Obama in Ölpest-Region: "BP wird dafür bezahlen" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Obama in Ölpest-Region "BP wird dafür bezahlen"

Barack Obama fordert bei einem Krisenbesuch am Golf von Mexiko, alles Menschenmögliche gegen eine Ölverseuchung zu tun. Doch starker Seegang behindert die Rettungsarbeiten. Der Präsident warnt vor einer "nie gesehen Umweltkatastrophe" - und sagt schon mal, wer büßen muss: der Konzern BP.
Obama in Ölpest-Region: "BP wird dafür bezahlen"
Obama in Ölpest-Region: "BP wird dafür bezahlen"

Obama in Ölpest-Region: "BP wird dafür bezahlen"

Foto: Patrick Semansky/ AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Venice - Das aktuell größte Problem der Krisenbekämpfer an der US-Golfküste bekam Barack Obama an diesem Sonntag selbst zu spüren. Als der Präsident für einen eiligen Kurzbesuch in die Ölpest-Region reiste, ging es nach der Landung in New Orleans erst mal nicht weiter. Für einen Hubschrauberflug zur Küstenwache in Venice an der Mississippi-Mündung war das Wetter zu windig und regnerisch. Obama musste Auto fahren. Sein Zusammentreffen mit Experten verzögerte sich um zwei Stunden.

Die starken Winde waren es auch, die am Wochenende das Meer aufpeitschten. Die Wellen schlugen so hoch, dass sie die Arbeit der Rettungskräfte behinderten. Es ist nach Angaben der Behörden nun nicht mehr zu verhindern, dass der Ölteppich die Küste in Mitleidenschaft ziehen wird - erste Ausläufer haben Louisiana schon erreicht.

"Eine massive und möglicherweise noch nie dagewesene Naturkatastrophe" drohe der Region, sagte Obama am Abend bei seinem Besuch. Die Regierung werde tun, "was immer und wie lange es nötig ist, um diese Krise zu beenden". Im Mittelpunkt stehe jetzt "der unermüdliche Versuch", den Ölfluss ins Wasser zu stoppen. Dann machte er klar, wen er als den Schuldigen sieht: den Konzern BP, der die explodierte, gesunkene Bohrplattform mit dem nun leckenden Tiefseerohr betrieben hat. "BP ist verantwortlich für dieses Leck", sagte Obama. "BP wird die Rechnung bezahlen."

Die US-Regierung erhöht seit Tagen den Druck auf BP, sich stärker zu engagieren. Dazu sei das Unternehmen per Gesetz und nach den Verträgen verpflichtet, sagte Innenminister Ken Salazar. Nach seinen Worten gibt es keinen Zweifel, dass eine Vorrichtung zur Verhinderung eines solchen Ölaustritts versagt hat.

Fotostrecke

Ölpest: US-Küste droht Katastrophe

Foto: Alex Brandon/ AP

Die Schuldfrage ist für die US-Regierung zentral. Zum einen gab es Vorwürfe, die Behörden hätten BP zu lasche Auflagen für die Bohrungen gemacht - zum anderen wurde Obamas Regierung vorgeworfen, sich zu lange auf den Konzern berufen und zu spät selbst auf das Desaster reagiert zu haben. Der Präsident sei von Anfang an eingebunden gewesen, sagte nun sein Sprecher. Er wolle sich bei seinem Besuch persönlich ein Bild vom Ausmaß der Ölkatastrophe machen und sichergehen, dass "alles Menschenmögliche" zur Bekämpfung getan wird. Die erste Priorität sei, dass das Rohr dicht gemacht werde und kein Öl mehr austrete.

"Nur noch eine Frage des Wo und Wann"

Inzwischen ist durch den Ölteppich die Küstenregion von Louisiana bis Florida gefährdet. Der immer noch wachsende Teppich hat eine Länge von schätzungsweise mehr als 200 Kilometern und ist rund 110 Kilometer breit. Knapp 800.000 Liter Öl laufen pro Tag ins Meer. Schlimmstenfalls könnten es bis zu 15,9 Millionen Liter täglich werden, sagte Innenminister Salazar.

Dass der Ölteppich die Küste erreichen wird, bezweifelt niemand, "es ist nur noch eine Frage des Wo und Wann", sagte der oberste Krisenmanager Thad Allen von der Küstenwache. Erwartet wird, dass das Öl zuerst auf die Chandeleur-Inseln an Rande des Mississippi-Deltas trifft. Sie gehören zum Wildreservat Braton National Wildlife, in dem zahlreiche Vögel brüten.

Eine Möglichkeit, das Loch in 1600 Meter Tiefe zu schließen, ist jedoch nicht in Sicht. Hunderte Boote und Flugzeuge beteiligten sich an Versuchen, den Teppich auf der Wasseroberfläche zusammenzuhalten. Die Küstenwache setzte zusätzliche schwimmende Sperren und Schranken ein. Ein Sturm und hoher Wellengang machten diese Versuche aber vielerorts zunichte.

BP räumt Probleme ein

Mindestens vier Wochen, wenn nicht zwei bis drei Monate dürfte es Experten zufolge dauern, bis entweder eine Abzugsröhre das Öl in ein Schiff umleiten oder eine zweite Quelle angebohrt werden kann, aus der das Öl dann kontrolliert entweicht. BP räumte ein, Schwierigkeiten zu haben, das Leck unter Kontrolle zu bringen.

Einem Bericht der britischen Zeitung "Mail on Sunday" zufolge könnten auf BP Kosten in Höhe von mehr als 4,6 Milliarden Dollar zur Eindämmung der Ölpest und zur Reinigung der Küsten zukommen. Die Küstengewässer und Sumpfgebiete im Golf von Mexiko sind Heimat zahlreicher Tierarten: Seekühe, Delfine, Wale, Tümmler und Pelikane leben dort. Im Golf gibt es zudem riesige Mengen an Fischen, Austern, Krabben und Muscheln. Tierschützer und auf Ölkatastrophen spezialisierte Helfer bereiteten sich auf einen Großeinsatz vor.

Die jüngste Katastrophe wirft ein Schlaglicht auf geplante Bohrungen vor den US-Küsten. Zum Entsetzen vieler Anhänger hatte Obama erst kürzlich Tiefseebohrungen zur Öl- und Gassuche gebilligt, die nun aber erst einmal ausgesetzt wurden. Der sich abzeichnende wirtschaftliche Schaden führt zu Unmut in der Bevölkerung.

Allein die Fischereiindustrie in Louisiana könnte der Ölteppich einem Analysten zufolge 2,5 Milliarden Dollar kosten - Fischen wurde am Sonntag für mindestens zehn Tage in der Krisenregion untersagt. Auch der Schaden für die Tourismusindustrie entlang der Golfküste Floridas könnte sich auf drei Milliarden Dollar summieren, schätzte die Investmentgesellschaft Bernstein.

jdl/Reuters