Panzerfahrschule "Oh, das war ein Baum!"
Lüneburg - Am Anfang ist der Simulator. Natürlich nicht irgendeiner, sondern der modernste der Welt. Ein seltsames Ungetüm, hydraulisch gesteuert und videoüberwacht.
Stabsunteroffizier Beck hat seine zweite Fahrstunde und brettert mit dem Leo 2 durch virtuelle Welten. "Schön einschlagen, weiter den Lenkeinschlag halten und halten und halten ... ahh! Panzer halt!" schnarrt die Stimme des Fahrlehrers aus dem Überwachungsraum. Sekunden später hat Fahrschüler Beck ein Straßenschild überrollt. Egal. Ist ja nur Training - noch.
Im freien Gelände ist Oberstabsbootsmann Pahlke zuständig für die Ausbildung. Seit 26 Jahren dient der gebürtige Hamburger dem Vaterland und schult den Nachwuchs am schweren Gerät. Täglich ist der Endvierziger mit Sechs-Tage-Bart und ordentlichem Selbstbewusstsein im unwegsamen Gelände der Lüneburger Heide unterwegs. Sein Lieblingsspruch: "Butter bei die Fische."
An einem Dienstag im Juni dürfen zwei Zeitsoldaten - nach acht Tagen am Simulator - zum ersten Mal den Leo lenken. 55 Tonnen Stahl. Angetrieben von einem 1500-PS-Motor. Mit Tempo 50 rumpelt der Fahrschulpanzer über öffentlichen Asphalt. Am Steuer der Obergefreite Marc Keuter. Dann macht Ausbilder Pahlke das, was alle Fahrlehrer gern machen: Er versucht, den Schüler in die Irre zu führen.
Pahlke ordert Keuter auf eine Straße, die für Panzer gesperrt ist. Der Schüler übersieht das Verbotsschild. Unsanft bringt der Ausbilder das Gefährt zum Stehen. "Oh, das Panzerschild, das Panzerschild", kommt's reuig von Keuter. Fahrlehrer Pahlke: "Immer schön Augen auf beim Käsekauf!"
In Afghanistan gibts auch keine Schilder. Regeln sind trotzdem wichtig, meint Ausbilder Pahlke.
Der Fahrschulpanzer ist ein spezieller Umbau: Da, wo normalerweise der Turm ist, thront Pahlke in einer Art Glaskasten über dem Geschehen. Obendrauf signalisiert zusätzlich eine gelbe Warnleuchte, dass gerade etwas durch den Wald rauscht, was dort nicht hingehört. Wie im zivilen Leben prangt auch das passende Schild am Gefährt: "Fahrschule". Bevor man es schafft, die Buchstaben zu entziffern, dürfte man schon tot sein.
Für Fachleute sei hinzugefügt, dass das Rohr nur eine "Attrappää" (Originalton Pahlke) und, damit der Fahrlehrer den Blick frei geradeaus hat, auf "11.40 Uhr" ausgerichtet ist.
Ganz wichtig beim Fahren im Gelände: die Kommunikation. Pahlke hält per Sprechanlage Kontakt zum Auszubildenden. So lange die Sonne scheint und es trocken ist, kein Problem. Dialoge im Regen hören sich allerdings so an:
Pahlke: "Warum wird angehalten, was ist los?"
Obergefreiter Jacobi: "Ich habe 'Stopp' verstanden."
Pahlke: "Hallo, hallo. Es gibt nur 'HALT!', ein 'STOPP!' gibt es nicht. Sie könnten ja auch STOFF! verstehen." Was nicht nur am Steuer eines Panzers ein fataler Irrtum wäre.
Aber auch bei klarer Sicht und Windstille kann es Probleme geben. Der Obergefreite Keuter fährt langsam auf eine Kreuzung zu. Gaaanz langsam.
Erkundigt sich Pahlke: "Was wird das?"
Schüler Keuter guckt aus der Luke und meint: "Rantasten, damit ich was sehe?!"
Pahlke: "Was müssen wir machen beim ersten Mal?"
Keuter, kleinlaut: "Anhalten."
Pahlke: "Und warum haben wir das nicht gemacht?"
Es ist das kleine Schalt- und Fahreinmaleins, das der Ausbildern seinen Fahrschülern in den nächsten Tagen beibringt. Als nächstes wäre da die hohe Kunst des Schaltens.
Pahlke: "Hey! Man muss doch die passende Geschwindigkeit haben! Denk mal an dein Auto. Kriegste bei 50 den ersten Gang rein?"
Keuter: "Äh, nee."
"Doch, natürlich", gibt Pahlke zurück. "Kostet nur unheimlich viel Kraft."
Das Leben von Ausbilder Pahlke auf und neben der Panzerfahrstrecke in der Lüneburger Heide ist ab heute täglich auf SPIEGEL ONLINE zu sehen. Die Filme basieren auf einer SPIEGEL-TV-Reportage von Mate Spörl.