An dem Tag, an dem Eddie Meadows in sein altes Leben zurückkehren wollte, schob man ihn in einem Rollstuhl in einen Raum, an dessen einem Ende eine Wand stand, strahlend blau, darauf das Logo des Florida Hospital Orlando East, vom anderen Ende richteten sich Kameras auf ihn.
Sie filmten einen hageren Mann, einen Brillenträger, 62 Jahre alt, verknautschtes Gesicht, Oberlippenbart. Meadows wirkte verunsichert. Er trug einen schwarzgepunkteten, weiten Krankenhauskittel, der praktisch ist, aber seinem Träger wenig Würde lässt, und seine Füße steckten nicht in Schuhen, sondern in Socken.
Meadows war es nicht gewohnt, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Er arbeitet als Techniker auf einem nahe gelegenen Stützpunkt der US-Armee, er ist seit 40 Jahren mit derselben Frau verheiratet, er führt ein ruhiges Leben. Jetzt war alles anders, jetzt war er im Begriff, berühmt zu werden, und er hatte guten Grund, nervös zu sein, denn es war nicht klar, als was er berühmt werden würde, als ein 62-Jähriger mit erstaunlichem Durchhaltevermögen oder als jemand, dessen mangelnde Orientierungsfähigkeit ans Lächerliche grenzt.
Meadows' Abenteuer begann eine Woche vor der improvisierten Pressekonferenz im Krankenhaus. Es war ein Donnerstag, und wie üblich nutzte Meadows seine Mittagspause zum Joggen. Sein Arbeitsplatz, der Armee-Stützpunkt, liegt am Stadtrand von Orlando und grenzt an einen Wald, der von schmalen, gewundenen Wegen durchzogen ist. Als die Mittagspause begann, zog Meadows seine Joggingschuhe an und machte sich auf den Weg. In einer Stunde wollte er zurück sein.
Meadows verließ den Stützpunkt, begann zu laufen, suchte seinen Rhythmus, fand ihn und folgte einem Pfad. Es war nicht das erste Mal, dass Meadows in diesem Wald lief, er achtete nicht besonders auf den Weg, auf die Richtung, in die er sich bewegte. Was sollte schon passieren. Er war nur wenige hundert Meter entfernt von der nächsten Straße.
Meadows' Mittagspause war nahezu um, als er sich auf den Rückweg machte. Er war zu spät, er wusste das, und er entschied sich, einen Weg zu nehmen, der ihm unbekannt war, der aber direkt zurück zum Stützpunkt zu führen schien. Meadows folgte dem Weg eine Weile, bog mehrmals ab, um schließlich festzustellen, dass der Pfad nicht zum Stützpunkt führte, sondern irgendwo im Wald einfach endete. Meadows sah sich um, er hatte keine Ahnung, wo er war. Der Wald stand vor ihm wie eine grüne Wand. Zu Hilfe rufen konnte er niemanden. Er hatte sein Mobiltelefon nicht mitgenommen. Also ging Meadows den Weg zurück, doch er hatte nicht das Gefühl, seinem Ziel näher zu kommen. Die Mittagspause war längst vorbei, er hatte sich gründlich verirrt.
Als es dämmerte, hörte er die Band der nahe gelegenen Universität proben und versuchte von jetzt an in Richtung der Musik zu gehen. Doch die Probe war zu Ende, bevor Meadows aus dem Wald herausgefunden hatte. Von da an hörte er nur noch das Summen der Mücken.
Spät in der Nacht sah er einen Helikopter über den Bäumen, dessen Scheinwerfer fingerte durch die Nacht. Er verschwand wieder, ohne den Vermissten gefunden zu haben. Es war eine schlechte Nacht für Meadows.
Bei Tagesanbruch wachte er durstig auf und hungrig. Seine letzte Mahlzeit lag 24 Stunden zurück. Es war ein eiliges Frühstück gewesen, ein Zimtbagel und etwas Orangensaft. Meadows brauchte jetzt etwas zu essen und dringender noch etwas zu trinken.
Ein Großteil des Waldes liegt eingebettet in einem Sumpf, und das war das einzige Wasser, das Meadows fand. Den Hunger versuchte er mit wilden Beeren zu stillen.
In den folgenden zwei Tagen machte Meadows keine Fortschritte. Er lief weiter durch den Wald, offenbar im Kreis, wurde hungriger, durstiger, schwächer. Er war nicht weit entfernt von der nächsten Straße. Er hörte Laster rumpeln, Autos hupen, und irgendwann probte auch die Band der Universität wieder. Er wusste, er befand sich am Rand der Zivilisation, aber er fand einfach nicht zu ihr zurück. Es war grotesk.
Erst am Montag, am fünften Tag seiner Odyssee, sah Meadows einen Menschen. Meadows watete gerade hüfttief durch den Sumpf, als er hörte, dass jemand »Hallo!?« rief. Ein paar Minuten später sah er seinen Retter, Ron Eaglin, 43 Jahre alt, Universitätsprofessor und Triathlet. Eaglin gehörte zu einem Suchtrupp und hatte damit gerechnet, nur noch eine Leiche zu finden. Doch nun stand Meadows vor ihm, zerkratzt, zerstochen und dehydriert, aber ansprechbar. Eaglin geleitete Meadows aus dem Wald hinaus. Bis zur nächsten Straße waren es rund 600 Meter. Die letzten Schritte joggte Meadows, als wollte er dem Wald, dem Sumpf beweisen, dass sie ihn nicht kleingekriegt hatten.
Zwei Tage später saß Meadows vor den Kameras und beantwortete Fragen. Die Journalisten schienen ihn für einen Verlierer zu halten, für den Deppen des Monats. Meadows war ganz offensichtlich anderer Meinung.
Er hatte es vier Tage im Wald ausgehalten, allein, mit 62 Jahren, ohne Essen, ohne Wasser. Er ließ sich seinen Sieg nicht kaputtreden. Er sah sich als Gewinner. UWE BUSE