Pakistans Elend: Gefangen in der Wasserhölle - DER SPIEGEL
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Pakistans Elend Gefangen in der Wasserhölle

Millionen Menschen leiden, und die Welt schaut weg. Viel zu langsam wird den Flutopfern in Pakistan geholfen, das Geld geht aus. Jetzt reist Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon persönlich an - während die Behörden Hunderttausende aus einer Stadt evakuieren wollen und der erste Cholera-Fall bestätigt ist.
Pakistans Elend: Gefangen in der Wasserhölle
Pakistans Elend: Gefangen in der Wasserhölle

Pakistans Elend: Gefangen in der Wasserhölle

Foto: Daniel Berehulak/ Getty Images
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Jacobabad - Nach einer Flutwarnung für die südpakistanische Stadt Jacobabad haben die Behörden die etwa 400.000 Einwohner aufgefordert, die Region zu verlassen. Tausende Menschen brachten sich mit Autos, auf Traktoranhängern oder auf Eselskarren in Sicherheit. Das Hochwasser im Noorwah-Kanal könne jederzeit über die Ufer treten, sagte der Verwaltungschef des Distrikts, Kazim Ali Jatoi. Zahlreiche Bewohner weigerten sich aber, ihre Häuser und Besitztümer zurückzulassen.

"Ich habe eine Warnung herausgegeben, aber ich habe nicht genug Mittel, um eine Evakuierung zu erzwingen", sagte Jatoi. Zu denjenigen, die sich weigerten zu fliehen, gehörte der 46-jährige Noor Mohammad. "Ich habe meine Frau, meinen alten Vater und drei Kinder an einen anderen Ort gebracht, aber ich werde hierbleiben, um meinen Besitz zu schützen", sagte er. "Wohin sollte ich mein Eigentum bringen? Es ist überall Wasser."

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Flutkatastrophe in Pakistan: Das Elend der Flüchtlinge

Foto: Daniel Berehulak/ Getty Images

Jacobabad in der Provinz Sindh ist die zweite größere Stadt in Pakistan, die seit Beginn der Jahrhundertflut evakuiert wird. Vor wenigen Tagen waren die 450.000 Bewohner der Stadt Muzaffargarh in der zentralpakistanischen Provinz Punjab aufgerufen worden, sich in Sicherheit zu bringen. Die meisten davon flohen in die Millionenmetropole Multan. Multan ist ebenfalls von der Flut bedroht. Inzwischen gingen die Pegel des Flusses Chenab, in dessen Nähe Multan liegt, nach Angaben der Behörden aber zurück.

Vereinte Nationen befürchten Ausbruch von Seuchen

Unterdessen ist die Seuchengefahr dramatisch gestiegen. Es gebe bereits 36.000 Verdachtsfälle einer schweren, zum Teil tödlich verlaufenden Form von Durchfall, teilten die Vereinten Nationen mit. "Die Lage ist alarmierend", sagte ein Sprecher des Uno-Welternährungsprogramms. Im Swat-Tal wurde der erste Cholerafall registriert. Der Patient liege in einem Krankenhaus in Mingora in der Provinz im Nordwesten des Landes, teilte die Hilfsorganisation Malteser International am Freitag in Köln mit.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon will jetzt selbst nach Pakistan reisen und die Katastrophengebiete besuchen. Ban werde am Samstagabend in Pakistan eintreffen und sich vor Ort über die Hilfsbemühungen informieren, teilte das pakistanische Außenministerium am Freitag in Islamabad mit.

Nach Uno-Schätzungen sind bei den schweren Überschwemmungen bislang mehr als 1600 Menschen ums Leben gekommen. Insgesamt 14 Millionen Menschen sind demnach betroffen, sechs Millionen von ihnen brauchen sofortige Hilfe zum Überleben.

Die ohnehin mühsamen Rettungsarbeiten wurden zudem von einer zweiten Flutwelle erschwert. Der Katastrophenschutz rechnete damit, dass neue heftige Regenfälle in der zentralen Region Punjab und im südlichen Sindh steigende Pegel des Indus und damit neue Zerstörung bringen könnten.

Ein weiterer Uno-Sprecher gab an, dass rund hundert Gesundheitseinrichtungen im Land durch die Fluten zerstört worden seien. Die Hilfsorganisationen bemühen sich intensiv, eine Ausbreitung von Seuchen zu verhindern. Der Ausbruch von Cholera konnte bislang nicht bestätigt werden. Ein Sprecher der lokalen Hilfsoperationen erklärte aber, in einigen von Wasser eingeschlossenen Regionen könnten keine Laboruntersuchungen gemacht werden, so dass keine eindeutigen Diagnosen möglich seien.

60.000 pakistanische Soldaten im Einsatz

Eine wichtige Rolle bei den Rettungsarbeiten spielt das pakistanische Militär. Insgesamt sind 60.000 Soldaten der rund 550.000 Mann starken Armee im Einsatz. Insbesondere die USA hatten sich besorgt gezeigt, dass Pakistan zur Fluthilfe Truppen aus dem Grenzgebiet zu Afghanistan abziehen könnte, wo sie gegen muslimische Extremisten kämpfen. Ein pakistanischer Militärsprecher wies die Befürchtung zurück. Die Hilfe in den Überschwemmungsgebieten habe keinen Einfluss auf den Anti-Terror-Kampf, erklärte er. Ein Abzug von Soldaten von der westlichen Grenze sei derzeit nicht geplant.

Pakistan ist für die USA ein wichtiger Verbündeter im Kampf gegen die Taliban in Afghanistan. In einigen Hochwasserregionen haben sich die Extremisten oder mit ihnen verbündete Hilfsorganisationen als Hochwasserhelfer betätigt und damit Sympathien in der Bevölkerung gewonnen

Die Regierung in Islamabad will ihre Anstrengungen zur Hilfe für die Opfer weiter verstärken. Das teilte das Büro von Präsident Asif Ali Zardari nach einem mehr als zweistündigen Treffen des Staatsoberhaupts mit Premierminister Yousuf Raza Gilani in Islamabad mit. Der Premierminister sagte, das Ausmaß der Schäden könnte weitaus größer sein, als erste Schätzungen andeuteten. Zardari und Gilani beschlossen, ein Treffen mit Vertretern der Provinzen und der politischen Parteien einzuberufen.

Hilfsorganisationen verlangen mehr Geld von der Bundesregierung

Inzwischen verlangen Hilfsorganisationen in Deutschland von der Bundesregierung mehr Hilfe für das asiatische Land. Der Vorsitzende von Care Deutschland, Heribert Scharrenbroich, forderte, die bisherige Hilfe von insgesamt zehn Millionen Euro nochmals aufzustocken. Bislang haben Auswärtiges Amt und Entwicklungsministerium für Pakistan jeweils fünf Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

Zugleich baten die großen Hilfsorganisationen unter dem Dach der "Aktion Deutschland hilft" um weitere private Spenden. "Durch die jahrelange Zusammenarbeit mit lokalen Partnern vor Ort ist die ehrliche und direkte Verwendung der Spenden garantiert", versprach Scharrenbroich.

kng/dpa/Reuters