Papstwahl: Ein großer Freund Frankreichs - DER SPIEGEL
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Papstwahl Ein großer Freund Frankreichs

Während sich vielerorts Unmut gegen den neuen Papst regt, freuen sich die französischen Gläubigen über die Wahl Benedikts XVI. Zwar bedauern viele Ratzingers Mangel an Charisma, aber zahlreiche Anhänger hat er schon jetzt - auch Prominente.
Von Romain Leick
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kurz nach 18 Uhr begannen die Glocken von Notre-Dame zu läuten. Pariser Passanten und Touristen verstanden sofort - in Rom war der neue Papst gewählt worden. Zu Hunderten strömten die Menschen in die Kathedrale, um den ersten Auftritt des Heiligen Vaters in der Öffentlichkeit an einem großen Bildschirm mitverfolgen zu können. Josef Ratzinger? Wie bitte? Ein Deutscher? Für die meisten Besucher war der Gewählte offenbar ein unbeschriebenes Blatt. Doch das störte die Begeisterung der Gläubigen wenig. Beifall brandete auf, eine herbeigeeilte Familienmutter bekannte: "Ich hatte das Bedürfnis, an einem symbolischen Ort zu sein, in der Gemeinschaft der Katholiken, um diese Nachricht entgegenzunehmen."

Frankreich ist ein zutiefst konservatives und katholisch geprägtes Land, das sich aber gern an der Spitze des Fortschritts und der Aufklärung sieht. Diesem Paradox entsprechen die Reaktionen der Politiker wie der nationalen Medien. Die einen bedauern Ratzingers Mangel an Charisma und beklagen den Dogmatismus des obersten Glaubenswächters, dessen unbeugsame Härte sich angeblich im stahlblauen Blick seinen Augen spiegele. "Panzerkardinal" und "Schlachtschiff Gottes" nennt die linksliberale Presse den Mann aus Bayern - ein Bundesland, das bekanntlich als Hort des progressiven Katholizismus galt.

"Wann hören wir endlich auf, in unseren kleinlichen franko-französischen Vorurteilen zu denken?", seufzt da der Religionshistoriker Emile Poulat. Die gebildeten Stände bewundern Ratzingers intellektuellen Scharfsinn und seine theologische Brillanz. Der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz, Monseigneur Jean-Pierre Ricard aus Bordeaux, der Ratzinger persönlich aus der Arbeit in der Römischen Glaubenskongregation kennt, geriet gar ins Schwärmen: "Wir danken dem deutschen Land von ganzem Herzen, da es Rom und der Welt einen seiner Söhne geschenkt hat."

Staatschef Jacques Chirac versuchte sogleich, den Papst politisch zu vereinnahmen: "Frankreich, getreu seiner Geschichte und den Prinzipien, die sein Handeln bestimmen, wird den vertrauensvollen Dialog fortsetzen, den es immer mit dem Heiligen Stuhl geführt hat, besonders in den gemeinsamen Kämpfen um den Frieden, die Gerechtigkeit, die Solidarität und die Würde des Menschen."

In Frankreich, der "ältesten Tochter der Kirche", seit sich König Chlodwig um das Jahr 500 herum in Reims taufen ließ, genießt der deutsche Papst einen unschätzbaren Vorteil: Er spricht ausgezeichnet Französisch und hielt mehrmals viel beachtete Vorträge im Land, so zuletzt als Vertreter des Vatikans bei den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der alliierten Landung in der Normandie im Juni 2004: "Wenn das Recht zerstört wird, wenn das Unrecht die Macht ergreift, ist es immer der Frieden, der bedroht ist und zum Teil schon gebrochen", erklärte damals der Kardinal in seiner Rede gegen Krieg, Terrorismus und Tyrannei. Ratzinger war als Jugendlicher gegen Kriegsende selbst noch als Luftwaffenhelfer eingezogen worden.

Schon 1998 überreichte Frankreichs Botschafter beim Heiligen Stuhl Ratzinger die Insignien der Ehrenlegion. Seit 1992 ist er "assoziiertes ausländisches Mitglied" der angesehenen Pariser Akademie für moralische und politische Wissenschaften. "Er wird ein großer Papst sein", versichert André Damien, Vizepräsident der Akademie.

Besonders gut kam Ratzingers Namenswahl an: Der heilige Benedikt gilt als Schutzpatron Europas, und Benedikt XV., der von 1914 bis 1922 amtierte, tat sich mit wichtigen Reformen des Kirchenrechts und mit Friedensbemühungen im Ersten Weltkrieg hervor - die damals freilich von der französischen Republik verachtungsvoll zurückgewiesen wurden.

Eine hochmögende Anhängerin ist Benedikt XVI. schon sicher: Präsidenten-Gattin Bernadette Chirac, eine glühende Katholikin und eifrige Kirchgängerin, die wenig von neumodischen Anpassungen an den Zeitgeist hält und sich deshalb gelegentlich als "Frosch im Weihwasserbecken" belächeln lassen muss.

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