Orkan Frachter sinkt in stürmischer Ostsee
Hamburg - Die Suche nach dem letzten vermissten Seemann wurde bei völliger Dunkelheit, starkem Sturm und Schneefall fortgesetzt. Die geretteten Seeleute litten an Unterkühlungen, teilten die Einsatzkräfte mit. Sie wurden in ein Krankenhaus nach Kalmar auf das schwedische Festland geflogen.
Die 155 Meter lange "Finnbirch" war am Abend zwischen den schwedischen Inseln Öland und Gotland bei orkanartigem Sturm gesunken. An Bord befanden sich zehn Philippiner und vier Schweden. Die Besatzung hatte schon am Nachmittag SOS gefunkt. Die Seeleute hatten dann stundenlang bei eisigen Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt auf der Oberseite des gekenterten Schiffes vergebens auf ihre Rettung gewartet.
Nach Angaben der Rettungszentrale hatten die Matrosen keine Zeit mehr, Rettungsboote oder -inseln zu nutzen. Sie hatten sich um ihren hilflosen Kapitän gekümmert, der sich bei einem Sturz das Bein gebrochen hatte. Dann waren sie in Überlebensanzügen auf Schiffsteile geflüchtet, die zunächst noch aus dem Wasser ragten.
Peter Lindquist, Sprecher des schwedischen Rettungsdienstes teilte am Abend mit, die Rettung der Schiffsbrüchigen sei nur durch einen hochriskanten Hubschraubereinsatz möglich gewesen. Der Frachter hatte Schlagseite bekommen, weil sich die Ladung verschoben hatte.
Schwere Sturmflut an der Nordseeküste
Am Abend wappneten sich die Menschen an der deutschen Ostseeküste für eine Sturmflut. Es wurde erwartet, dass die Wasserstände an der gesamten deutschen Ostseeküste bis zu 1,30 Meter über den normalen Höchststand ansteigen werden, hieß es in einer Mitteilung des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrografie. Für die Küste Mecklenburg-Vorpommerns gab das Amt eine Sturmflutwarnung heraus.
Das Sturmtief "Britta" hat in der Nacht und heute in Norddeutschland hohe Schäden angerichtet und der niedersächsischen Küste eine der schwersten Sturmfluten seit hundert Jahren beschert. In Küstenorten wurden die Häfen teilweise überflutet, wie Polizei und Behörden mitteilten. Die Orkanböen mit Spitzengeschwindigkeiten von rund 145 Stundenkilometern knickten im ganzen Norden Bäume um und deckten Dächer ab.
Die Deiche an der Nordseeküste hielten der Sturmflut stand, wie der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) mitteilte. Auf Borkum wurde mit 2,70 Metern über dem Mittlerem Tidehochwasser die Pegelmarke der Katastrophen-Sturmflut von 1962 erreicht. In Bensersiel gab es mit 2,91 Meter den dritthöchsten Wasserstand seit 1906. Im Bereich der Emsmündung registrierte der NLWKN mit bis zu 3,90 Metern sogar die höchsten jemals gemessenen Wasserstände. Um das stromaufwärts liegende Hinterland bis Papenburg vor der eindringenden Tide zu schützen, wurde das Emssperrwerk geschlossen. Einen Wintereinbruch gab es indes im Harz - auf dem Brocken lagen bei minus 2,5 Grad fünf Zentimeter Schnee.
Ölplattform riss sich los
In Hamburg verlief die Sturmflut hingegen glimpflicher als befürchtet. Der Wasserstand im Hafen fiel mit 2,57 Metern über dem mittleren Hochwasser nicht so dramatisch aus wie erwartet. Allerdings mussten Teile des Hafens für den Autoverkehr gesperrt werden, weil Straßen unter Wasser standen. Vor allem rund um den historischen Fischmarkt im Stadtteil Altona sowie im Freihafen und in der HafenCity standen Straßen und Plätze bis zu einem Meter unter Wasser. Die für den Katastrophenschutz zuständige Innenbehörde ließ vorsorglich Fluttore und Schieber schließen, wie Behördensprecher Reinhard Fallak sagte. Am Mittag konnten die Tore wieder geöffnet werden.
Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg berichtet von bis zu 17 Meter hohen Wellen vor der Küste Ostfrieslands. Vor Borkum gerieten bei bis zu zehn Meter hohen Wellen zwei Schiffe in Seenot. Das 76 Meter lange Frachtschiff "Cementina" wurde manövrierunfähig, als die Ruderanlage 20 Seemeilen vor der Insel ausfiel. Die sieben Besatzungsmitglieder wurden mit Hubschraubern in Sicherheit gebracht. Auf dem Weg zu dem umhertreibenden Frachter kenterte zudem ein niederländischer Seenotkreuzer. Die vier Besatzungsmitglieder konnten unverletzt aus dem Wasser gerettet werden.
Die Ölplattform "Bredford Dolphin" riss sich 185 Kilometer vor Norwegens Küste los, nachdem ein Schlepper, der sie durch das Meer zog, liegenblieb, wie ein Sprecher der norwegischen Rettungskräfte berichtete. Die Situation sei aber "unter Kontrolle". Niemand sei verletzt worden. Vorübergehend hieß es, 75 Menschen an Bord seien führerlos übers Meer getrieben.
reh/ffr/AP/AFP/ddp/dpa