NS-Zwangsarbeiter Massengrab in Stuttgart entdeckt
Stuttgart - Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Stuttgart bestätigte SPIEGEL ONLINE heute einen entsprechenden Bericht der "Stuttgarter Nachrichten". Die Behörde leitete gemeinsam mit dem Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes gegen Unbekannt ein.
Nach dem Bericht der Zeitung wurden die Häftlinge zwischen November 1944 und Februar 1945 solange in der Kälte zu schwersten Arbeiten gezwungen, bis sie schließlich einen Hungertod starben oder von Krankheiten und Seuchen dahingerafft wurden. Sie wurden in der südwestlichen Ecke des Flughafens, wo sich heute das Airfield der US-Streitkräfte befindet, verscharrt. Erst jetzt kamen die Skelette der Ermordeten zum Vorschein, als Bauarbeiter sich daran machten, einen neuen Sichtkontrollpunkt zu errichten, und im Erdreich auf die Knochen stießen. Die Arbeiten wurden sofort eingestellt.
Das Landeskriminalamt setzte die Ermittlungsgruppe Nationalsozialistische Gewaltverbrechen auf den Fund an. In den nächsten Wochen kommt es jetzt erst einmal darauf an, die einzelnen Knochen zu bergen und einander zuzuordnen. Allein für die Bergung der Skelettteile werde man mehrere Tage benötigen, schätzt das LKA.
Unklar ist daher bislang, wie viele Opfer der Nazis in dem Grab verscharrt wurden. Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft sprach von einer vermutlich zweistelligen Zahl, in den "Stuttgarter Nachrichten" ist von mehr als 30 Opfern die Rede. Ob im Anschluss auch die Identität der Toten geklärt werden kann, ist freilich mehr als fraglich.
Ähnlich unwahrscheinlich erscheint es, dass die Mörder ausfindig gemacht werden können. Nach LKA-Angaben wird aber bei der zentralen Ermittlungsstelle zur Aufklärung der NS-Straftaten in Ludwigsburg recherchiert, welche NS-Truppen gegen Kriegsende im Raum Stuttgart stationiert waren und für das Verbrechen verantwortlich sind.
Am Flughafen Echterdingen gab es während des Nationalsozialismus eine Außenstelle des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof im Elsass. Die Flugzeuge waren vor den Bombenangriffen in Sicherheit gebracht worden, die Zwangsarbeiter blieben zurück. Der Zeitung zufolge kamen in den drei Monaten 110 Menschen zu Tode. Nach Kriegsende habe die US-Armee die Leichen von ermordeten Juden in einem Forst in der Nähe exhumieren lassen, die am Flughafen vergrabenen Toten seien jedoch unentdeckt geblieben. Insgesamt seien in den acht Arbeitslagern der Region Stuttgart in den letzten Kriegsmonaten mindestens 3200 Menschen gestorben.