Papstbesuch: Wir müssen draußen bleiben - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Papstbesuch Wir müssen draußen bleiben

Papst Benedikt XVI. wird bei seiner USA-Reise auch eine der letzten deutschen Kirchen New Yorks besuchen. Doch die Stimmung in St. Joseph's ist wenig feierlich: Die Traditionen verschwinden - und zur Messe mit dem Heiligen Vater sind nur zehn Gemeindemitglieder zugelassen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Julia Winter weiß genau, wie sie ihren Papst begrüßen würde. Ein fettes "Herzlich Willkommen" auf der Titelseite des Pfarrbriefes. Die beiden Anschlagtafeln vorne in der Kirche festlich geschmückt. Links: "Grüß Gott". Rechts: "Welcome". Vielleicht ein paar hübsche Schnörkel. Auf jeden Fall ein Foto des Pontifex. "Den Papst", sagt Winter, "erlebt man nur einmal."

Doch es soll nicht sein. Jedenfalls nicht so, wie es Winter sich vorgestellt hat. Zwar wird Papst Benedikt XVI. während seines USA-Besuchs tatsächlich auch Winters Kirche besuchen: St. Joseph's auf der Upper East Side, eine der letzten Gemeinden New Yorks, die einmal im Monat noch deutschsprachige Gottesdienste feiern. Hier wird der Papst am Freitagabend eine ökumenische Messe lesen.

Die meisten Gemeindemitglieder selbst müssen freilich draußen bleiben. Nur zehn Eintrittskarten hat die Erzdiözese den mehr als 1100 Familien von St. Joseph's überlassen. Im aktuellen Pfarrbrief wird das Ereignis - vielleicht auch deshalb - nur gestreift: in der Bekanntmachungsspalte, nebst dem Hinweis, dass die Kirche für den Rest der Woche wegen der Vorbereitungen geschlossen sei.

"Einige Gemeindemitglieder sind wütend", sagte Pastor Emmanuel Nartey, einer der fünf Geistlichen von St. Joseph's, der Nachrichtenagentur AP. "Sie verstehen nicht, warum sie an einem Gottesdienst in ihrer eigenen Kirche nicht teilnehmen können."

"Eine Beleidigung für den Papst"

Auch bei der jüngsten Sonntagsmesse (auf Englisch) spielte der Papstbesuch kaum eine Rolle. Rund 120 Gläubige hatten sich dazu in dem schlichten, romanischen Kirchenschiff versammelt. Nartey erwähnte Benedikt in seiner kurzen Predigt mit keinem Wort. Nur in den Fürbitten wurde er einmal angesprochen.

Winter, eine grauhaarige Seniorin jenseits der 80, stört sich denn auch weniger an der Knauserigkeit der Diözese als an der nonchalanten Haltung ihrer Gemeinde, deren "German Committee" sie seit 37 Jahren als Chefbeauftragte für alle deutschen Belange führt. "Eine Beleidigung für den Papst", schimpft sie über den, wie sie findet, mangelhaften Enthusiasmus, und ihre Stimme erstirbt zum Flüstern. "Eine Ohrfeige."

Winter sitzt im Esszimmer des Pfarrhauses an der East 87th Street in Yorkville, dem einstigen Deutschenviertel Manhattans. Sie ist eine der letzten Ur-Immigranten: Als Zweijährige kam sie mit den Eltern aus Unterfranken hierher und lebt seither ununterbrochen in Yorkville.

Pastor John Sullivan erscheint. Der irische Hüne mit dem schlohweißen Haar leitet St. Joseph's seit letztem Jahr. "Wir müssen doch noch was zum Papst machen", beschwört Winter ihn. Monsignore Sullivan schaut sie mit stoischem Lächeln an. "Ich mache nichts mehr", sagt er schulterzuckend und entzieht sich damit diskret jedem weiteren Gespräch.

Die Regierung steht Kopf

Der erste Besuch des deutschen Papstes sorgt in den USA schon vorab für Aufregung. Am Dienstagabend trifft Benedikt XVI. in Washington ein. Die US-Regierung steht Kopf, und auch die Polizei in New York, wo er ab Freitag sein wird, hat die höchste Sicherheitsstufe ausgerufen.

In St. Joseph's aber, der kleinen, wegen ihrer deutschen Geschichte aber wohl persönlichsten Zwischenstation des Papstes, sorgt die Visite für gemischte Gefühle - und wirft ein Schlaglicht auf schwelende Spannungen zwischen den letzten Immigranten hier und der jüngeren Generation, die mit der Heimat ihrer Vorfahren nicht mehr viel zu tun hat oder haben will.

Es sind Spannungen, die weniger mit dem Papst zu tun haben als mit der prekären Lage von St. Joseph's zwischen Vergangenheit und unsicherer Zukunft. Denn der Bayer Benedikt kommt in eine New Yorker Gemeinde, deren deutsche Tradition stirbt, so wie ein ganzes Stadtviertel, dessen historischer Reichtum im gleichmachenden Kommerz Manhattans zerrieben wird.

"Die Deutschen haben sich immer schnell integriert"

St. Joseph's war früher nämlich mal das Zentrum einer florierenden, tief im Glauben verwurzelte Exilgemeinschaft. Vor einem Jahrhundert wohnten hier noch rund 400.000 Deutsche, viele davon Katholiken aus Bayern.

Das Viertel wimmelte nur so vor Brauereien, Biergärten, Metzgereien und Konditoreien. Die East 86th Street hieß "German Broadway", bei "Schaller & Weber" gab's frische Weißwurst, und im Restaurant "Heidelberg" floss das Weißbier. "Jeder hier", erinnert sich Winter wehmütig, "sang deutsche Kirchenlieder."

Doch anders als andere Immigrantengruppen, die ihre Enklaven pflegten (Little Italy, Chinatown), hielten die Teutonen nicht zusammen. "Die Deutschen haben sich immer recht schnell integriert", weiß Lars Halter, der Chef der alljährlichen Steuben-Parade. "Sie haben sich selbständig gemacht und amerikanisiert."

27.708 New Yorker sind deutscher Abstammung

Explodierende Mieten vertrieben die deutschen Tante-Emma-Läden. Familienwohnungen wurden in lukrative, viel teurere Mini-"Studios" zerschlagen. Die Stammbewohner zerstreuten sich in die Vororte.

Seit 2001 führt auch die traditionelle Steuben-Parade nicht mehr über die East 86th Street, nachdem die Stadt es allen Paraden aus verkehrstechnischen Gründen verbot, Querstraßen zu blockieren. Seitdem findet sie auf der Fifth Avenue statt. Zwar war die 50. Jubiläumsparade 2007 mit rund 100.000 Zuschauern, 49 Gastgruppen aus Deutschland und etwa 200 deutsch-amerikanischen Gruppen aus den USA die größte seit Jahren. Doch kaum einer kam mehr aus Yorkville.

Bei der letzten Volkszählung im Jahr 2000 meldeten sich nur noch 27.708 New Yorker als deutscher Abstammung. "Wir haben allen deutschen Charakter verloren", beklagt Winter das verlorene Yorkville ihrer Kindheit.

Wer hier heute Deutsches sucht, muss schon genau hingucken. In der East 87th Street sitzt zwar noch der Liederkranz, ein deutscher Gesangsverein von 1847. Auch "Schaller & Weber" verkauft weiterhin Leberwurst und Aufschnitt.

Kassler Rippchen mit Sauerkraut für 19,95 Dollar

Das "Heidelberg" an der Third Avenue gibt es ebenfalls noch - eine Bierstube voller Hirschgeweihe, in der die Kellner Tracht tragen und die Kassler Rippchen mit Sauerkraut 19,95 Dollar kosten. Und der Supermarkt "Food Emporium" gehört immerhin zur Tengelmann-Gruppe, was die große Auswahl an deutschen Süßigkeiten erklärt (Lindt-Schokolade, Katzenzungen, Mozartkugeln).

Ansonsten aber sieht die East 86th Street längst aus wie jede Avenue. US-Konzernketten beherrschen das Bild: Burger King, Barnes & Noble, Staples. Im Luxus-Apartmentturm "Lucinda" kostet die billigste Wohnung 2,64 Millionen Dollar. An den Kiosken gibt es das "Irish Echo" und "El Diario", doch das deutsche Exilantenblatt "New Yorker Staats-Zeitung" findet sich nur noch im internationalen Presse-Shop. "Der Papst kommt", schlagzeilt die aktuelle Ausgabe.

Auch St. Joseph's wurde nicht verschont. Der letzte deutsche Pastor starb 1970. Die deutschen Messen, inzwischen nur noch jeden ersten Sonntag im Monat, werden von Gastpriestern oder den St.-Joseph's- Pfarrern bestritten, die Deutsch sprechen. Etwa Nartey, der aus Ghana kommt und in Bonn studiert hat.

Rund 80 Gemeindemitglieder besuchen die deutschen Messen noch, je nach Wetter. Viele reisen von außerhalb an, aus Queens, New Jersey, Westchester. Die meisten entstammen Winters Generation. Neulich schauten zwei junge Au-Pair-Mädchen vorbei. "Die fanden nicht viele Leute ihren Alters", sagt Winter.

"Die deutschen Etablissements sind verschwunden"

Dass der Papst nun überhaupt nach St. Joseph's kommt, das hat Monsignore Lawrence Connaughton eingefädelt, der Vorgänger von Gemeindechef Sullivan - ebenfalls ein Ire. "Die deutschen Etablissements sind verschwunden", sagt er, "aber die deutsche Gemeinschaft bildet weiter die Wurzeln der Kirche, und alles, was wir haben, haben wir ihr zu verdanken."

Die meisten der 323 Sitzplätze in St. Joseph's hat die Diözese jedoch eben für Vertreter anderer Gemeinden und die päpstliche Delegation reserviert. Rund 300 Gemeindemitglieder dürfen die Papstmesse draußen auf der Straße über Lautsprecher verfolgen. Das Haus direkt gegenüber wurde extra frisch gestrichen.

Julia Winter hat eines der zehn begehrten Tickets ergattern können. Sie hat es an eine der Nonnen der Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau abgetreten, die die benachbarte St. Joseph's School führen. "Ihre Mutter kommt aus Bayern", sagt Winter. "Ich fand es wichtig, dass sie mit dabei ist."

Winter selbst wird ihrem Papst zumindest zuwinken. Anschließend wird sie in ihre Mietwohnung mit Blick auf den East River zurückkehren, in der sie seit Jahrzehnten wohnt, als eine der Letzten, die sich noch an das alte Yorkville erinnern. "Und ich beabsichtige", sagt sie bestimmt, "hier zu bleiben, bis ich tot bin."

Korrektur: Zunächst wurde in diesem Text behauptet, St. Joseph's sei New Yorks letzte Gemeinde, in der auch deutschsprachige Messen gefeiert würden. Tatsächlich gibt es in New York aber mehrere Kirchen, in denen die Messe auf deutsch gelesen wird. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

Mehr lesen über