NSU-Prozess: André und Susann E. gelten als mutmaßliche Helfer - DER SPIEGEL
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André und Susann E.: Weihnachten unterm Hakenkreuz

Mutmaßlicher NSU-Helfer André E. Der Vertrauensmann

Der Neonazi André E. gilt als Schlüsselfigur der rechten Szene, als Antisemit und Rechtsextremist. Keiner soll den mutmaßlichen NSU-Terroristen so nahe gestanden haben wie er, auch seine Frau half angeblich. Nun muss sich E. mit Beate Zschäpe und weiteren Angeklagten vor Gericht verantworten.
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Zwei Kriminalkommissare klingelten am 1. Februar vergangenen Jahres an der Wohnungstür der Familie E. in Zwickau und baten Susann E., zweifache Mutter, zur Vernehmung. Sie galt als Beschuldigte. Der Vorwurf: Sie soll die terroristische Vereinigung um Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt unterstützt und ihre Personalien Zschäpe zur Verfügung gestellt haben.

Mit den Beamten fuhr Susann E. etwa 20 Minuten zum Polizeirevier Wilkau-Haßlau, im Südosten des Landkreises Zwickau. Die 31-Jährige zitterte, als sie für die Vernehmung Platz nahm, wie im Protokoll vermerkt ist. Die Situation sei ihr unangenehm, sagte sie den Beamten, sie sei labil. Die Polizisten boten ihr Getränke, Kekse und Süßigkeiten an. Susann E. entschied sich für ein Glas Wasser.

Ihre Nerven lagen blank. Ihr Ehemann André saß zu diesem Zeitpunkt in Untersuchungshaft. Die Spezialeinheit GSG 9 hatte ihn am 24. November 2011 in Mühlenfließ im Landkreis Potsdam-Mittelmark auf dem heruntergekommenen Gehöft seines Zwillingsbruders Maik festgenommen - und zeitgleich sein Zuhause in Zwickau gestürmt, in dem sich Susann E. aufhielt. André E., 33, Kinnbart, blondes Haar, gilt als mutmaßlicher Unterstützer der Terrorzelle. Nun beginnt der Prozess gegen André E. vor dem Oberlandesgericht München (OLG), mitangeklagt sind Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, Holger G. und Carsten S. André E. ist unter anderem angeklagt wegen Beihilfe zum versuchten Mord und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung.

Verdacht auch gegen Susann E.

Seit der Verhaftung ihres Mannes sei sie in ärztlicher Betreuung, sagte Susann E. auf dem Polizeirevier. Sie leide an Angstzuständen, durch die psychische Belastung habe sie rapide an Gewicht verloren. Ihren beiden Söhnen, fünf und zehn Jahre alt, gehe es ähnlich. Der GSG-9-Einsatz sei "übertrieben" gewesen. "Sie hätten auch klingeln können, ich hätte Ihnen geöffnet", sagte Susann E. Ihr Vermieter habe ihr wegen der Vorwürfe der Bundesanwaltschaft fristlos die Wohnung gekündigt.

André E. ist inzwischen wieder auf freiem Fuß. Der Bundesgerichtshof hob den Haftbefehl gegen E. im Juni 2012 auf. Er war zunächst für den Urheber des "Bekennervideos" gehalten worden.

Vielleicht hat Susann E. gehofft, ihr Leben würde nach der Freilassung ihres Ehemannes wieder so werden wie vorher. Doch vor wenigen Wochen hat die Bundesanwaltschaft ihre Ermittlungen erneut ausgeweitet - und ein weiteres Mal die Wohnung der Familie E. durchsucht. Susann E. steht inzwischen auch im Verdacht, Zschäpe bei ihrer Flucht im November 2011 geholfen zu haben.

Nach Überzeugung der Ermittler soll sie Zschäpe unter anderem saubere Kleidung zur Verfügung gestellt haben. Die Bundesanwaltschaft erweiterte das Verfahren gegen Susann E. um den Vorwurf der Strafvereitelung. Weder ihr Rechtsanwalt noch der ihres Ehemannes reagierten auf Anfragen von SPIEGEL ONLINE.

"Besonderes Vertrauensverhältnis"

Keiner soll so nah an den mutmaßlichen NSU-Terroristen und Mördern von zehn Menschen gewesen sein wie der Neonazi André E. und seine Ehefrau Susann. Sie sollen engen Kontakt zu der Terrorzelle gehabt haben, als diese längst im Verborgenen agierte. Nachbarn sahen die Familie E. bei den Untergetauchten ein- und ausgehen, Zschäpe hing demnach an den beiden Kindern. In deren ausgebrannter Wohnung wurden Spielsachen und entsprechende Fotos sichergestellt.

André E. kennt das Trio laut Zeugenaussagen schon seit 1998. Er soll für sie die erste konspirative Wohnung in Chemnitz und Wohnmobile für Banküberfälle angemietet und Bahncards besorgt haben.

Mundlos und Böhnhardt töteten sich am 4. November 2011, kurz darauf zündete Zschäpe die gemeinsame Wohnung an - und rief ab 15.19 Uhr mehrfach André E. an. "Dies belegt, dass insoweit ein besonderes Vertrauensverhältnis bestanden hat", sagte der Generalbundesanwalt. Zudem wertete er die Kontaktaufnahme an jenem Tag als Bestätigung dafür, dass E. "in die persönlichen Umstände" des Trios eingeweiht war.

Ermittler sind davon überzeugt, dass er Zschäpe in Zwickau auflas, bevor sie erst mit dem Zug ihre viertägige Irrfahrt durch Deutschland antrat und sich schließlich in Jena bei der Polizei stellte. Ein letzter Freundschaftsdienst, so scheint es.

Die Basis dieser Freundschaft war ihre gemeinsame politische Gesinnung: André E. trägt sie verewigt auf der Haut. Er habe dreimal nachfragen müssen, was genau da zu sehen sei, als Böhnhardt ihm von E.s Tätowierungen berichtet habe, sagte Max-Florian B. in einer Vernehmung. B. hatte dem Trio Unterschlupf gewährt und seine Personalien für gefälschte Ausweise zur Verfügung gestellt. "Die Jew Die" ("Stirb, Jude, Stirb"), prangt auf André E.s Bauch, angeblich ein "Kunstwerk" seines Zwillingsbruders Maik, ein ausgebildeter Tätowierer.

"Viel zu verdanken"

Er habe erst gar nicht verstanden, "dass es um das englische Wort für Jude ging", sagte B. "Ich fand das unglaublich." B. hat das Trio mit E. bekannt gemacht, auch er bestätigte gegenüber den Ermittlern, dass E. mit den Untergetauchten viele Jahre in Kontakt gestanden haben müsse.

André E. habe ihn nach vielen Jahren angerufen, seine aktuelle Nummer könne er nur von den Untergetauchten haben. Auch hätten Mundlos und Böhnhardt ihm gegenüber erwähnt, dass sie E. "viel zu verdanken" hätten. "Was es war, kann ich nur spekulieren, die haben mir das nicht konkret gesagt", so B.

André E., gelernter Maurer, gilt als Schlüsselfigur der rechten Szene Sachsens und als rabiater Antisemit und Rechtsextremist. Aufgewachsen im sächsischen Johanngeorgenstadt im Erzgebirge, wo der Vater als ehemaliger Skispringer eine Berühmtheit ist, gründete er die "Weiße Bruderschaft Erzgebirge", das Erkennungszeichen ließ er sich auf den Arm tätowieren, auch die Worte "Blut und Ehre", einen Wehrmachtssoldaten, drei ineinander verschlungene Hakenkreuze und ein Porträt von Horst Wessel ließ er sich in die Haut stechen. Auch E.s Frau Susann ist stark tätowiert.

Doch wie eng war nun die Beziehung der Eheleute E. zu Beate Zschäpe? Mit ihrem Ausweis gab sich Zschäpe im Dezember 2006 auf einer Polizeiwache in Zwickau als Susann E. aus. Wegen eines Einbruchs in der Nachbarschaft war sie zu einer Befragung geladen worden. An Zschäpes Seite erschien auf dem Revier: ihr vermeintlicher Ehemann André. Er war zur Stelle.