Fernsehen Optischer Kick
Die Meldung vom Großbrand in Los Angeles hört Bob Tur auf der Feuerwehrfrequenz seines Radios. Fünf Minuten später hebt sein Hubschrauber, eine französische »Aerospatiale AS 350«, vom Flugplatz im kalifornischen Santa Monica ab und nimmt Kurs auf die Rauchsäule. Schon hört Tur über Kopfhörer die Stimme des Nachrichtensprechers in den Studios des TV-Senders KCBS: »In einigen Sekunden schalten wir live zum Großfeuer.«
Tur schiebt die Seitentür des Helikopters zurück und lehnt sich lässig mit seiner Kamera hinaus. Er ist auf Sendung, in kurzen Worten erklärt er die Szene: Offenbar gibt es keine Opfer, das Feuer ist unter Kontrolle, keine Katastrophe. Tur ist trotzdem zufrieden mit seinem kurzen Auftritt: »Auch diesmal waren wir schneller als die Konkurrenz.«
Der ehemalige Privatdetektiv ist der Star einer schnell wachsenden Spezialistenbranche im Mediengeschäft: Tur ist Hubschrauberreporter. Helikopter-Berichterstatter wie er versorgen lokale und nationale TV-Stationen der USA mit Live-Bildern aus der Luft - und landen damit Einschaltquotenhits.
Vor allem in den Ballungsräumen ist Hubschrauber-TV populär. Den Rekord an »newscopters« hält die kalifornische Metropole Los Angeles. Über L. A. knattern die Rotoren.
Helikopter der Straßenwacht, der Polizei, der Feuerwehr, Rettungsdienste, Tansportgesellschaften, Filmleute - alles fliegt. Schon am frühen Morgen gehen die Reporter der Radio- und Fernsehstationen in die Luft, um über die Verkehrsstaus zur Rush-hour zu informieren. Die sieben großen kommerziellen Fernsehstationen der Stadt haben ihre Hubschrauber, die »Chopper 2«, »Sky Nine« oder einfach »Telecopter« heißen, jeden Tag im Einsatz. Hubschrauberreporter wie Tur sind beim Publikum so populär wie Showstars.
Ob Wetterbericht, Golfturnier oder das Popspektakel von Woodstock, ob überschwemmte Campingplätze oder Massenkarambolagen zu begaffen sind, ob vom Hochwasser bedrohte Autofahrer, auf Wagendächern stehend, ihrer Rettung harren oder im Sommer kalifornische Villen bei Waldbränden in Schutt und Asche versinken - kaum eine Live-Übertragung kommt noch ohne Bilder aus der Vogelperspektive aus, immer liefern Kopter-Kameras den optischen Kick.
Beliebt bei Polizei und Publikum sind Verfolgungsjagden über Autobahnen und Stadtstraßen, bei denen nicht selten auch Unschuldige zu Schaden kommen. Tur war bisher bei 128 solcher Einsätze Zeuge: »Es geht zu wie im Wilden Westen. Polizisten lehnen sich aus dem Fenster und zielen auf die Gangster, und die lehnen sich aus dem Fenster und schießen mit Maschinenpistolen zurück.«
Solche Szenen, die meist nur Überblick statt Durchblick bieten, werden theatralisch aufbereitet: Moderatoren in den Sendezentralen liefern sich pseudodramatische Dialoge mit den Hubschrauberberichterstattern und den Reportern am Boden, wo Leidtragende, Augenzeugen und Behördenvertreter interviewt werden.
Seinen bislang größten Scoop landete Tur im Drama um das US-Football-Idol O. J. Simpson, der beschuldigt wird, seine Ex-Frau und deren Freund ermordet zu haben. Nachdem ein Freund des flüchtigen Stars im Fernsehen eine Erklärung Simpsons verlesen hatte, die wie der Abschiedsbrief eines Selbstmörders klang, verfielen Tur und seine Frau auf die Idee, in der Nähe des Friedhofs nach dem Vermißten zu suchen - dort, wo Simpsons ermordete Ex-Ehefrau beerdigt worden war.
Es war ein Volltreffer. Etwa zwei Kilometer vom Friedhof entfernt wurde Simpson in einem weißen Ford Bronco entdeckt. Tur brachte seine Kamera, 1000-Millimeter-Objektiv, 20fache Vergrößerung, in Stellung - und forderte von CBS: »Schaltet mich auf live, ich hab' unseren Mann im Bild.«
Die Luftaufnahmen vom flüchtenden Simpson, einer Ikone der Nation, verfolgt von einem Dutzend Polizeiwagen, ließen Amerika erstarren. Selbst Präsident Bill Clinton war so fasziniert, daß er seine Amtsgeschäfte unterbrach. 25 000 Videos von der Verfolgungsjagd hat der Reporter bisher abgesetzt, und mehr noch als der finanzielle Gewinn befriedigt ihn die Gewißheit: »Die Konkurrenten wünschen mich in die Hölle.«
Es war Turs zweiter Erfolgseinsatz mit internationaler Resonanz. Der erste große Coup glückte ihm 1992. Schon bevor ein kalifornisches Schwurgericht damals vier weiße Polizisten freisprach, die einen schwarzen Autofahrer brutal zusammengeknüppelt hatten, war Tur seinem »Instinkt gefolgt« und über South Central, einem Armengebiet von Los Angeles, gekreuzt.
Er hatte die ersten Steine im Sucher, die aufgebrachte Schwarze warfen, den ersten Schnapsladen, der in Flammen aufging, und er lieferte jene Szene in die Wohnzimmer der Amerikaner, die die ganze Nation erschütterte:
Ein Lastwagen stoppt mitten auf einer Kreuzung, der Fahrer, ein Weißer, wird aus der Kabine gezerrt und von Farbigen brutal zusammengeschlagen. Der fliegende Reporter, der ansonsten meist in 100 Meter Höhe arbeitet, bringt seinen Hubschrauber »auf Baumhöhe« herunter, er will »die Gesichter dieser Banditen draufhaben, damit sie später zu identifizieren sind«.
Turs Aufnahmen wurden in aller Welt ausgestrahlt, viele Sender wiederholten sie tagelang und machten sie so zum wichtigsten Dokument der Rassenunruhen.
Trotzdem gibt es auch massive Kritik am Boom des Luft-Fernsehens. Polizei und Rettungsdienste klagen über die Behinderung ihrer Arbeit: So ist auch Bob Tur derzeit in einen Rechtsstreit mit den Behörden verwickelt, weil er angeblich einem Sanitäts-Helikopter in die Quere kam.
Zudem geißeln Medienkritiker wie Bryce Nelson, Journalismus-Professor an der University of Southern California, die kostspielige Bilderjagd im Hubschrauber als »Verschwendung journalistischer Ressourcen«.
Tatsächlich zeigten die meisten US-Sender während der Krawalle spektakuläre Szenen von Plünderern und Brandschatzern, eine Analyse der Krawall-Ursachen aber lieferten sie nicht.
Der Medienkritiker Richard Schickel: »Das Fernsehen versagte. Das Nachrichtenmaterial wurde ungefiltert ausgeschüttet wie ungeklärte Abwässer in die Bucht von Santa Monica. Es war eine Attacke der Bilder - die reine Desinformation.«
Bob Tur und seine Kollegen sehen das natürlich anders. Tur sagt, er selbst habe viele Menschen vor dem Ertrinken gerettet und bei Erdbebeneinsätzen unzählige Rettungsflüge geflogen. »Wir sind keine Katastrophenaasgeier«, behauptet er, »wir fliegen im Dienst der Gemeinschaft - an Orte, die für Reporter am Boden allenfalls unter Lebensgefahr zugänglich sind.« Y