Pakistan Verfolgungsjagd mit Lok
Hamburg - Wie ein endlos scheinender Teppich bedecken Holzschuppen-Slums mit Wellblechdächern den Osten Karatschis. Ochsenkarren und schrill bemalte Busse sind hier die einzigen Verkehrsmittel - und Expresszüge, die aber in ferne Städte wie Lahore und Rawalpindi fahren und die Armenviertel bei ihrer schnellen Fahrt links liegen lassen.
Doch sicher ist die Reise nach Rawalpindi und Lahore auch nicht. Immer wieder kommt es in der pakistanischen Provinz Sindh (deutsch: "Land des Unbestimmten") zu schweren Eisenbahnzusammenstößen, die Hunderte von Menschenleben fordern. Die Ursache ist fast immer menschliches Versagen - etwa, weil das Personal eines Bahnhofs auf der Strecke nicht zum Dienst erschien oder weil vergessen wurde, rechtzeitig eine Weiche umzulegen.
Was sich aber jetzt auf den Gleisen vor Karatschi abspielte, wirkte wie der Verschnitt eines Italo-Westerns mit einem Geschwindigkeitsthriller wie "Speed": In einem Depot der Eisenbahngesellschaft Pakistan Railways kletterte ein Mann in den Führerstand einer Diesel-Lokomotive, setzte sie in Gang und rumpelte auf eine Gleisstrecke, die sonst nur von den Expresszügen befahren wird.
Und dann nahm der Lok-Entführer Tempo auf. Er raste von Osten her kommend in Richtung Karatschi, brauste durch zwei Bahnstationen und schloss zu einem vor ihm fahrenden Schnellzug auf, dem sogenannten Baba-Farid-Express. Offensichtlich hatte der Hijacker vor, den Schnellzug von hinten zu rammen.
Katastrophe knapp verhindert
Bedienstete der Bahn hatten vergebens versucht, die rasende Lok mit Flaggensignalen zu stoppen. Erst das Umlegen einer Weiche zeigte Wirkung: Die Lok raste nun auf eine Nebenlinie, wo sie Bahnpolizisten zum Entgleisen brachten. Die Lok kam in einem Sandbett neben den Gleisen zum Halt, auf dem aber kurz zuvor noch Obdachlose schliefen. Sie waren zum Glück noch rechtzeitig gewarnt worden und konnten entfliehen.
"Gott hat uns geholfen, eine große Katastrophe abzuwenden", ist Irshad Baig überzeugt, Sprecher der Bahnpolizei von Karatschi. Übertrieben ist das nicht. Denn wenn es dem Entführer gelungen wäre, ganz zum Baba-Farid-Express aufzuschließen und in dessen Waggons zu krachen, wäre Minuten später ein noch schnellerer Zug gefolgt: der Karakorum-Express, der Karatschi mit den Metropolen des Nordens verbindet.
Zum Glück aber war es den Bahnbeamten gelungen, schon den Lokführer des verfolgten Expresszugs zu informieren, dass hinter ihm eine einzeln fahrende Lok heranrast. Dem Baba-Farid-Express gelang es so, noch mehr Fahrt zu machen und dem Verfolger zu entgehen.
Nach 34 Kilometern kam die Fahrt der rasenden Lok im Sandbett zu Ende. Der Entführer sprang aus dem Führerstand und versuchte, zu entkommen, wurde aber an Ort und Stelle von Bahnpolizisten festgenommen.
Manager will vertuschen
Das gleiche widerfuhr auch den beiden Lokführern, die in dem Depot ihr stählernes Gefährt verlassen hatten, um in der Nachbarschaft Tee trinken zu gehen. Nur deshalb konnte es dem Entführer namens Madan L. gelingen, sich der herrenlosen Diesel-Lokomotive zu bemächtigen.
Richtig skandalös war aber, dass ein Manager der Eisenbahnlinie zunächst versucht hatte, die wilde Jagd ganz zu vertuschen. Auch gegen ihn ermittelt nun die Polizei. Und auch ein terroristischer Hintergrund ist nach den ersten Verhören Madan L.s möglich. Denn der stammt offenbar aus Hyderabad in Indien, dem alten Erzfeind Pakistans, und nicht aus der pakistanischen Millionenstadt mit gleichem Namen östlich von Karatschi.
Und der Behauptung L.s, er habe mit der Lok nur nach Karatschi reisen wollen, glaubt die Polizei natürlich auch nicht. Es brauche Jahre, bis ein pakistanischer Lokführer in der Lage sei, eine Diesel-Maschine dieser Größe völlig allein zu beherrschen, hieß es. Der Entführer, dem nun lebenslange Haft droht, müsse diese Kenntnisse besessen haben und sei nicht, wie angebliche Verwandte im pakistanischen Hyderabad reklamieren, geistesgestört.