Pakistan Nachbeben erschüttert Islamabad
Islamabad/Muzaffarabad - Das Nachbeben der mittleren Stärke 5,6 habe sich um 01.23 Uhr Ortszeit etwa 135 Kilometer nördlich der Hauptstadt Islamabad ereignet, teilte das Geologische Institut der USA unter Berufung auf erste Messergebnisse mit. Über mögliche Schäden gibt es noch keine Berichte.
Schon jetzt sind die Schäden der Erdbebenkatastrophe kaum für die Menschen zu bewältigen. Überlebende berichten Schreckliches. Ein Reporter schreibt in der Internetausgabe der pakistanischen Zeitung "Dawn" von Chaos und Entsetzen in Muzaffarabad. Die Hauptstadt der pakistanischen Kaschmir-Region sei kein Ort der Lebenden mehr, berichtet der Reporter Khaleeq Kiani, sie sei zu einem Friedhof geworden. Tote lägen auf den Straßen und unter den Trümmern der eingestürzten Häuser. Es gebe keine Medizin und kein Essen, zudem werde das Trinkwasser knapp. Die Überlebenden kämpften um die schwindenden Vorräte, berichtet Kiani.
Viele Menschen seien gezwungen, unter freiem Himmel schlafen oder müssten in ihren Autos übernachten, Zelte gebe es nicht. Nach Angaben des Reporters liegen noch immer Tausende lebendig begraben unter Beton und Stein. "Ich bin am Leben, zieht mich um Gottes Willen heraus", habe ein ein Verschütteter dem Reporter zugerufen, der selbst fünf enge Verwandte verloren habe. Aber es gibt kaum Ausrüstung, kein schweres Gerät zum Heben der tonnenschweren Trümmer. Viele Hilferufe verhallen wirkungslos in diesen Tagen in Muzaffarabad, der Stadt, die am schwersten von dem verheerenden Erdbeben getroffen wurde.
Die meisten Menschen versuchten zuerst ihr eigenes Leben oder das ihrer engsten Verwandten zu retten, so Kiani, gemeinsame und gezielte Anstrengungen fänden kaum statt. "Ich habe eine Stunde lang um Hilfe gerufen", soll die Studentin Fauzia gesagt haben, "die Leute haben mich gesehen, geholfen hat mir niemand." Erst ihre verletzte Schwester Bushra habe einige Verwandte überzeugt, die 25-Jährige zu befreien. "Ich war dem Tod ganz nahe", so Fauzia, "heute hat mein zweites Leben begonnen."
Muzaffarabad ist eine Stadt der Toten
Muzaffarabad sei im Moment praktisch ohne Regierung und ohne Verwaltung, berichtet Kiani, in der Stadt herrsche das pure Chaos. Plünderer durchstreiften die Trümmer auf der Suche nach Wertgegenständen. Straßen, die aus der Stadt herausführen, seien geschlossen oder unpassierbar, nur die Verbindung zur Hauptstadt Islamabad sei noch intakt. Überlebende, die ein Auto besitzen, würden die Stadt verlassen, obwohl es kaum möglich sei, an Benzin zu kommen.
Militärhubschrauber bergen nach Angaben von Kiani vorrangig tote und verletzte Angehörige der Streitkräfte, nur wenige Zivilisten würden es schaffen, an Bord der Helikopter zu gelangen. Das Militärkrankenhaus existiere praktisch nicht mehr, viele Ärzte, Krankenschwestern und Patienten seien gestorben, als das Gebäude zusammenstürzte.
Der Campus der Universität sei dem Erdboden gleichgemacht, heißt es in "Dawn", direkt nach dem Beben soll ein Feuer auf dem Gelände ausgebrochen sein. Die Studentin Saima habe ihre Cousine in den Trümmern sterben sehen, als sie gemeinsam mit Dutzenden Mädchen aus dem Wohnheim der Universität geflohen sei. Später habe sie die Tote identifizieren müssen.
Mehr als 80 Prozent der Häuser der Stadt wurden zerstört. Etwa die Hälfte von ihnen, so schätzt der Reporter, sei jedoch nur deshalb eingestürzt, weil korrupte Beamte gemeinsame Sache mit kriminellen Bauunternehmern gemacht und mangelhafte Gebäude errichtet hätten.
Einige Kilometer außerhalb der Stadt sollen großflächige Grabungen begonnen haben, berichtet Kiani, es seien Massengräber für die Toten der Stadt. Die Körper würden ohne Leichentücher in die Erde gelassen, bei einigen habe bereits die Verwesung eingesetzt.