Ölpest in Galicien Dem Tode geweiht
Gischt spritzt gegen die Kaimauern, Meter hohe Wellen lassen die wenigen im Hafen liegenden Fischerboote einen verrückten Tanz aufführen. Auf der Mole des bei den Sommergästen wegen seiner feinsandigen weißen Strände so beliebten Dorfs Laxe an der Nordwestküste Spaniens, stehen Kisten voller Fisch. Möwen umfliegen die Leckerbissen kreischend. Aber keiner der sonst so gierigen Räuber versenkt seinen Schnabel in der Nahrung.
Die Fischauktionshalle ist geschlossen an diesem stürmischen Novembertag, die Männer in Parker und Gummistiefeln drängen sich im winzigen Büro der Fischereigenossenschaft. Seit vorletzten Mittwoch der Tanker Prestige vor der galicischen Küste leckschlug und am Dienstag vergangener Woche schließlich sank, haben an die 20.000 Tonnen aus den zerborstenen Tanks getretenes Schweröl das Geschick der Menschen hier gewendet.
Zwei Fischer der örtlichen Genossenschaft waren in den ersten Morgenstunden auf die hohe See 10 Meilen vor die Küste gefahren, wie es die Fischereibehörde der galicischen Regierung angeordnet hatte. Doch in ihren Netzen fingen sie hauptsächlich Ölschlammm, sie verdarben sich die Boote.
"Unseren Fisch will keiner mehr, nicht mal die Möwen", stellt bitter Luis Suena vom Genossenschaftsvorstand fest. Beißender Gestank, wie auf einer Ölraffinerie, liegt über dem Hafen. 200 Mitglieder hat die Fischereigenossenschaft von Laxe. Hier wie in den Nachbarorten an der wegen ihrer steilen zerklüfteten Felsen "Costa da morte" genannten Todesküste leben alle vom Meer. Die Tankerhavarie, zehn Jahre nach der letzten Ölpest vor Galicien, ist "das Schlimmste, was ich je erlebt habe", sagt der Bootseigner Suena. Seit 28 Jahren trotzt er dem Meer Fisch, Schalentiere und Muscheln ab. Sein von Sonne und Wind gegerbtes Gesicht durchfurchen tiefe Sorgenfalten, hinter den Brillengläsern funkelt es verdächtig.
Gerade zu dieser Jahreszeit vor Weihnachten machten die Fischer ihr Hauptgeschäft. An den Felsen beim Leuchtturm von Laxe krallen sich die Entenmuscheln mit ihren orangen Füßen in den Stein. Für diese in ganz Spanien begehrte Spezialität der Percebes, die galicische Fischer unter Lebensgefahr von den glitschigen gischtumsprühten Wänden reißen, erlösen sie pro Kilo an die 120 Euros. Jetzt sind die unter Naturschutz stehenden Felsen wie von schwarzem glänzenden Lack überzogen, die Mollusken sind tot. "Va para largo", das kann lange dauern, bis wieder gesunde Percebes nachgewachsen sind. Die jungen Percebesjäger sitzen wie ihre älteren Kollegen untätig in der Genossenschaftsbar und schlagen die Zeit tot mit Dominospielen und Flippern. Vor Weihnachten so hat die galicische Landesregierung versprochen, sollen die Geschädigten ausgezahlt werden. 30 Euros pro verlorenen Tag für die Fischer, 21 für Bootseigner wie Suena.
"Armselig", sagt der kleine stämmige Mann im handgestrickten grünen Pulli, "wenn wir wochenlang nicht fischen dürfen gehen wir Pleite." Mindestens 7000 Arbeitsplätze sind schon verloren gegangen, rechnen allein die Fischereigenossenschaften an der Todesküste.
Einen Tag und eine Nacht lang haben deshalb die meisten der 3000 Bewohner von Laxe geschuftet, um die Hafeneinfahrt vom der zähen schwarzen Masse zu befreien. "Wir hätten die Dorfstraßen damit teeren können", sagt Suena mit trockenem Witz. Vier Tonnen Schlamm haben sie zusammengekratzt. Doch die Behörden hatten den Menschen verschwiegen, dass das Schweröl hochgiftig ist, besonders wegen seiner starken Schwefelbelastung. Die meisten Helfer arbeiteten ohne Atemmasken, viele packten verschmutzte Planen und Bojen mit den bloßen Händen an.
Am achten Tag nach der Tankerhavarie vor Galicien besuchte endlich der Umweltminister Jaume Matas die verzweifelten Fischer. Er versprach 42 Millionen Euro zur Beseitigung der Schäden und meinte heiter, in einem halben Jahr sei alles wieder vergessen.
Da können die Männer und Frauen in der Bar nur hohnlachen. "Uns gehts wie den Bauern mit den vacas locas", sagt Carmen, die im Hinterland der Costa da morte aus ihrem kleinen Karavan Fisch verkauft. So wie keine Hausfrau mehr Fleisch kaufte, als die Zeitungen täglich über neue Fälle von Rinderwahn in galicischen Bauernhöfen schrieben, habe jetzt keiner Appetit auf Fisch. Um vier Uhr früh war sie 100 Kilometer weit bis auf den Großmarkt von La Coruña gefahren, um sich mit tadelloser Ware einzudecken. Doch ihre Kunden nahmen kaum etwas ab.
"Wir werden die Koffer packen müssen und auswandern", sagt der Percebeiro Juan resigniert wenige Kilometer entfernt im Fischerdörflein Camelle. Seine Vorfahren haben schon das gefährliche Gewerbe mit den Entenmuscheln betrieben, der Großvater und ein Onkel haben für die kostbare Beute sogar ihr Leben gelassen. Jetzt liegt ein halber Jahresverdienst verklumpt unter einer zähen schwarzen Schlammdecke.
Juan, 45, und sein älterer Bruder haben in früheren Krisenzeiten im fernen Bremerhafen malocht. Aber jetzt, so vermuten die Fischer, werden sie auch da keine Arbeit mehr finden. "Uma tristeza", murmelt der Vater von drei kleinen Kindern im an die Sprache der Nachbarn in Portugal erinnernden Dialekt, "zum Heulen." Seit der Todesschlamm am vorletzten Sonntag ihre Existenz zerstörte, haben sie untätig zusehen müssen, wie sie die Behörden im Stich lassen. Selbst anzupacken wurde ihnen anders als den Kollegen von Laxe verboten, angeblich, weil sie nicht gegen Unfälle bei der Säuberung versichert sind.
Keiner der 150 Soldaten, die vergangene Woche von der Regierung ins Katastrophengebiet entsandt wurden, tauchte hier auf. Nur fünf Männer unter der Leitung des Zivilschutzes pumpten endlich am Mittwochmorgen stinkenden Brei aus Öl und Sand in einen auf der Mole geparkten Zisternenwagen. Bald jedoch verschwanden die Helfer. Abends standen die orangen Blechtonnen, bis zum Rand mit dem giftigen Schlamm gefüllt, am Kai. Um zu verhindern, dass der Sturm, der mit 110 Kilometer Windgeschwindigkeit tobte, die Kanister wieder ins Meer reißt, schaffte sie schließlich der Patron der Genossenschaft weg. Wo sie jedoch mit der hochtoxischen Substanz hin sollen, erfuhren die Gemeindeverwaltungen bis Ende letzter Woche nicht.
Jugendlichen aus dem Dorf Camelle und Freiwillige, angeleitet von Naturschützern suchen täglich zwischen den ölgelackten Felsen nach kranken Vögeln. Auf die verlockend glänzenden fetten Öltümpel im gelben Sand und auf dem Wasser setzen sich gern Möwen. Ihre Brustfedern sind verklebt, verzweifelt versuchen sich mit den Schnäbeln zu reinigen und schlucken dabei das tückische Gift.
Die verletzten Tiere bringen Helfer und Angestellte der Umweltschutzbehörde Galiciens bis hinter La Coruña in ein kleines Haus inmitten grüner Wiesen. Dort im Zentrum für die Rettung der Fauna der Provinz, hat der Tierarzt Pascual Calabuig vor wenigen Tagen eine Notstation für die von der Ölpest bedrohten Vögel improvisiert. Calabuig, der eigens eingeflogene Leiter der Tier-Rettungsstation auf den Kanarischen Inseln, und sein galicischer Kollege Pablo Teixeiro versuchen die über 500 Tordalke, Basstölpel, Kormorane Gimpel und Möwen zu säubern, zu entgiften und mit Vitaminspritzen und Fischbrei wieder aufzupäppeln. Höchstens fünf Prozent der kranken Vögel werden gefunden, schätzt Calabuig. Er glaubt, dass 38 seltene Arten von der Ölpest gefährdet sind. Denn ihre Nahrung wurde auf Jahre verseucht. Fast die Hälfte der an Galiciens Küsten lebenden Vögel, so fürchtet der Wissenschaftler, "sind dem Tode geweiht".
Und das Schlimmste für Tiere und Menschen ist noch gar nicht eingetreten. Denn im Unglückstanker, der 250 Kilometer vor Galiciens Westküste auf dem Meeresgrund liegt, stecken schätzungsweise noch weitere 60.000 Tonnen Schweröl. Zwar beruhigte der Landesvater Galiciens, der greise ehemalige Tourismusminister von Diktator Franco, Manuel Fraga seine Untertanen, das Öl werde in der Kälte verklumpen, "nix wird mehr geschehen."
Aber was passieren könnte, wenn die Tanks des altersschwachen Billigflaggenschiffs bersten, darüber spekulieren die Fischer lauthals im Genossenschaftsbüro von Laxe und an den Hafenmolen der Todesküste. Bei ihnen sind die Entenmuscheln hin. Übers Wochenende trieb der Ölteppich nordwärts und verseuchte die Küstenorte bis nach Asturien. Doch wenn der Wind dreht und der schwarze Tod die fischreichen Rías Baixas überzieht, der Ölteppich gar bis nach Portugal treibt, verlieren Zehntausende Familien ihre Existenz.
"Unser Schicksal hängt ab von der Gunst der Winde wie schon vor Jahrtausenden", sagt der Fischer Suena in Laxe und blickt mit der Gelassenheit, die nur Gallegos haben, in den Sturm hinaus. "Wir sind so ruhig geblieben, weil wir noch gar nicht wissen, was auf uns zukommt."