Papst-Rücktritt Wie die Notizia Bomba in Rom einschlug
Kuppel des Petersdoms: Staunen nach der Papstrede
Foto: dapdWenige Stunden nach der Rücktrittsankündigung des Papstes herrscht noch immer Unglaube auf dem Petersplatz. Es gewittert jetzt stark, Regen prasselt, der Platz ist fast menschenleer. Ein paar französische Pilger eilen aus dem Petersdom, drinnen ist der Empfang zu schlecht, checken ihre Nachrichten auf den Handys, stecken unter Regenschirmen ihre Köpfe zusammen und fragen sich, was es bloß gewesen sein mag, das den Papst zudieser Entscheidung getrieben hat.
Drei vietnamesische Nonnen huschen durch die Kolonnadengänge und blicken ratlos hoch zu den Privatgemächern des Papstes. Und zwei deutsche Touristen aus Marburg halten die Nachricht noch immer für einen Rosenmontagsscherz.
Die Nachricht vom Rücktritt des Papstes Benedikt XVI. wird auch in Rom mit Überraschung und Staunen aufgenommen. Aber schockiert oder verzweifelt wirkt an diesem Montagabend niemand. Die Menschen auf dem Petersplatz weinen nicht, sie umarmen sich nicht schluchzend und klagend wie sie es damals taten, als sie nächtelang auf den langsamen Tod von Papst Johannes Paul II. warteten, als sie ihn tagelang betrauerten und dann den neuen Papst, den Deutschen Benedikt XVI. willkommen hießen.
"Er will eine starke Führung der Kirche"
Für Emotionen ist es noch zu früh auf dem Petersplatz, die historische Nachricht noch zu frisch und die Konsequenzen zu wenig absehbar. Schließlich lebt dieser Papst noch und der neue wird erst in einigen Wochen gewählt werden. So viel dringt jetzt aus dem Vatikanstaat, sonst kein Umschlagplatz der aktuellen, schnellen Nachrichten, ansonsten weiß man wenig.
"Wir sind enttäuscht", sagt ein Ehepaar aus Apulien, Elvira und Francesco Morghese. "Ein Papst hat über den Dingen zu stehen, er muss Vorbild sein. In der Missbrauchkrise hat er gut reagiert, warum gibt er jetzt auf?"
"Er geht nach einem schweren Pontifikat. Für seinen letzten Schritt bewundere ich ihn sehr, am Ende gewinnt Papa Ratzinger doch noch an Größe", sagt Miguel Angel Reyes aus Mexiko, 49, der zugibt, dass er sich plötzlich wie ein Waisenkind fühle, irgendwie verlassen.
"Er hat er zu lange und zu nah miterlebt, wie leidvoll sein Vorgänger Johannes Paul II. langsam verstarb", sagt der deutsche Seminarist Sebastian Sauer, 23, aus Fulda. "Dem will er wohl vorbeugen. Er wirkte so müde in den vergangenen Wochen, er will eine starke Führung der Kirche."
Im Borgo, dem alten Viertel um den Vatikan, sickert sie nach und nach durch, die Nachricht vom müden Papst, der nach acht Jahren nicht länger Papst sein will. In den Bars und Souvenirläden sammeln sich zu den Abendnachrichten Römer samt Touristen vor den Fernsehgeräten. Aufgeregte Kommentatoren sprechen von der "Notizia Bomba", der Bombennachricht, italienische Fernsehsender zeigen in Endlosschleife den Mitschnitt der Konsistoriumsmesse vom Mittag kurz vor zwölf Uhr. Man sieht einen alten, gebückten Mann mit Lesebrille, der einen Text abliest. Es ist ein Text auf Latein. Auch bei seinem Abschied bleibt dieser Papst sich treu.
"Er hat mich nicht völlig überrascht"
Er trägt einen samtroten Umhang, die Gesichter um ihn herum sind ernst, er sagt, er sei sich über die Schwere "dieses Aktes" bewusst und spricht über seinen "Verzicht". "Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise das Amt auszuüben." Am 28. Februar um 20 Uhr werde sein Stuhl frei sein. Mit diesem Satz schließt er, dann endlich blickt er auf von seinem Skript.
Im Pressesaal des Vatikan, an der Via della Concillazione vor dem Petersdom, suchen sie derweil nach dem "perché", nach den Motiven des Papstes für seinen Rücktritt. Auch hier finden sie Hilfe im geschriebenen Wort. Um die Mittagszeit sitzt Papstsprecher Padre Lombardi vor den herbei geeilten Journalisten aus aller Welt und blättert seelenruhig in dem Buch "Licht der Welt", dem 250-Seiten langen Papst-Interview mit dem deutschen Journalisten Peter Seewald. Auch Padre Lombardi, so scheint es, ist ein Liebhaber des geschriebenen Wortes.
Es gab Anzeichen, sagt Lombardi, der Rücktritt war zu erwarten, "er hat mich nicht völlig überrascht". Und er zitiert die Stelle im Buch, in der Papst Benedikt XVI. von der Pflicht spricht, sein Amt niederzulegen: "Wenn ein Papst zur klaren Erkenntnis kommt, dass er physisch, psychisch und geistig den Auftrag seines Amtes nicht mehr bewältigen kann, dann hat er ein Recht und unter Umständen auch die Pflicht zurückzutreten."
Mittwoch wird er wieder grüßen
Padre Lombardi schaut in die Menge und sagt: "Nein, absolut keine Emotion" sei dem Papst am Mittag anzumerken gewesen, "kein Zeichen der Erschütterung oder Depression." Er sei "allegro" gewesen, gefasst und sich seiner Entscheidung wohl bewusst.
Dann beginnt wieder die beliebte Fragestunde im Pressesaal des Vatikan, in der die Laien nach der Wahrheit stochern und Geistliche lange sprechen, aber nicht viel sagen. Was passiert mit dem Papst, wo wird er leben?, will einer wissen "Zuerst in Castel Gandolfo, seiner Sommerresidenz, dann in einem Kloster, wo er beten und Bücher schreiben wird."
Ist er ernsthaft krank? "Nein." Mit wem hat er sich beraten? "Wissen wir nicht." "Heißt das, er wird uns nie wieder grüßen von seinem Fenster im Petersdom?", fragt eine Journalistin zuletzt. "Natürlich wird er", sagt der Sprecher des Papstes. Gleich übermorgen. Wie jeden Mittwoch wird er seine Generalaudienz abhalten.
Noch ist er also da, der deutsche Papst, und Rom hat noch keine Zeit gefunden, ihn zu vermissen.