Bausünden bei Olympia: Die schiefen Häuser von Sotschi
Bausünden bei Olympia Die rutschenden Häuser von Sotschi
Wenn Tigran Skiba, 52, jeden Morgen um 4 Uhr mit seinem Lieferwagen aufbricht, um Sotschi mit frischem Brot zu versorgen, schaut er auf die neuen Sportstätten. Im Tal liegt das Stadion "Fischt". Im Mondlicht schimmert der Große Eispalast wie eine Perle. Er scheint ganz nah.
Der Olympia-Park liegt keine zwei Kilometer Luftlinie entfernt. Was Tigran Skiba Sorgen macht, ist die Tatsache, dass es bei dieser Distanz nicht geblieben ist. Der Abstand zwischen seinem Heim und den Stadien wird kleiner, langsam, aber beständig. Der Hang, auf dem sein Haus steht, rutscht ab ins Tal, anderthalb Meter allein in diesem Jahr, sagt Skiba.
Die Einwohner der Baku-Straße haben lange gerätselt, wieso ihre Grundstücke ins Rutschen gerieten. Hinter dem Haus der Nachbarn der Skibas beginnt dichter Wald. Manchmal suchen sie dort Feuerholz. Hinter dem Wald sind sie dann auf den Grund für den Erdrutsch gestoßen. Bagger haben dort eine Grube ausgehoben, in die Lastwagen Schutt abladen, Abfälle von den Olympia-Baustellen. "Die Müllkippe hat die Grundwasserströme am Hang verändert", sagt Wladimir Kimajew, Umweltaktivist der Organisation Ökowacht. "Deshalb schmieren die Häuser ab."
Am schwersten hat es das Mehrfamilienhaus gegenüber der Skibas getroffen, fünf Stockwerke. Ein paar Monate lang kroch es über den Hang, und bevor man es abriss, drückte es noch die Holzhütte eines Nachbarn nieder. Fünf Stockwerke hätte man am Hang der Baku-Straße niemals errichten dürfen, sagt Skiba. Der Bauunternehmer hatte auch - wie so oft in Sotschi - keine offizielle Genehmigung.
Versprechen von den "grünen Spielen"
Skiba hat umgerechnet 62.000 Euro in sein Haus gesteckt, Ersparnisse und "Kredite, mit denen ich mich heute quäle". Die Behörden haben 2010 die Pläne durchgewunken: zwei Stockwerke für zwei Familien? Kein Problem, hieß es.
Wenn Skibas Enkelin im Wohnzimmer spielt, dann rollt der Ball beständig in ein und dieselbe Ecke. Die Erdbewegungen haben das Haus gekippt. Es neigt sich inzwischen um vier Grad, genauso, wie der Schiefe Turm von Pisa. Skiba hat den Kühlschrank von einer Seite mit Brettern aufgebockt. Damit der Kompott, den seine Frau gekocht hat, nicht aus den Gläsern läuft.
Als Sotschi 2007 den Zuschlag bekam, verpflichtete sich der Kreml zu "zero waste", also null Verschmutzung der Umwelt. Als im Oktober bekannt wurde, dass auch Russlands staatliche Eisenbahn tonnenweise Bauabfälle in einer Müllgrube im Kaukasus verklappt, gab sich das Internationale Olympische Komitee empört. Dabei war angesichts der für die Winterspiele nötigen Investitionen von Beginn an klar, dass diese Versprechen von "grünen Spielen" nicht zu halten sein würden.
Der Aufwand für die Winterolympiade in Sotschi ist gewaltig. Sechs nagelneue Stadien hat der Kreml an die Küste des Schwarzen Meeres gebaut. Dazu kommen Pisten, eine Sprungschanze und Dutzende Fünf-Sterne-Hotels an den Hängen des Kaukasus. Die Sportstätten in den Bergen und am Ufer werden verbunden von einer neu gebauten Gebirgsstraße. Parallel verläuft die ebenfalls für die Spiele errichtete Trasse des modernen Schnellzugs "Schwalbe".
"Man will mich zum Schweigen bringen"
Naturschützer hatten mit ihren Einwänden gegen das Prestigeprojekt einen schweren Stand. Die meisten Umweltorganisationen haben sich aus Sotschi zurückgezogen. Eine Ausnahme bildet die Ökowacht im Nordkaukasus, ein regionaler Zusammenschluss von Aktivisten, dem auch Wladimir Kimajew angehört.
Die Ökowacht hat gegen die Verschmutzung von Flüssen durch die Bauarbeiten protestiert und gegen die Zerstörung von Wäldern, meist ohne großen Erfolg. Die Gruppe kämpft gegen die Bebauung von Ufern und Stränden. International in die Schlagzeilen kam die Ökowacht, als Aktivisten vor einigen Jahren auf das Gelände von mehreren Luxusvillen am Schwarzen Meer vordrangen, die zum Teil in Naturschutzgebieten errichtet worden waren. Eine der Residenzen hatte sich der Gouverneur des Gebiets bauen lassen. Ein anderes Anwesen - ein wahrer Palast mit Casino und Hubschrauberlandeplatz - soll für Wladimir Putin persönlich bestimmt sein.
Weil er den Zaun der Residenz des Gouverneurs beschädigt haben soll, wurde ein Umweltaktivist zu drei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Der Anführer der Ökowacht, Suren Gasarjan, wurde vor einem Jahr zur Fahndung ausgeschrieben. Der Vorwurf lautete auf versuchten Mordes. Gasarjan soll einem Wachmann auf dem Gelände des angeblichen Putin-Palasts mit dem Tod gedroht haben und mit einem Stein ausgeholt haben. Der Umweltschützer hat in Estland politisches Asyl beantragt.
Aktivist Kimajew ist in Sotschi geblieben. Um die langen Staus in der Küstenstadt zu vermeiden, ist er oft mit seinem Moped unterwegs. Im Herbst wurde ihm das zum Verhängnis, die Bremsen versagten. Kimajew glaubt, dass jemand sein Moped manipuliert hat. "Man will mich zum Schweigen bringen", sagt er.
Die letzte Hoffnung heißt Präsident Putin
Tigran Skiba von der Baku-Straße haben die Behörden Notunterkünfte versprochen, aber nur ein einziges Zimmer pro Familie. Also ist Skiba in seinem schiefen Haus geblieben. Nachts liegt er oft lange wach. Er horcht dann, ob nicht ein Knirschen den Einsturz seines Heims ankündigt und er Frau, Kinder und Enkel warnen muss.
Die letzte Hoffnung heißt Präsident Putin. Skibas Nachbarin Swetlana Afanasjewa, 60, baut sich in ihrem Vorgarten auf, eine resolute Frau im Bademantel. Sie hat unten an der Küste gewohnt, bevor die Sportstätten dort gebaut wurden, in der Imereti-Senke. Swetlana und ihr Mann haben eine fürstliche Entschädigung bekommen, zwölf Millionen Rubel, umgerechnet 250.000 Euro. Der Tochter haben sie davon eine Wohnung gekauft, sich selbst das Grundstück in der Baku-Straße und ein Holzhaus. Das fällt nun auseinander.
Swetlana Afanasjewa hat deshalb einen Brief geschrieben, adressiert an Kreml-Chef Putin persönlich. "Verehrter Wladimir Wladimirowitsch, ich schreibe Ihnen aus Sotschi, das war ein zauberhafter Ort, bis diese Schweine kamen", steht da. Das Schreiben schließt mit einer Bitte: "Wenn Sie mal wieder in den schönen neuen Stadien da unten sind, vielleicht achten Sie auch einmal darauf, was hier bei uns passiert am Hang."