wir haben unsere Portale kunsthistorisch verglichen und analysiert. Dadurch weiß ich, dass es sehr gute, auch dreidimensionale Pläne von Notre-Dame vor dem Brand gibt, die einen Wiederaufbau, zumindest am Computerbildschirm, erleichtern können.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie denn einen Wiederaufbau in fünf Jahren, wie Präsident Macron angekündigt hat, für realistisch? Kollegen von Ihnen haben daran Zweifel angemeldet.

Zehetner: Ich halte das für sehr ambitioniert. Und zwar nicht, weil ich denke, dass die Kosten zu hoch sein dürften - mit den momentanen Spendenzusagen sollte das klappen - sondern weil ich mir nicht vorstellen kann, dass man in dieser Zeit wirklich alle Schäden, die entstanden sind, beheben kann. Dafür wird man eher Jahrzehnte brauchen - vor allem, wenn man Notre-Dame originalgetreu wiederaufbauen will.

SPIEGEL ONLINE: Originalgetreu - was heißt das konkret?

Zehetner: Das heißt, dass auch die feingliedrigen Teile der Kirche wieder aus Steinblöcken gehauen werden müssen - und zwar von Handwerkern. Diese Techniken sind zum Teil über 700 Jahre alt.

SPIEGEL ONLINE: Können das heute nicht Maschinen leisten?

Zehetner: Heutzutage kann man sich natürlich beim Fräsen vom Computer helfen lassen. Aber die Fertigstellung bleibt beim Handwerker. Das macht ja auch einen Reiz bei originalgotischen Bauwerken wie Notre-Dame aus: dass in jedem Detail auch ein bisschen die Handschrift des Künstlers drinsteckt. Das erfordert Know-how und Fingerspitzengefühl. Man kann sich so etwas nicht mal eben in einem Schnellkurs aneignen. Und Handwerker, die das können, gibt es nicht viele - in ganz Europa vielleicht einige hundert.

Im Video: So wurde der Brand im Inneren von Notre-Dame bekämpft

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SPIEGEL ONLINE: Stößt ein originalgetreuer Wiederaufbau also durch Fachkräftemangel an seine Grenzen?

Zehetner: Ja, das ist ein Hauptproblem. Wir leben in einer Zeit, in der man gern mal sagt: "Naja, wenn die Finanzierung steht, läuft der Rest schon." Aber so einfach wird das in dem Fall nicht.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen, es finden sich genügend kundige Handwerker: Woher beschafft man das Material für so einen originalgetreuen Wiederaufbau?

Zehetner: Das ist auch nicht so einfach. Normalerweise versucht man, Stein aus der Umgebung zu nehmen, der beim ursprünglichen Bau schon verwendet wurde. Nur denke ich, dass die Steinbrüche, die dieses Material geliefert haben, heute ausgeschöpft oder ausgebeutet oder zugebaut sind: Da stehen im Großraum Paris heute vielleicht Hochhäuser drauf. Deshalb würde ich es im Fall von Notre-Dame schon für legitim halten, den von Geologen analysierten, passendsten Stein zu beschaffen, etwa aus Indien oder Brasilien.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur der Stein, sondern auch das Holz ist gerade ein Thema: Ein französischer Experte sagte, das Dach könne nicht mehr so aufgebaut werden wie vor dem Brand. Es gebe in unseren Regionen keine Bäume von der Größe wie die, die im 13. Jahrhundert gefällt wurden.

Zehetner: Das vermute ich auch. Baumstämme von der Qualität, die so ein Dachstuhl haben sollte, wird man in Mitteleuropa kaum auftreiben können. Man könnte stattdessen natürlich Tropen- oder Teakholz nehmen - und würde sich damit natürlich vom Originalgetreuen verabschieden.

SPIEGEL ONLINE: Wäre der originalgetreue Weg aus Ihrer Sicht überhaupt der richtige?

Zehetner: Mein persönlicher Wunsch wäre schon, dieses mittelalterliche Vorbild für viele Kathedralen, dieses Monument der gotischen Architektur, eine Ikone, möglichst originalgetreu wiederherzustellen - statt dort einen Plastik-Wasserspeier aus dem 3D-Drucker hinzusetzen.

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Grafiken: So breiteten sich die Flammen in Notre-Dame aus

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SPIEGEL ONLINE: Das hölzerne Dach des Stephansdoms brannte 1945 vollständig ab, es wurde durch ein Stahlkonstrukt ersetzt. Ein Vorbild für Notre-Dame?

Zehetner: Ja, auch weil das Stahldach sich bei uns gut bewährt hat. Nur muss man sagen: Das wurde unmittelbar nach dem Krieg gemacht, da hatten die Ingenieure wahrscheinlich mehr zu sagen als die Denkmalpfleger, weil es schnell gehen musste. Aber das ist zumindest technisch eine sehr gute Lösung - und nicht so aufwendig wie die originalgetreue Variante.

SPIEGEL ONLINE: Technisch sehr gut, ästhetisch und kulturgeschichtlich eher ausreichend?

Zehetner: Ganz so streng würde ich das nicht ausdrücken. Es ist so: Notre-Dame bildet ein kollektives Gedächtnis. Der Dachstuhl der Kathedrale ist verloren. Wenn so ein Bauteil nun komplett weg ist, ist es deshalb aus meiner Sicht legitim, als Ersatz eine zeitgemäße Konstruktion zu wählen, die dem Gebäude auf lange Sicht Vorteile bringt, etwa geringeres Gewicht und trotzdem höhere Stabilität.

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Wiederaufbau von Notre-Dame: "Bitte keine Plastik-Wasserspeier"

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SPIEGEL ONLINE: Wäre eine Stahlkonstruktion auch sicherer?

Zehetner: Nicht unbedingt. Bei Holz kann man im Brandfall recht gut abschätzen, wie lange es braucht, bis das wegbrennt, und kann daraus ableiten, wie viel Zeit man hat, um zum Beispiel die Leute zu retten. Stahl hingegen, der so stark erhitzt wird, brennt nicht, kann aber in Sekundenschnelle einknicken, weil er dann weich wird. Es ist also nicht so, dass Stahl vor allen Gefahren schützen würde.