Onkel Dagobert - DER SPIEGEL
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NEW YORKER TAGEBUCH Onkel Dagobert

Die alten Helden treten ab - der neue Bürgermeister Michael Bloomberg muss erst noch einer werden.
• aus DER SPIEGEL 46/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor acht Tagen, an einem Abend in Arizona, ging der Yankee Mariano Rivera in die New Yorker Geschichte ein, zwei Tage später der Yankee-Fan Michael Bloomberg.

Rivera stand im Stadion der Diamondbacks in Phoenix und hatte noch drei Bälle zu werfen. Es war das siebte Spiel der World Series im Baseball und damit das letzte der Saison.

Die New York Yankees hatten drei Spiele gewonnen, die Diamondbacks auch. Im entscheidenden Spiel führten die Yankees 2:1. Das ist so, als würde man in der 119. Minute eines Fußball-WM-Finales beim Stand von 3:3 allein aufs Tor zulaufen. Jeder amerikanische Junge träumt von so einer Situation.

Mariano Rivera sah auf, der Abend war warm. Dort oben saß sein berühmter Bürgermeister Rudolph Giuliani, der sich auf den weiten Weg von New York nach Phoenix gemacht hatte, um seine geliebten Yankees in der Fremde zu unterstützen. Die ganze Stadt sah zu, es ging heute um mehr.

Mariano Rivera ist einer der besten Pitcher seiner Mannschaft und der gesamten Liga. Die Yankees hatten die letzten drei World-Series-Titel gewonnen, sie würden jetzt zum vierten Mal hintereinander Weltmeister werden. Dies zählt viel in einem Spiel, wo es vor allem um Statistiken und Legenden geht. Ein Baseballfan vergisst nichts. Nirgendwo werden die Helden so lange geehrt wie im Baseball.

Die angeschossene Stadt brauchte endlich einen Sieg. Mariano Rivera hatte noch drei Würfe.

Seine Mannschaftskameraden sammelten sich vor ihrer Loge, bereit aufs Feld zu rennen, die Ordonanzen holten die Sektflaschen heraus. Kurz bevor Mariano Rivera den ersten Ball warf, sah es so aus, als habe er Angst, aber das kann man sich auch einbilden. Minuten später hatten die Arizona Diamondbacks gewonnen.

Wenig später fragte ein Reporter den Cheftrainer Joe Torre, wer ihm heute Nacht mehr Leid tue, seine Mannschaft oder die Menschen der Stadt New York. Torre sah müde auf, so, als habe er dieses Trauergequatsche satt. Seit Tagen hatten die Zeitungen New Yorks getrommelt, die Yankees hatten die Feuerwehr als Heldentruppe abgelöst.

Aber wie sollte ein Baseballsieg eine ganze Stadt retten? Wie sollten seine Spieler mit diesem Druck fertig werden? Normalerweise hätte sein Pitcher Rivera vor dem Spiel geschwiegen, in der Bibel gelesen und dann gewonnen. Heute hatte er zum ersten Mal zu seinen Mannschaftskameraden gesprochen, zwei Minuten lang. »Wir werden heute Abend gewinnen«, hatte Pitcher Rivera ihnen vor dem Spiel gesagt. »Es ist in Gottes Hand.«

Gott auch noch. Das war alles ein bisschen viel.

»Ach, wissen Sie«, antwortete der müde Trainer Torre schließlich dem Reporter, »ich glaube, die New Yorker haben schon gesehen, dass wir uns Mühe gegeben haben.«

Oben auf der Tribüne saß immer noch Rudolph Giuliani und applaudierte artig dem Gegner. Er trug eine Baseballmütze mit den Initialen der Feuerwehr seiner Stadt. Vielleicht ahnte er, wie es ist, Zielobjekt zu großer Gefühle zu werden. Er war selbst ein Held und hatte zeitweilig so getan, als könne die Stadt ohne ihn nicht mehr leben.

Anderthalb Tage vorher waren ein paar seiner Feuerwehrleute durchgedreht, weil sie mit ihrer Heldenrolle nicht mehr fertig wurden. Sie wollten weiter nach ihren toten Kollegen suchen, immer weiter. Sie hatten den Ground Zero gestürmt, sie hatten sich mit der Polizei geprügelt, zwölf von ihnen waren verhaftet worden. Niemand kann lange Held sein, ohne Erfolg zu haben.

Manche sagen, das Dreamteam der Yankees falle jetzt auseinander. Giuliani flog noch in der Nacht zurück in seine Stadt, um sich um die Anthrax-Spuren im Rathaus zu kümmern und um den Wahlkampf. Er selbst, zweimal gewählt, durfte nicht mehr antreten, aber er wich dem republikanischen Kandidaten Michael Bloomberg nicht mehr von der Seite, so, als könne er ihn zum Sieg tragen. Er konnte.

Vier Wochen vor dem Attentat hatte der demokratische Kandidat Mark Green bei Umfragen fünfmal mehr Stimmen gehabt als Bloomberg. Green ist Rechtsanwalt und Berufspolitiker, Bloomberg ist Medienunternehmer und Milliardär, der mal Politik ausprobieren wollte, egal in welcher Partei. Er wollte anfangs 20 Millionen Dollar in den Wahlkampf stecken, es sind dann 50 Millionen geworden.

Greens Versprechen klangen so wie die von Bloomberg, aber Green hatte Bill Clinton an der Seite, Bloomberg jedoch half der Mann, der die New Yorker aus Schutt und Asche geführt hatte. Green gehörte die Sympathie, Bloomberg hatte das Geld. Kann man brauchen in einer Katastrophenstadt.

Zwei Tage nachdem der Pitcher Mariano Rivera im Baseballstadion dem Druck nicht gewachsen war, standen die New Yorker in den Wahlkabinen und kapitulierten vor der Angst. Sie wählten die Sicherheit. Onkel Dagobert ist jetzt Bürgermeister von New York. ALEXANDER OSANG

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