Papst eckt an Proteste gegen Seligsprechung
Rom/Tel Aviv - Trotz scharfer internationaler Proteste hat Papst Johannes Paul II. am Sonntag seinen Amtsvorgänger Pius IX. selig gesprochen. Pius, der von 1846 bis 1878 amtierte, gilt als eine der umstrittensten Gestalten der jüngeren Kirchengeschichte. Kritiker werfen ihm Antisemitismus vor. In Israel stieß die Würdigung offiziell auf scharfe Ablehnung.
Außerdem sprach der Papst seinen Amtsvorgänger Johannes XXIII. sowie einen Benediktinerabt und zwei Ordensgründer selig. Zur feierlichen Zeremonie mit hunderten Priestern und Bischöfen kamen rund 80.000 Pilger auf den Petersplatz in Rom.
Johannes Paul II. würdigte die Leistung des "Konzilspapstes" Johannes. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) habe er eine neue Seite in der Kirchengeschichte aufgeschlagen, sagte das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. "Das Konzil war in der Tat eine prophetische Intuition."
Dagegen überschatteten massive Proteste die Seligsprechung von Pius. Sprecher jüdischer Organisationen werfen ihm Antisemitismus vor. Kirchenhistoriker kritisierten, Pius sei unbelehrbar konservativ gewesen und habe fortschrittliches Denken verdammt.
In seiner Predigt wies Johannes Paul darauf hin, dass die Kirche mit einer Seligsprechung nicht "besondere historische Optionen" eines Kandidaten würdige, sondern zur Nachahmung und Verehrung von dessen Tugendhaftigkeit aufrufe.
"Er wurde sehr geliebt, aber auch gehasst und verleumdet", sagte der Papst über Pius. Er sei ein Beispiel bedingungsloser Gläubigkeit gewesen. Mit seinem 32-jährigen Pontifikat war Pius der am längsten amtierende Papst der Kirchengeschichte. Zugleich war er der Urheber des päpstlichen Unfehlbarkeitsdogmas, das er 1870 beim Ersten Vatikanischen Konzil gegen erhebliche Widerstände durchsetzte.
Katholische Kirchenhistoriker des deutschen Sprachraums hatten einstimmig eine Resolution gegen die Seligsprechung von Pius verabschiedet. Er habe die Kirche als Bollwerk gegen die Moderne betrachtet und mit seinem 1864 veröffentlichten "Syllabus errorum" den Liberalismus verdammt. Zugleich habe er die alten Unterdrückungen der Juden im damaligen Kirchenstaat erneuert.
Der israelische Minister für Gesellschaft und Juden in der Diaspora, Rabbi Michael Malkior, sagte, die Seligsprechung von Pius IX. könnte von der jüdischen Welt als Zustimmung zu in früheren Zeiten erzwungenen Konversionen von Juden zum Glauben der römisch- katholischen Kirche interpretiert werden. Er hätte vom Vatikan "eine größere Empfindsamkeit gegenüber den Angehörigen anderer Religionen erwartet".
Malkior weiter: "Für Juden passt die Seligsprechung einfach nicht mit den jüngsten Entschuldigungen der katholischen Kirche für früheren Antisemitismus zusammen", schrieb die "Jerusalem Post" am Sonntag.
Andere Kritiker werteten die Würdigung des "Unfehlbarkeitspapstes" als Schlag gegen die Ökumene. Der Primat des Papstes gilt als Haupthindernis für die von Johannes Paul beschworene Einheit der Christen.
Der Papst sagte, Johannes und Pius hätten zwar unter sehr unterschiedlichen historischen Bedingungen gelebt, seien sich aber in menschlicher und spiritueller Hinsicht ähnlich gewesen. Johannes habe Pius tief verehrt und dessen Seligsprechung erhofft.
Unter stürmischem Beifall wies der Papst auf die "außerordentliche Güte" von Johannes hin, der von 1958 bis 1963 amtierte. Johannes bleibe als der Papst mit dem lächelnden Gesicht und den zur Welt hin geöffneten Armen in Erinnerung. Das von ihm einberufene Konzil sollte zur Öffnung und Erneuerung der Kirche führen.