Papst-Nachfolge: "Gott ist Brasilianer" - DER SPIEGEL
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Papst-Nachfolge "Gott ist Brasilianer"

Der Papst ist tot, es lebe der Papst: Noch nie standen die Chancen für einen Pontifex aus Lateinamerika so gut wie heute. Einer der aussichtsreichsten Anwärter kommt aus Brasilien.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rio de Janeiro - Johannes Paul II. wusste seinen Gastgebern zu schmeicheln. "Gott ist Brasilianer und der Papst Carioca", scherzte der Pontifex bei seinem letzten Besuch in Brasilien 1997 - Cariocas werden die Einwohner von Rio de Janeiro genannt.

Acht Jahre später erscheint die launige Bemerkung prophetisch: Die Chancen stehen nicht schlecht, dass der nächste Papst aus Brasilien kommt. Claudio Hummes, der Erzbischof von Sao Paulo, gilt als einer der aussichtsreichsten Anwärter auf die Nachfolge des verstorbenen Johannes Paul II.

Hummes ist in Glaubensfragen konservativ. Er gilt auch als ein Anwalt der Armen. Während des Streiks der Metallarbeiter gegen die Militärdiktatur 1979 gewährte er dem damaligen Gewerkschaftsführer Lula da Silva in seiner Kirche Zuflucht vor der Polizei. Der zutiefst gläubige Lula, heute Staatschef des größten katholischen Landes, plädierte wenige Stunden nach dem Tod von Johannes Paul II. für einen brasilianischen Pontifex: "Der würde uns nahe stehen und kennt unsere Probleme." Hummes wäre ihm zweifellos recht.

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Die Spekulationen um die Papstnachfolge haben dem bislang eher unauffälligen Erzbischof der größten Stadt Südamerikas unerwartete Popularität verschafft. Bei seiner Schwester in dem Städtchen Montenegre im tiefen Süden des Landes steht das Telefon nicht mehr still. Er angele gerne, spiele Geige und hasse die Hitze, erzählt sie über ihren Bruder, das älteste von vierzehn Kindern eines Deutschstämmigen aus dem Bundesstaat Rio Grande do Sul. Vor allem aber setze er sich für die Ausgeschlossenen ein: "Das erwartet man doch von einem Papst, oder?"

Tatsächlich versprechen sich ihre Landsleute von einem brasilianischen Papst wahre Wunder: die Heiligsprechung des Padre Cicero zum Beispiel, dem Idol Hunderttausender Brasilianer im armen Nordosten. Jedes Jahr pilgern sie zu der 27 Meter hohen Statue, die ihm zu Ehren in einer Kleinstadt im Nordosten errichtet wurde. Die Hostie, die der Padre im Jahr 1889 einer armen Schneiderin verabreichte, hat sich in deren Mund angeblich in Blut verwandelt. Die Kirche hat das Wunder bislang nicht anerkannt, aber bisher herrschte ja auch noch kein Brasilianer im Vatikan.

Diesmal stehen die Chancen für einen Latino-Papst nicht schlecht: Der spanische Vatikan-Experte José Catalán Deus, Autor eines Buchs über die Papst-Nachfolge, räumt einem Kandidaten aus Lateinamerika etwa 40 Prozent Chancen ein - genauso viel wie den Italienern, die weithin als Favoriten gelten.

Unter Vatikan-Auguren werden mindestens vier Latinos als "Papabile" gehandelt. Im irischen Internet-Wettbüro Paddy Power stehen die Chancen für Hummes 7:1. Er hat sich innerhalb von drei Tagen auf Platz vier vorgekämpft, hinter zwei Italienern und dem Honduraner Oscar Rodríguez Maradiaga, 59.

Knapp die Hälfte aller Katholiken lebt in Lateinamerika, das führen Experten als Hauptargument für die Latino-Favoriten ins Feld. "Das Gesicht der Kirche ist heute schwarz, gelb, weiß und kupferfarben, das schlägt in dem Konklave zweifellos zu Gewicht", sagt der Erzbischof von El Salvador. Unter den 117 Kardinälen, die über den nächsten Papst entscheiden, sind zwar nur etwa 20 Prozent Lateinamerikaner, doch sie haben eine starke Lobby.

Johannes Paul II. hat in den vergangenen Jahren systematisch Latinos zu Kardinälen berufen, um so Einfluss auf seine Nachfolge zu nehmen. Er selbst habe bei dem letzten Konklave für einen Brasilianer gestimmt, bekannte er einmal. Keine Region hat der Papst aus Polen so oft besucht wie Lateinamerika, das er einmal als "Kontinent der Hoffnung" bezeichnete.

Dabei hat sein konservativer Kurs die Kirche gespalten: Der glühende Antikommunist Johannes Paul II. drängte den Einfluss der linken Befreiungstheologie, die in Lateinamerika entstanden ist, mit eiserner Hand zurück. Dem Brasilianer Leonardo Boff und Nicaraguas Dichterpadre Ernesto Cardenal, ihren prominentesten Vertretern, untersagte er die Ausübung des Priesteramtes. Gleichzeitig stärkte er das erzkonservative Opus Dei, das heute in vielen lateinamerikanischen Ländern Schlüsselpositionen in Politik und Wirtschaft besetzt.

In den vergangenen Jahren galt die Sorge des Papstes vor allem dem rasanten Wachstum der evangelischen Sekten in Lateinamerika. Theologen bezweifeln inzwischen, dass der Subkontinent noch lange mehrheitlich katholisch bleibt: Millionen Gläubige sind in den vergangenen Jahren zu den Pfingstkirchen übergelaufen, die oft von US-amerikanischen Missionaren gegründet wurden.

Gegen die Sekten, die ihre Gottesdienste mit Teufelsaustreibungen, Tanz und Gesang würzen, hat der Papst die "Charismatiker" ins Feld geschickt, junge dynamische Pop-Padres, die mit Live-Shows und Mammutgottesdiensten Abspenstige zurücklocken sollen. Diese junge Generation setzt ihre Hoffnung auf den Honduraner Maradiaga.

Mit seinen 59 Jahren ist der Erzbischof von Tegucigalpa quasi ein Teenager unter den Papabile. Er schafft den Spagat zwischen Seelsorge und Sozialarbeit, ohne sich als Befreiungstheologe zu outen. Er sei "glücklich, dass man meinen Namen erwähnt", freute sich der Papstanwärter. Seine Wahl "wäre endlich einmal eine gute Nachricht aus Honduras" - zuletzt machte das kleine mittelamerikanische Land vor allem mit blutigen Gefängnisrevolten und Morden an Straßenkindern Schlagzeilen.

Doch Maradiaga hat seinen Drang zu Höherem womöglich zu früh kundgetan. Ungeduldige sind bei der Papstnachfolge nicht gern gesehen, das gebietet der Anstand vor dem Verstorbenen. Im Vatikan gelte ein altes Sprichwort, warnte die kolumbianische Zeitung "El Tiempo": "Wer als Papst in das Konklave geht, kommt als Kardinal wieder raus."

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