Partnerschaft "Seitensprung ist eine feine Sache"
SPIEGEL:
Herr Mary, Ihr neuestes Buch ist ein Schlag für alle Paarungswilligen*. Sie schließen kategorisch aus, dass eine harmonische Langzeitpartnerschaft mit einer erfüllten Sexualität vereinbar ist. Wie kommen Sie zu dieser niederschmetternden Bestandsaufnahme?
Mary: Durch meine Arbeit und Lebenserfahrung. Die gängige Vorstellung, eine dauerhafte Beziehung führen zu können, die auch noch leidenschaftliche Sexualität enthält, ist einfach romantisch und irreal. Seit dem bürgerlichen Zeitalter geistert diese Vorstellung in unseren Köpfen herum. Bis heute ist sie nicht verwirklicht worden, obwohl sie immer aufdringlicher propagiert wird. Noch nie war die Paarbeziehung so sexualisiert wie heute. Und noch nie gab es so hohe Glückserwartungen.
SPIEGEL: Zur Sicherheit: Liebe und hemmungsloser Sex schließen sich aus?
Mary: Auf lange Distanz betrachtet: weitgehend. Langzeitbeziehungen sind auf Harmonie und Vertrauen ausgerichtet. Sexuelle Leidenschaft das sagt ja schon das Wort bedeutet aber, für seine Sehnsucht zu leiden. Und das hält die harmonische Partnerschaft nicht lange aus. Auf der sexuellen Bühne agieren wir am besten, wenn wir mit Fremdheit, Abenteuer jonglieren, wenn wir das Spiel mit dem Unbekannten wagen.
SPIEGEL: Aber muss denn nach ein paar Jahren für immer der Vorhang fallen?
Mary: Es gibt Ausnahmen. Nehmen Sie die Fernbeziehung. Wenn sich ein Paar nur einmal im Monat sieht und ein leidenschaftliches Wochenende miteinander verbringt, verzehrt es sich in der Zwischenzeit nacheinander. So wird die Spannung immer wieder aufgebaut. In dieser Dynamik können es die beiden lange miteinander aushalten.
SPIEGEL: Aushalten?
Mary: Ja, weil die vier Wochen dazwischen natürlich die Hölle sind. Jeder vermisst den anderen, man telefoniert ständig. Und dann ziehen die beiden doch irgendwann zusammen, weil sie es nicht mehr ertragen, und nach drei Monaten oder einem Jahr stellen sie fest: Die Lust ist weg. Das ist ganz normal.
SPIEGEL: Wie tröstlich.
Mary: Nun gibt es ja noch andere Konstellationen: Zu mir kommen auch Paare, die über lange Zeit leidenschaftlichen Sex haben.
SPIEGEL: Na also. Aber irgendein Haken wird wohl auch dabei sein.
Mary: Wie man es nimmt. In diesen Fällen ist es tatsächlich vorwiegend die Sexualität, die die Partner miteinander verbindet, sonst haben sie nicht viel gemeinsam. Für die ist der Alltag mehr Qual als Freude.
SPIEGEL: Gibt es denn gar keine Lösung?
Mary: Genau das ist der neuralgische Punkt. Jeder sucht die glatte Lösung für ein so widersprüchliches Thema wie Begehren und Dauer. Manche meiner Kollegen haben es geschafft, den Leuten einzureden, dass es diese glatte Lösung tatsächlich gibt, dass man eine leidenschaftliche Beziehung und eine gute Partnerschaft unter einen Hut bekommt. Sie bieten dann irgendwelche Rezepte an, von schwarzer Reizwäsche bis zu verruchten Rollenspielen, und gaukeln den Leuten vor, damit käme alles wieder ins Lot. Diese Machbarkeitsversprechen sind Illusion.
SPIEGEL: Wir haben verstanden: Gegen den Sexualnotstand ist nichts zu machen, aber irgendeinen Hoffnungsschimmer müssen doch auch Sie den Paaren mitgeben?
Mary: Die Leute sollten ihre Beziehungen nicht mit Erwartungen überfrachten, denn gerade das führt zu ihrem vorzeitigen Ende. Wenn man eine Beziehung sexualisiert, das heißt, wenn die körperliche Anziehungskraft das Wichtigste ist, dann kommt man im zweiten Schritt dahin, dass man die Beziehung pathologisiert. Denn dann heißt es irgendwann: Wenn wir uns nicht mehr begehren, ist unsere Beziehung krank und behandlungsbedürftig. Und das ist Blödsinn und schadet doch im Grunde der sehr wertvollen Langzeitbeziehung.
SPIEGEL: Führt die Sexualisierung der Beziehungen zu den hohen Scheidungszahlen? Trennen sich nun auch Paare, bei denen zwar die Schlafzimmerfenster von innen nicht mehr beschlagen, die aber im Übrigen gut harmonieren?
Mary: Ich vermute das. Solche verunsicherten Leute kommen häufig in meine Beratung. Ich versuche, die Paare dahin zu bringen, dass sie sich nicht dauernd nach einem Soll-Zustand sehnen, sondern sich über den Ist-Zustand ihrer Beziehung klar werden. Ich glaube nämlich nicht, dass man viel an einer Beziehung ändern kann, aber man kann entdecken, wie sie ist. Man sollte erkennen: Es geht hier nicht nur um mich und um dich, sondern auch um die Beziehung, eben um diese drei Komponenten.
SPIEGEL: Eine triste Art Trias.
Mary: Die Bestandsaufnahme ist die Basis. Danach kann man erkunden, was die Beziehung zum Erblühen oder zum Absterben bringt. Aber viel mehr kann man meistens nicht tun.
SPIEGEL: Warum ist eine Partnerschaft denn so beratungsresistent? Die zielorientierte Psychologie lehrt uns doch, dass der Mensch so ungeheuer lernfähig sei.
Mary: Es ist so schwer, weil eine Beziehung aus den unbewussten Anteilen zweier Persönlichkeiten entsteht. Man kann ihr mit bewusstem Wollen nicht beikommen. Sie können sich ja auch nicht aussuchen, in wen Sie sich verlieben. Und deshalb ist eine Beziehung nur bedingt zu steuern. Man kann zwar einen Urlaub planen, aber man kann nicht garantieren, dass dieser Urlaub auch wirklich schön wird.
SPIEGEL: Ein bisschen guter Wille könnte helfen.
Mary: Das kann aber auch schief gehen. Vielleicht steht gerade eine Auseinandersetzung an, aber man hat sich ja vorgenommen, einen harmonischen Urlaub hinzukriegen, der der Beziehung einen Kick gibt. Man kann Glück in Beziehungen nicht einfach machen, das geht auch im sonstigen Leben nicht.
SPIEGEL: Eine ganze Ratgeberindustrie behauptet das aber.
Mary: Fatalerweise. Aber Glück existiert nur im Kontrast zum Unglück. Wie soll man wissen, ob man glücklich ist, wenn man das Gegenteil nicht erfahren hat? Wer aber Rezepte verkauft, wie man nichts als glücklich wird, macht die Menschen unglücklich, weil er ihnen den Kontrast nimmt und sie somit direkt in die Langeweile treibt. Ein Therapeut, der sagt: Das Leben ist ein Prozess, da gibt es Höhen und Tiefen, und man kann lernen, mit den Tiefen umzugehen, so dass man nicht allzu großen Schaden nimmt, ein solcher Psychologe leistet wertvollere Arbeit als Anbieter all dieser Lösungsversprechen.
SPIEGEL: Seit wann lassen wir uns weismachen, Glück sei ein seelisches Grundnahrungsmittel und man könne die Rezepte in der Bahnhofsbuchhandlung kaufen?
Mary: Der Boom auf dem Ratgebermarkt hängt mit der materiellen Sättigung zusammen. Die Leute haben lange gedacht, mit dem Wohlstand komme das Glück. Nun wissen sie, dass es keinen zwangsläufigen Zusammenhang gibt.
SPIEGEL: Keine wirklich überraschende Erkenntnis.
Mary: Doch, für viele Menschen schon, weil es jetzt spürbar ist und nicht bloß geistige Erkenntnis. Besonders in den USA, von wo ja die meisten Psycho-Trends kommen. Früher hieß es dort: Du kannst alles werden, was du willst, Präsident oder reich wie Bill Gates. Hauptsache, du willst es. Jetzt geht es um die Eroberung der Innenwelt. Nun heißt es: Du kannst dir das Gefühl aussuchen, das du haben willst.
SPIEGEL: Und wenn es wie zu erwarten ist nicht klappt ...
Mary: ... dann fühlt man sich natürlich als Versager und sucht den Fehler bei sich und nicht etwa bei den Experten.
SPIEGEL: Wie soll sich denn ein sexuell freudloses Paar, das sich tüchtig liebt, nun verhalten? Etwa jahrelange Abstinenz?
Mary: Das wäre eine Möglichkeit. Es gibt mehr Paare, die ganz auf Sex verzichten, als Sie glauben. Und wenn es für beide erträglich ist, warum nicht?
SPIEGEL: Dem Seitensprung können Sie wohl gar nichts abgewinnen?
Mary: Doch, das ist eine schöne Sache, solange das den Regeln der jeweiligen Partnerschaft entspricht. Da gibt es keine Norm. Ich hatte mal den Fall einer Frau, die ihrem Partner zwar Fremdgehen zugestanden hatte, aber keine Details wissen wollte. Als der Mann ihr doch eine Affäre beichtete, musste sie zugeben, dass es sie zwar kränkte, aber auch stimulierte.
SPIEGEL: Wenn alles nichts hilft, bleibt ja nur noch der Gang zum Familiengericht. Eine Scheidung ist ja heutzutage, besonders im Wiederholungsfalle, immer noch ein gesellschaftlicher Makel, oder?
Mary: Von diesen Normen sollte man sich befreien. Es ist unsinnig, eine an sich harmonische Beziehung aufzugeben, nur weil die Leidenschaft weg ist. Und es ist ebensolcher Quatsch, aus gesellschaftlichen Gründen eine zerrüttete Beziehung aufrechtzuerhalten. Nun ja, es gibt Leute, die Kanzler Schröder oder Außenminister Fischer die zerbrochenen Ehen als Scheitern vorwerfen. Man könnte aber auch sagen, sie hätten drei Beziehungen ausgekostet.
Das Gespräch führten Joachim Kronsbein und Susanne Beyer
Michael Mary, 48, lebt als Paartherapeut und Autor in Mecklenburg.
* "5 Lügen, die Liebe betreffend". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 240 Seiten; 32 Mark