Panne auf dem Airport Mulmiges Gefühl in San Francisco
San Francisco - Die Nerven scheinen blank zu liegen in San Francisco. Am Donnerstagspätnachmittag ließ die US-Nationalgarde Air-Force-Kampfjets aufsteigen, um zwei Sportflugzeuge über der Golden-Gate-Brücke abfangen zu können.
Beide Maschinen stellten sich allerdings als harmlose Freizeitflieger heraus - die, wie die Federal Aviation Administration (FAA) später zu verstehen gab, nicht einmal in abgesperrten Luftraum über der Brücke eingedrungen waren. Nach Angaben von National-Guard-Offizieren seien die Flugzeuge zudem in "verdächtiger Weise" geflogen. Dabei war die eine Maschine nur der anderen gefolgt.
Als die F-16-Jets das weltberühmte Bauwerk nach etwa zehn Minuten erreichten, hatten die Kleinflugzeuge das Areal längst wieder verlassen und waren wenig später weiter südlich in Half Moon Bay gelandet.
Viel Wirbel um nichts also in der Metropole in Nordkalifornien. Und das innerhalb zwei Tagen gleich zum zweiten Mal: Erst am Mittwochmorgen war ein Teil des San Francisco International Airports evakuiert worden, nachdem Spuren eines möglicherweise explosiven Materials an den Schuhen eines Passagiers entdeckt wurden. Der Fluggast verschwand jedoch in der Menge, ohne weiter untersucht werden zu können.
Erst etwa eine Stunde nach dem Zwischenfall wurde der gesamte Terminal 3 geräumt und 3000 Fluggäste vor die Tür gesetzt. "Wie Vieh hat man uns behandelt und überhaupt nicht informiert", klagten Betroffene. 27 Flüge verspäteten sich um Stunden.
Hat nur "Ramon" Schuld?
Viel bedeutender ist jedoch, dass nach der Kontrollpanne um 6.30 Uhr noch sieben Flugzeuge starten konnten. Wie Flughafen-Offizielle mittlerweile zugaben, hätte der Unbekannte mit dem potenziell explosiven Schuhwerk mindestens an Bord zweier Maschinen sein können. Diese beiden Flüge - mit den Zieldestinationen Washington und New York - wurden nach Chicago umgeleitet, alle Passagiere einem zweiten Screening unterzogen. Allerdings ohne Ergebnis.
Die FAA und die San Franciscoer Polizei beschwerten sich am Donnerstag heftig darüber, erst 45 Minuten nach dem Vorfall von United Airlines verständigt worden zu sein. Die Sicherheitsleute hatten in der Zwischenzeit auf eigene Faust versucht, die gesuchte Person zu finden - was auch den Verdacht nahe legt, dass die Fluglinie und die Sicherheitsfirma Argenbright den Vorfall vertuschen wollten. Informationen des "San Francisco Chronicle" zufolge äußerte sich ein Gewerkschaftsvertreter für die Airport-Screener in dieselbe Richtung.
United- wie auch Argenbright-Verantwortliche widersprechen den Vorwürfen der Ermittler und schieben die Schuld auf einen einzelnen unerfahrenen Sicherheitsmann. Von diesem ist bislang nur bekannt, dass er "Ramon" heißen soll und erst seit drei Monaten im Dienst ist. "Hätten wir nichts gesagt, wäre der Vorfall erst gar nicht bekannt geworden", verteidigt sich United-Airlines-Sprecher Joe Hopkins im "San Francisco Examiner". "Und passiert ist ja schließlich auch nichts."
Kontrollpunkte unbaufsichtigt
Mag sein. Beruhigend für die Fluggäste ist das jedenfalls kaum. Vor allem auch wenn man sich die satte Pannenstatistik einer der weltgrößten Airport-Sicherheitsfirmen vergegenwärtigt: Anfang des Monats war ein Argenbright-Angestellter am Denver Flughafen gefeuert worden, nachdem er mit einem Kollegen gestritten hatte und dabei einen Fluggast unkontrolliert passieren ließ. Dieser Reisende verschwand prompt in einem Airport-Shuttle - 2500 Passagiere waren daraufhin evakuiert worden. Im Spiegel der jüngsten Ereignisse am San Franciscoer Flughafen erscheint dieser Faux-Pas wie ein Déjà-vu.
Doch damit längst noch nicht genug. Nach mehreren Zwischenfällen hatte im November der Bostoner Logan International Airport den Vertrag mit Argenbright gekündigt. In mindestens zwei Fällen hatten Angestellte der Security-Firma ihre Kontrollpunkte unbeaufsichtigt gelassen. Im Dezember übersahen Kollegen am Chicagoer O'Hare Airport bei einem Fluggast aus Nepal sieben Messer, eine Schreckschusspistole und Tränengas. Und im Mai 2000 waren drei Argenbright-Manager zu einer Geldstrafe in Höhe von 1,6 Millionen US-Dollar verdonnert worden, da sie verurteilte Schwerverbrecher am Philadelphia International Airport als Sicherheitskräfte eingesetzt hatten.
Die FAA untersucht nun die Rolle von Argenbright im Zusammenhang mit den Pannen am San Franciscoer Flughafen. Ob die Firma beziehungsweise United Airlines für die entstandenen Kosten haftbar gemacht werden können, ist gemäß Sprechern der Flugbehörde noch unklar.
Neue Digi-Überwachungskameras für den "SFO"
Der Unbekannte vom "SFO" wird derweil wohl kaum gefunden werden. Auch die antiquierten analogen Überwachungskameras lieferten kaum brauchbares Bildmaterial. Mittlerweile wurde damit begonnen, diese gegen digitale Geräte auszutauschen. In den kommenden Wochen sollen mehrere hundert neue Digi-Cams in Betrieb genommen werden. Künftig müssen die Sicherheitsleute auch sofort nach einem positiven Screen explosiver Substanzen über "Panik-Knöpfe" Alarm auslösen.
Angaben eines Flughafensprechers zufolge könnte es sich bei den vermeintlich explosiven Rückständen neben Plastiksprengstoff auch um harmlose Düngechemikalien, Pulver für Feuerwerkskörper oder Medikamente gehandelt haben. Möglicherweise habe der völlig unbescholtene Fluggast in der morgendlichen Rush-Hour überhaupt nicht wahrgenommen, dass er von Sicherheitsleuten gesucht wurde. Auch die Ermittlungsbehörden gehen mittlerweile von dieser Theorie aus.
"Das Ganze macht einen schon ziemlich nervös", erklärt John Dorning, Personalberater aus San Francisco und in der Regel einmal wöchentlich beruflich in New York - so auch am Mittwoch. "Auch wenn man immer wieder von Warnungen gehört hat, hat das schon eine eigene Dynamik, wenn man selber vor Ort ist und spürt das etwas los ist, man aber nicht genauer informiert wird."
Das mulmige Gefühl, das Dorning da beschreibt, teilen derzeit Millionen Amerikaner. US-Präsident George Bush wies ja erst diese Woche in seiner "State of the Union address" darauf hin, dass al-Qaida noch Zehntausende Kämpfer zähle und der Krieg gegen den Terror erst begonnen habe. Außerdem glauben die US-Geheimdienste seit Freitag konkrete Informationen über bevorstehende Anschläge zu haben und gaben eine interne Terrorwarnung aus. Unter Berufung auf informierte Kreise berichteten verschiedene amerikanische Medien, islamische Terroristen planten eine ähnlich "spektakuläre" Attacke wie die Anschläge vom 11. September. Als mögliches Ziel wurden amerikanische Kernkraftwerke genannt. Als "Waffe" sollen wieder vollgetankte Passagierflugzeuge dienen.
Alarmbereitschaft wegen Superbowl
Unter Insidern ist das Echo auf die erneuten Attentatshinweise dagegen deutlich geteilt. Nach Berichten von CNN weist die Nuclear Energy Institution die Hinweise als "unglaubwürdig" zurück. Aus dem Office of Homeland Security in Washington verlautete dagegen, dass die Bedrohung sehr ernst zu nehmen sei.
Das FBI erklärte seinerseits, die Informationen aus dieser Quelle seien schon im Herbst bekannt geworden und nun einfach erneut aus dem Ausland in die USA geschwemmt worden. Aufgrund des Superbowls am kommenden Sonntag und der beginnenden Olympischen Winterspiele bleiben FBI-Chef Robert Mueller zufolge jedoch alle Behörden weiterhin in erhöhter Alarmbereitschaft.