Werbung Orale Phase
Knapp über der fettgrünen Grasnarbe irrt das Kameraauge zwischen Liegestuhl und Badetuch hin und her, bis es sich am Gesicht einer lesenden Schönheit festsaugt. Mit dem linken Bügel ihrer Sonnenbrille fährt die brünette Duse langsam zwischen die leicht geöffneten Lippen. Schnitt.
Auf dem tobenden Börsenparkett, mitten im Auge des Wall-Street-Orkans, kaut ein entfesselt telefonierender und gestikulierender Master of the Universe auf seinem Bleistift, der sich auf und nieder bewegt wie der Dow-Jones-Index.
Im ohrenbetäubenden Lärm einer Straßenkreuzung wartet das wasserstoffblonde Girlie auf Grün und lutscht derweil so inbrünstig an dem tropfenartigen Hänger ihrer Halskette, als erwarte sie sehnsüchtig eine Massenkarambolage. Ein junger Mann schließlich sabbert mit philosophischer Miene an seinem Filzstift herum, während ein Baby in frühgymnastischer Dehnübung den kleinen Zeh in den Mund steckt.
Ein Lachen, ein Lächeln, ein Schmatzer: Langnese ist wieder da. Mit einem neuen Werbespot, der im Oktober in die Kinos kommt und die letzte Version der Kultfilme mit dem Ohrwurm »Like Ice in the Sunshine« ablösen wird.
Die Botschaft ist dieselbe, aber sie sieht, kurz vor der Jahrtausendwende, ganz anders aus: nicht mehr das sorglos wilde Treiben am Hedonistenstrand der achtziger Jahre, sondern Lutschen, Saugen, Knabbern in kontemplativer Selbstvergessenheit - ein orales Kammerspiel der unbewußten Augenblicke, die nach Eiskrem schreien und noch viel mehr. Doch das erlösende Produkt aus Milchpulver, Emulgatoren und natürlichen Aromastoffen bleibt unsichtbar.
Zum erstenmal führte ein berühmter Filmemacher Langnese-Regie: Wayne Wang, 47, dessen Film »Smoke« mit Harvey Keitel in der Hauptrolle auf der Berlinale 1995 einen Silbernen Bären gewann. Reklame als Kunst? Kunst in der Reklame?
Die Herausforderung, eine Geschichte in 45 Sekunden zu erzählen, ist groß. Meister ihres Fachs wie Federico Fellini, Martin Scorsese und Spike Lee, aber auch der Kameramann Michael Ballhaus ("Bram Stoker's Dracula") haben sich mit unterschiedlichem Erfolg daran versucht, eine angemessene Filmsprache für die extrem kurzen Plots zu finden, deren Happy-End stets käuflich ist.
Ob am Stiel oder im Becher, zwischen Waffeln oder als gefrorener Kegel - der libidinöse Wunsch nach Einverleibung ist so alt wie der Drang zur Mutterbrust. Was in den politisch rauhen siebziger Jahren noch den Nachhall der Barrikadenästhetik vermittelte - »Nogger Dir einen!« - , geriet im darauffolgenden Jahrzehnt - Cornetto sei Dank - zur bunten Versöhnung zwischen Individuum und Welt.
Doch erst in den narzißtisch durchgestylten neunziger Jahren findet die Apotheose des Konsumismus statt: Abends, auf der angewärmten Fensterbank der Maisonettewohnung, heißt es nur noch: »Ich und mein Magnum«.
Der Rückzug ins private Schlecken mag kulturkritische Köpfe an die politische Desillusionierung nach der deutschen Wiedervereinigung erinnern. Wo nicht zusammenschmilzt, was doch nicht zusammengehört, lutscht eben jeder für sich selbst.
Doch Eisessen ist kosmopolitisch. So stellte der in Hongkong geborene, in den USA lebende Regisseur seinen Auftraggebern nur zwei Fragen, ehe er, auf der Grundlage eines halbseitigen Info-Textes, an die Arbeit ging: »Was ist Langnese?« Und: »Was ist ein Girlie?«
Wang, der die langen, gleitenden, zeitverschwenderischen Sequenzen liebt, hat sich während der einwöchigen Dreharbeiten in San Francisco ganz auf das orale Motiv konzentriert - auf das beinah weltflüchtige Einssein von Wollen, Verschlingen und Vergehen: Genuß im Nirwana der Reuelosigkeit.
Nicht zufällig entdeckte Langnese, Marktführer in Deutschland, den neuen »Anti-Trend": weg vom johlenden Dauerspaß der Massenspektakel, hin zu einer subtileren Form der Kommunikation, in der der schleckende Mensch sich selbst im anderen erkennt. Schon Friedrich Nietzsche wußte: »Doch alle Lust will Ewigkeit - will tiefe, tiefe Ewigkeit.«