Paparazzi in L.A.: Die Großbildjäger - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Paparazzi in L.A. Die Großbildjäger

Viele Promi-Fotos, wenig Text: Klatschmagazine der schlichten Machart drängen in Deutschland mit Macht auf den Zeitschriftenmarkt. Ein gutes Geschäft für Hunderte von Paparazzi. Vor allem in Hollywood sind sie auf der Jagd - nach dem besten Schuss von Britney, Paris & Co.
Von Dennis Kayser
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Los Angeles - Adnan Ghalib hat die Seiten gewechselt. Bis vor kurzem war der Paparazzo fester Bestandteil der rund zwei Dutzend Männer umfassenden Fotografenmeute, die ununterbrochen Britney Spears' Villa in Los Angeles belagern. Vor dem Eisentor liegen sie auf der Lauer, 24 Stunden am Tag, um sich sofort an Spears' Fersen heften zu können, wenn die Sängerin ihr Anwesen verlässt.

"An der Adresse arbeiten", heißt das im Paparazzo-Fachjargon. Besonders wichtig ist dabei, die Autokennzeichen sämtlicher Stars auswendig zu kennen. Wenn sich die Tore öffnen und Cadillacs, Jaguars oder Ferraris herauspreschen, muss ein Paparazzo binnen Sekunden entscheiden, ob er dem Wagen folgen soll oder ob es nur der Manager des Stars ist, der davonbraust.

Die Tage des Wartens sind für den Paparazzo Adnan Ghalib vorbei, nun kann er seinen Kollegen vom Fenster aus Britneys Villa zuwinken. Der 35-jährige Brite avancierte vom Verfolger des abgehalfterten Pop-Sternchens zum Spears-Geliebten - und ist längst selbst Gegenstand der Berichterstattung.

Die Kollegen sind not amused. "Ich kann mich nicht erinnern, dass je zuvor die Beziehung zwischen einem Promi und einem Paparazzo bis ins Schlafzimmer reichte", sagt Sven ten Doornkaat, Chef der Fotoagentur "Most Wanted Pictures" in Los Angeles, SPIEGEL ONLINE - und klingt entrüstet.

Ten Doornkaat beschäftigt zwölf fest angestellte Fotografen, die ihm täglich 2000 bis 3000 Shots von Prominenten in mehr oder minder - meist minder - kompromittierenden Situationen liefern. "Abends läuft das Material meiner Mitarbeiter ein, dann sichte ich alles", sagt ten Doornkaat. "Einerseits, um zu sehen, was wir im Repertoire haben, andererseits, um rechtlich auf der sicheren Seite zu sein." Seine Bilder bietet ten Doornkart Kunden in 53 Ländern rund um den Erdball an.

Sein Geschäft lernte er in Deutschland, war zuletzt Chefredakteur der Hamburger Agentur "Action Press", bevor er vor fünf Jahren nach L.A. zog. Das Geschäft hierzulande sei zu mühsam geworden, erzählt der Paparazzi-Boss. In Deutschland habe er seine Kamera nur in Richtung eines Prominenten halten müssen, schon habe er dessen Anwälte "auf dem Hals gehabt". In Hollywood gilt dagegen: Feuer frei. "Hier zieht höchstens dann jemand vor Gericht, wenn ein Paparazzo über eine zehn Meter hohe Mauer auf das Grundstück klettert", sagt ten Doornkaat. "Wird von der Straße aus geschossen, ist das eigentlich kein Problem." Jedenfalls nicht für den Fotografen.

"Die junge Lesergeneration ist stark fotogesteuert"

Jetzt hat der 39-Jährige seinen Firmensitz in Westlake City, einem Vorort von Los Angeles und beliebtes Wohngebiet von ten Doornkaats begehrten Objekten. Gleich um die Ecke ist Schauspielerin Heather Locklear zu Hause, ein paar Straßenzüge weiter Kurt Russell und Will Smith.

Insgesamt leben in Los Angeles etwa 500 Top-Prominente, etwa ebenso viele Paparazzi gehen dort täglich auf die Pirsch. Es herrscht Goldgräberstimmung. Vor zehn Jahren waren es noch sechs bis sieben Agenturen, mittlerweile sind es 30 Firmen, die mit ihren Fotos den wachsenden Markt von People-Zeitschriften bedienen. Das Geschäft mit den Stars boomt - auch in Deutschland.

Innerhalb der vergangenen zwei Jahre bekamen das People-Schlachtschiff "Bunte" aus dem Hause Burda und die bei Gruner + Jahr beheimatete "Gala", die es gemeinsam laut Branchenverband IVW auf eine durchschnittliche monatliche Verkaufsauflage von über eine Million bringen, allerlei Konkurrenz.

Seit Dezember 2005 bringt der Heinrich-Bauer-Verlag wöchentlich die deutsche Ausgabe der Zeitschrift "InTouch" heraus, außerdem ist bei Bauer ein weiterer People-Titel namens "Life&Style" in der Entwicklung. Der Verlag Condé Nast drängt - wenn auch mit durchwachsenem Erfolg - seit Februar 2007 mit der deutschen "Vanity Fair" ins Glamour-Geflecht. Im Hause Klambt erscheint "In - das Starmagazin", demnächst soll der Launch von "Ok!" erfolgen.

"Insgesamt ist auf dem Markt eine sehr positive Entwicklung zu verzeichnen", sagt Kathrin Jansen, Verlagsleiterin des Bereichs People bei Bauer. Angestrebte Zielgruppe für Promi-Geschichten und Bilderstrecken der neuen Bauer-Blätter seien Leser knapp unter 30 Jahren. "Die junge Generation ist mit MTV aufgewachsen und somit sehr stark fotogesteuert. Leser sind heute viel mehr visuell geschult als früher", so Jansen. "Die Berichterstattung hat sich geändert, man sieht den Star nicht mehr auf einem Sockel wie noch vor einigen Jahren. Man lässt als Leser mehr zu und will auch mehr Privates von seinem Star erfahren."

"Diesen Kitzel kann man gar nicht beschreiben"

Klarer Arbeitsauftrag für die Paparazzi. In regelrechten Abdrückerkolonnen heften sich die Fotojäger, meist junge Männer um die 30, in L.A. den Prominenten an die Fersen. Besonders beliebt, weil sie sich seltener blicken lassen: die sogenannten Stars der "A-List" wie Brad Pitt, Johnny Depp oder George Clooney. Sie verschanzen sich gern in ihren "Gated Communities", bewachten Luxuswohnvierteln. "Jack Nicholson zu Beispiel sieht man so gut wie nie beim Einkaufen", erzählt Agenturchef ten Doornkaat. "Solche Leute legen es nicht gerade darauf an, im Privatleben abgelichtet zu werden, weil sie auch keine PR mehr brauchen."

Als ten Doornkaart noch selbst vor den Villen der Reichen und Schönen ausharrte oder einfach die Hot Spots der Stadt abklapperte - Malibu, die Melrose Avenue, In-Restaurants wie das "Ivy", die Luxus-Shops rund um den Rodeo Drive - merkte er sich mehr als 400 Nummernschilder, die Kamera lag stets in Griffweite auf seinem Beifahrersitz. Das Auto - für einen L.A.-Paparazzo das zweite Wohnzimmer. Es sei wichtig, immer genug Verpflegung an Bord zu haben, erklärt ten Doornkaat. Und selbstverständlich müsse man Sitzfleisch haben. "Dafür wird man später eben mit einzigartigen Bildern von Angelina Jolie oder Brad Pitt belohnt. Diesen Kitzel kann man gar nicht beschreiben."

Hassparolen nach Dianas Tod: "Paparazzi sind Mörder!"

Darüber, dass Kollegen in der Hoffnung auf eine Story sogar in den Abfalleimern der Stars wühlen, schüttelt ten Doornkaat den Kopf. Allerdings nicht wegen moralischer Vorbehalte. "Warum soll man im Müll kramen? Gute Geschichten gibt es doch genug." Ladenbesitzer, Liftboys, Concierges, Parkplatzwächter rufen durch, wenn sich ein Promi irgendwo danebenbenimmt oder auch nur sein Auto abgeschleppt wird.

"Gegen Cash bekommt man hier jede Info", sagt der Agenturboss. Auch das sei anders als in Deutschland, wo man es mit der Diskretion noch genauer nimmt. "Hier in L.A. ist eben alles Showbusiness." Der Hype ums Triviale erlaubt es den Stars sogar, die Medien im gleichen Maß zu benutzen, wie sie von ihnen benutzt werden. Bei Paris Hilton oder Britney Spears entstehen viele der Fotomotive nicht zufällig. "Oft ruft einfach der Bodyguard durch und sagt einem genau, wo man hinfahren soll", sagt ten Doornkaat.

Von Montag bis Sonntag, 14 Stunden täglich, organisiert ten Doornkaat das Geschäft, schickt seine Fotografen raus, verhandelt mit Redaktionen um Honorar und Exklusivrechte. Ein gutes Motiv, sagt er, bringe im Schnitt etwa 200.000 Dollar ein. Was gut ist, das bestimmt die Nachfrage.

Umgerechnet 500.000 Euro will die Agentur X17 vor zwei Jahren für Fotos kassiert haben, die Britney Spears am Steuer ihres Wagens zeigten, auf dem Schoß ihr Baby. Ein noch fetteres Geschäft: Der Friseurbesuch, bei dem sich Spears Anfang 2007 ihre blonde Mähne abrasierte. Der Kahlschlag brachte laut X17 noch einmal 400.000 Dollar.

Nur einmal war in der Branche ein kollektives Innehalten zu verzeichnen - 1997, unmittelbar nach dem fatalen Autounfall in Paris, in dessen Folge Prinzessin Diana starb. Als sie blutend im Wrack ihres Mercedes lag, hielten die Fotografen weiter drauf - und schossen sich ins Abseits. Sieben von ihnen wurden noch am Unfallort vorübergehend festgenommen, drei weitere später vor Gericht gebracht. Aufgebrachte Passanten schmierten Hassparolen auf den Asphalt vor dem Tunnel: "Paparazzi sind Mörder".

Im Fernsehen entbrannten emotionale Debatten über Sinn und Zweck voyeuristischer "Berichterstattung". Selbst das US-Tratschblatt "The National Enquirer", normalerweise weitgehend von Skrupeln befreit, verzichtete darauf, Fotos der sterbenden Prinzessin zu drucken.

Welche Grenze zieht ten Doorkaart? Zieht er überhaupt eine? "Wenn es um Kinder geht, habe ich teilweise schon ein schlechtes Gewissen", gibt der 39-jährige Familienvater zu. "Man weiß ja nicht, was irgendwelche Menschen mit diesen Fotos anstellen. Ich würde nie Kinder nackt am Strand knipsen." Hüllenlose Erwachsene sind für den Abdrücker hingegen ein gefundenes Fressen. "Die müssen in der Öffentlichkeit halt damit rechnen, dass man ihnen hinterherfotografiert."

Was sich ten Doornkaat heute wünschen würde, wenn er könnte? "Britneys nächste Hochzeit vielleicht." Britney läuft schließlich immer.