Olympias dunkle Seite Wo Kinder zu Bettelrobotern getrimmt werden
Berlin - Fragt man die Damen und Herren des Athener Organisationskomitees (ATHOC), wird der griechische Olympia-Sommer angeblich einmalig. Der Stadionbau schreitet munter voran, die Spielstätten gewinnen langsam an Form und Farbe, Hotels, Restaurants und Bars warten frisch renoviert auf den bevorstehenden Besucheransturm. Die Griechen selbst sind nun vollends im Banne des Sports. Die triumphale Heimkehr der griechischen Nationalmannschaft als Europameister ebnete den hellenischen Begeisterungsstürmen den Weg.
Doch nimmt man die Gassen, Plätze und Tavernen Athens und Thessalonikis etwas genauer in Augenschein, so dürften nicht mehr Trainer Otto Rehhagel und seine Spieler zu den "Botschaftern Griechenlands angesichts der Olympischen Spiele" (ATHOC) ausgerufen werden, sondern eher Menschen wie Mario, Naïm, Claudia, Lezim, Astrit, Mirela oder Alketa.
Diese etwas anderen Botschafter Griechenlands streunen durch die Fußgängerzonen der griechischen Städte, ständig auf der Suche nach potenziellen Spendern. Man trifft sie besonders abends, wenn die Menschen in den Tavernen und Bistros ihren Feierabend genießen. Dann tauchen sie auf, die Kinder mit den großen Augen, in der Hand einen Korb mit Blumen oder eine Tüte mit Taschentüchern, Heiligenbildchen oder Telefonkarten. Schick sind sie, tragen saubere Kleidung und haben eine gesunde Gesichtsfarbe. Andere jedoch betteln auch einfach nur um ein paar Cent. Diese Kinder geben ein ganz anderes Bild ab, wirken krank und ärmlich. Mitleid erfasst bei diesem Anblick fast jeden.
"Unternehmen" Kinderhandel
Spricht man sie an, erzählen sie alle überraschend offen aus ihrem Leben, nett und freundlich. "Meine Eltern haben nicht viel Geld, mein Vater verdient nicht so viel", heißt es beispielsweise, "deswegen helfe ich." Oder man hört von einer Mutter, die ihre vier Kinder in Griechenland allein durchbringen muss. Diese und ähnliche Geschichten vernimmt man oft, eine rührseliger als die andere. Eins jedoch haben sie zumeist gemein: Sie sind erfunden und erlogen, ausgedacht, um die Herzen der Touristen und Restaurantbesucher zu erweichen.
Sich solche Geschichten auszudenken und den Kindern einzutrichtern - das ist Aufgabe der "Bosse". Sie agieren allein oder innerhalb mafioser Strukturen, die mit Frauenhandel und Prostitution, Drogenschmuggel und Waffendeals viel Geld verdienen. Den meisten Profit machen sie jedoch mit Kindern, die sie in Albanien kaufen und in Touristenhochburgen zum Betteln auf die Straße schicken - nach Angaben von Interpol allein in Europa mehrere Millarden US-Dollar - jedes Jahr. Griechenland ist dabei neben Italien Transit- und Zielland Nummer eins. Die Bettelkinder in den griechischen Großstädten Athen und Thessaloniki kommen vor allem aus Albanien, eingeschleust über die Berge in der albanisch-griechischen Grenzregion.
Nach Überzeugung der Schweizer Stiftung Terre des Hommes orientieren sich die Machenschaften der Schmuggler dabei sehr genau an marktwirtschaftlichen Prinzipien: Angebot, Nachfrage, Umsatz und Gewinn, interne und externe Marktbedingungen ließen sich wie bei jeder anderen Firma auch auf das Unternehmen Kinderhandel anwenden. Der Aufwand sei gering, Startkapital kaum nötig.
Die Händler in Albanien haben dabei meist leichtes Spiel. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Staates sind viele Familien in Albanien verarmt und zerrüttet. Ohne Perspektive hausen sie in ihren heruntergekommenen Dörfern oder verelendeten Vororten, der Vater arbeitslos und die Mutter völlig überfordert. Diese Brutstätte von Armut und Hoffnungslosigkeit ist für die Menschenhändler ein idealer Ort, um ihre "Schützlinge" zu erwerben.
"Diese Händler sind aber keine düsteren Gestalten", sagt Renate Schoch von Terre des Hommes. "Sie stammen meist aus den weitverzweigten Familien der Opfer und wissen von der Misere der Eltern." Alles spiele sich im verwandschaftlichen oder auch nachbarschaftlichen Kreis ab. Die Menschenhändler sprechen die Familien direkt an und locken sie mit dem Versprechen eines gutbezahlten Jobs für den Sohn oder die Tochter. Die Familien ahnen meist nichts von den wahren Plänen der Menschenhändler und vertrauen ihnen ihr Kind an.
Neue Strategie der Kinderhändler
Sind die Kinder dann erstmal in Griechenland, werden sie skrupellos ausgebeutet. Betteln, Musizieren, Singen, das Feilbieten von kleinen Aufmerksamkeiten oder das Waschen von Autofenstern bestimmen ihren Alltag, oftmals für die nächsten Jahre. Überwacht werden sie dabei von ihrem Boss und "Beschützer", der strengstens darauf achtet, dass sie immer in Bewegung sind, nicht spielen und sich nicht allzu lang mit jemandem unterhalten. Er streicht auch ihren Verdienst ein, jeden hart erbeuteten Cent. Pro Tag verdienen die Kinder laut einer Studie von Terre des Hommes mindestens 30 bis 50 Euro. Je mehr Kinder der Händler befehligt, umso lukrativer wird sein Geschäft.
Weit weg von ihren Familien ist für die Kinder ausgerechnet der Ausbeuter ihr einziger Vertrauter. Von ihm sind sie vollkommen abhängig. Damit sie sich niemand anderem anvertrauen, bekommen sie nach Angaben der Kinderschutz-Organisationen vor ihrem ersten Straßeneinsatz eine Gehirnwäsche verpasst. Ihnen werde eingebleut, dass die Polizei ihr Feind sei und die Sozialarbeiter mit ihren Organen handeln wollten. "Sie denken, sie tun etwas für ihre Familie und sind deshalb stolz auf ihre Arbeit", berichtet Renate Schoch. Werden die Kinder älter und größer, haben ihre "Besitzer" andere gewinnbringende Aufgaben für sie: Die Mädchen landen meist in der Prostitution, die Jungen werden entweder selbst Bosse oder fungieren als Drogenkuriere. Diese Jugendlichen hätten keinerlei Perspektive. "Was bleibt, ist das kriminelle Netzwerk", so Schoch.
Schon Mitte der neunziger Jahre wurde Terre des Hommes auf die Situation der albanischen Kinder aufmerksam. Seitdem arbeitet die Menschenrechtsstiftung in Thessaloniki mit der griechischen Nichtregierungsorganisation ARSIS zusammen, deren Vertreter und juristischer Berater Thomas Charalampidis auch heute noch keine Entwarnung geben will. Sicherlich, die schlimmsten Auswüchse seien überwunden. Aber: "Die Kinder sind zwar hübscher anzusehen, sind sauberer und auch nicht mehr so viele wie vor ein paar Jahren. Doch das ist umso gefährlicher." Dies sei eine neue Strategie der Kinderhändler. Sie reagierten damit auf die sensiblere Öffentlichkeit, die durch Medienberichte aufgeschreckt worden sei. Doch so sei die Lage der Kinder umso schwieriger zu durchschauen, sie gehörten mittlerweile schon zum Stadtbild.
Hilf- und tatenlose Behörden
Nach Ansicht von Charalampidis werde sich die Lage bald verschärfen: Lege man die Mechanismen von Angebot und Nachfrage zu Grunde, würden in diesem olympischen Sommer, der doch nach Meinung des ATHOC so einmalig werden soll, sogar noch mehr Kinder als bisher verschleppt und ausgebeutet. Denn mehr Gäste bedeute mehr Kunden und dies wiederum mehr Straßenkinder, durch die allein die Händler ihren Profit weiter vermehren könnten. ARSIS-Mann Charalampidis: "Kinder haben uns selbst erzählt, dass sie nun gezielt nach Athen gebracht werden sollen."
Die griechischen und albanischen Behörden stehen der Misere teils gleichgültig, teils chancenlos gegenüber. Von einer grenzüberschreitenden und damit effektiven Zusammenarbeit kann man nach Meinung der Organisationen vor Ort nicht sprechen. Zwar hatte der griechische Außenminister Georgios Papandreou unlängst zugegeben, dass sein Land mit dem Kinderhandel ein "Problem" habe, doch die direkt Betroffenen, etwa der Polizeichef von Thessaloniki, weigerten sich nach Angabe der Kinderschützer, dagegen vorzugehen. Renate Schoch: "Sie leugnen schlichtweg jedwede Existenz von Schmuggelbanden und Kinderausbeutung und verfolgen weiterhin ihre bisherigen Strategien."
So werden die Kinder - egal, ob Mädchen oder Junge, ob älter oder jünger als 12 Jahre - einfach von der Straße weg in Heime oder Gefängnisse gesteckt. Dort bleiben sie dann so lange, bis sie zurück nach Albanien gebracht werden. Kaum sind sie auf der anderen Seite der Grenze angekommen, werden sie von neuen Händlern aufgegriffen und wieder in die griechischen Städte zurückverfrachtet. Aus ihrem Schicksal als "Roboter", wie sie sich selbst nennen, gibt es kein Entrinnen. Streetworker, die ihnen zur Seite stehen könnten, gibt es in Athen nicht. Und die Mitarbeiter von ARSIS in Thessaloniki kommen auch nur sehr schwer an die Kleinen heran, zu wirksam ist deren Gehirnwäsche.
Wegsperren reicht nicht
Die Begleitung aufgegriffener Kinder in ihre Heimat ist deshalb auch die vordringlichste Arbeit von ARSIS und Terre des Homes. Nur so könnten die Kleinen davor bewahrt werden, wieder und wieder in die Fänge ihrer Ausbeuter zu geraten. Die Kooperation mit den Behörden könnte "besser" sein, wie sich Charalampidis ausdrückt. Doch er und Renate Schoch sehen dennoch Hoffnung - wenn Polizei, Jugendämter und Staatsanwaltschaft ihr Vorgehen für die Zeit der Olympischen Spiele richtig abstimmen würden. Wegsperren, um die Straßen frei von Bettelkindern zu machen, reiche da nicht. "Damit wird das Problem mitsamt den Kindern einfach nur weggeschlossen", so Schoch.
Von den griechischen Behörden erhoffen sie sich weniger Tabuisierung und mehr Kooperation. Für die Besucher Athens und Thessalonikis haben die beiden Kinderschützer vor allem einen Tipp: Sie sollten den Kindern kein Geld geben. "Auf keinen Fall", warnt Charalampidis, "damit unterstützt man nicht die Kinder, sondern die Hintermänner und Händler, die damit noch mehr Profit machen."