Kampf gegen Abwanderung in der Oberlausitz Wo der Osten langsam aufblüht
Ländliche Idylle und gähnende Leere: eine Fahrt durch die Oberlausitz in Sachsen, eine der ärmsten Regionen Deutschlands und Hochburg der AfD. Nach der Wende zogen hier viele Menschen weg, besonders hart traf es Weißwasser. Seit 1990 hat die Kleinstadt mehr als die Hälfte ihrer Einwohnerinnen und Einwohner verloren. In den 90er Jahren wurden die traditionellen Glashütten der Stadt geschlossen, Tausende Jobs in der Braunkohleindustrie abgebaut – eine ganze Generation zog weg.
Torsten Pötzsch, Bürgermeister:
»Das war ziemlich gruselig gewesen, ich kann mich an die Zeit gut erinnern und hab es daran gemerkt, dass auf einmal der eine oder andere Freund nicht mehr da gewesen ist. Das war traurig, und ich wollte selbst weg. War auch schon alles klar gewesen, aber hab dann '90 eine Leerstelle gekriegt, und hab dann gesagt: Gut, dann bleibst du doch erst mal hier.«
Das Kino machte zu, Trostlosigkeit und Niedergang prägten Weißwasser. Die Südstadt, größtenteils erst in den 80er Jahren errichtet, wurde rückgebaut: 3000 Wohnungen wurden abgerissen, ihre Bewohner umgesiedelt. Und diejenigen die blieben, taten das meist aus einem Grund: Die Stadt grenzt fast direkt an den Braunkohle-Tagebau Nochten. Die gut bezahlte Arbeit hier und im Kraftwerk Boxberg sichert etwa einem Drittel der Bewohner von Weißwasser noch immer ihr Auskommen. Doch spätestens 2038 soll Schluss sein mit der Kohle – eine weitere Abwanderungswelle droht der Stadt.
Torsten Pötzsch, Bürgermeister:
»Ich persönlich will nicht wieder abhängig sein von irgendeiner Branche wie Energie- oder Glasbranche. Sondern wenn mal wieder sich etwas verändert, etwas passiert, dass wir das besser wegstecken können als in der Vergangenheit.«
Pötzsch will Weißwasser arbeitsplatzunabhängig attraktiver machen: Der 50-Jährige gründete die Wählervereinigung Klartext, seit 2010 ist er Bürgermeister und versucht nun, seine Stadt zu retten. Ein Teil von Weißwassers Plattenbausiedlungen lässt er nicht mehr abreißen, sondern umbauen: neue Grundrisse, Dachterrassen und Fahrstühle – mehr Luxus, der nur ein Drittel der deutschen Großstadtpreise kosten soll.
Torsten Pötzsch, Bürgermeister:
»Hier ist eines der Wohngebiete, das wir umgebaut haben, indem wir Ecken rausgenommen haben. Zugebaut war die Ecke, auch die Ecke gegenüber, und haben einen Teil der Häuser abgetreppt auf vier oder drei Etagen oder ganz auf drei Etagen.«
Nach wie vor stehen aber Wohnungen leer, die Stadt altert rapide. Dass es sich auch anders entwickeln kann, zeigt der Ort Nebelschütz, rund eine Fahrtstunde entfernt. Auch dort sah es Anfang der 90er-Jahre nicht aus wie heute.
Thomas Zschornak, Bürgermeister:
»Es war nicht aufgeräumt. Wir hatten die schlechtesten Straßen in der Gemeinde. Wir hatten kaum Baumbestand, außer viele Tannen standen in Nebelschütz. Wir hatten keine Gasleitungen, es war keine Kommunikation über Telekom möglich.«
Aus Nebelschütz sind viele junge Familien fortgezogen, sie wollten keine zwanzig Jahre warten, bis sich die Region und der Ort weiterentwickeln. Doch in der jüngsten Zeit ändert sich der Trend. Etliche ziehen zurück oder hinzu – die Pandemie hat diese Entwicklung verstärkt. Die Nachfrage übersteigt das Angebot:
Thomas Zschornak, Bürgermeister:
»Da sind viele Lebensgemeinschaften und Familien unterwegs, die gerade Neuland suchen. Wir haben nicht die Möglichkeit, so viel Bedarf anzubieten. Sondern wir sagen auch: Geht in die anderen Dörfer, entwickelt die und setzt dort euren Pfeiler. Und dann können wir uns vernetzen, der eine lernt vom anderen.«
Die Kita von Nebelschütz wurde neu gebaut, alle 80 Plätze sind belegt. Zschornak ist überzeugt: Damit sich die Dorfbewohnerinnen und -bewohner wohl fühlen, müssen sie selbst etwas verändern können. Und so fragte er auch die Kinder, was sie sich für ihre neue Kita wünschen.
Thomas Zschornak, Bürgermeister:
»Viele hatten da ein Bild gemacht, wo ein Berg drauf ist. Da haben wir gefragt: »Was ist denn das?‹, Herr Bürgermeister, wir wollen gern einen Rodelberg haben.‹ Und bei dem Bau war natürlich Erdmasse übriggewesen, die haben wir abgelegt und danach haben wir dann mit unseren Jugendlichen und Kindern diesen Rodelberg und unseren Spielplatz angelegt.«
Zschornak ist CDU-Mitglied, doch könnte er auch den Grünen angehören: Er setzt in Nebelschütz auf eine autarke Energieversorgung mit Solarzellen und Windkraft sowie auf biologische Landwirtschaft im Einklang mit der Natur. Das ganze Dorf, so scheint es, wirkt mit an der Transformation. Kräuter und Obst werden selbst angebaut und dann im Hofladen verkauft. Der Bürgermeister möchte unabhängiger werden, sein Dorf soll sich so weit wie möglich mit selbst angebauten Bio-Produkten versorgen. Aus Ziegeln, Dachbalken und Fenstern abgerissener Häuser haben die Dorfbewohner eine Sommerküche gezimmert – ressourcensparend.
Nebelschütz gibt sich betont vernetzt mit seiner Region. Der Bürgermeister von Weißwasser ist im engen Austausch mit Zschornak, auch er hat viele Ideen, wie die Gemeinschaft seiner Stadt wieder wachsen soll: Über ein Rückkehrer-Telefon erreichen ihn Jobbewerbungen von Weggezogenen, die zurück möchten, zumindest irgendwann.
Mit dem Kulturzentrum Telux wollen Pötzsch und sein Team den Ort für junge Menschen attraktiv machen. In einem ehemaligen Glaswerk sei so eine »Stadt in der Stadt« entstanden. Zahlreiche Kreative bauen das Gelände um, veranstalten Konzerte, ein offenes Jugendzentrum wird gerade neu eingerichtet.
Torsten Pötzsch, Bürgermeister: »Das ist so ein richtiger Kraftort, weil ich sehe, dass jede Woche etwas passiert. Am Samstag haben wir hier eine Party gefeiert mit ein paar Leuten bis in die Morgenstunden, das war wie so ein kleines Festival. Und die Leute, die von auswärts gekommen sind, schwärmen jetzt noch davon, weil das ein schöner Ort ist.«
Doch bis heute schrumpft Weißwasser. Laut einer Umfrage des »Lausitz Monitor« ziehen insbesondere junge Frauen weg, weil für sie keine attraktiven Jobs im sozialen Bereich vorhanden sind. Pötzsch wünscht sich von der neuen Bundesregierung eine bessere Anbindung an das Verkehrsnetz der Region, um so mehr Menschen in die Ostlausitz zu locken.
Torsten Pötzsch, Bürgermeister: »Mein Herz schlägt hier. Jetzt habe ich zwei kleine Kinder, und jetzt weiß ich auch noch mehr, warum ich das mache. Der eine ist jetzt zwei geworden, der große wird vier und da nimmt man ein paar Entbehrungen in Kauf.«