Pascal-Verfahren: "Da war nichts" - DER SPIEGEL
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Pascal-Verfahren "Da war nichts"

Seit zwei Jahren wird im Saarbrücker Landgericht über den Missbrauch und die Tötung des fünfjährigen Pascals verhandelt. Jetzt hat die Hauptbelastungszeugin ihre Aussage zurückgezogen: Alles falsch, alles Lüge.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Saarbrücken - War das nun die Wahrheit, was die 42 Jahre alte Andrea M. heute, am 98. Verhandlungstag, im "Pascal-Prozess" überraschend ausgesagt hat: Dass nämlich nichts von dem, was sie in mehr als 20, kaum noch überschaubaren Vernehmungen bei der Polizei und vor Gericht in immer neuen Varianten angegeben hatte, der Wahrheit entspricht, und dass sie alles, wirklich alles, widerrufe. Was stimmt denn nun? Soll man ihr jetzt glauben? Und warum?

Eine Angeklagte wie Andrea M. stellt ein Gericht auf eine harte Probe. Ihre Darstellungen der Tötung des fünfjährigen Pascal, der am 30. September 2001 in der Tosa-Klause in Saarbrücken-Burbach nach vielfachem sexuellem Missbrauch durch mehrere männliche Gäste ums Leben gekommen und dann in einer grenznahen französischen Kiesgrube verscharrt worden sein soll, bilden trotz ihrer Widersprüchlichkeiten im wesentlichen das Fundament der Anklage gegen inzwischen noch zwölf Personen. Denn nach Auffassung der Staatsanwaltschaft ließ sich Andrea M. zumindest in einem Punkt nie irritieren: Pascal sei in der "Tosa" umgebracht worden. Wer daran beteiligt war, wer zugesehen hat, wie und wo und durch wen das Kind beseitigt wurde, egal, Hauptsache, der "Kernbereich" des Verdachts blieb unangetastet. Und Andrea M. ließ ihn unangetastet - bis zum vergangenen Montag.

Seitdem ist es auch damit vorbei. Andrea M. fuhr an jenem Tag nämlich zusammen mit anderen Angeklagten nach der Sitzung zur ebenfalls angeklagten Christa W. nach Hause, der ehemaligen Wirtin der "Tosa" (in ihr sieht die Staatsanwaltschaft die Nutznießerin des Treibens in der Klause; sie soll einen Kinderporno-Ring gesteuert und durch Vergewaltigungen Fünf- und Sechsjähriger in einem Abstellraum des Lokals Kasse gemacht haben). Dort soll Andrea M. im Lauf einer Unterhaltung weinend ihr Herz ausgeschüttet und dann in Anwesenheit zweier Anwälte erzählt haben, wie sie "unter Psychodruck durch die Polizei" Lügengeschichten erfand.

Kann das sein? Wie kommt es jetzt, nach bald zwei Jahren Verhandlung, zu einem solchen Sinneswandel? Der Vorsitzende Chudoba versuchte heute, die neuen Angaben Frau M.s abzuklopfen: "Sie haben schon alles mögliche erzählt! Einfach jetzt zu sagen 'Psychodruck', das reicht nicht. Sie sind in der Hauptverhandlung dabeigeblieben, dass Pascal in der Tosa getötet wurde! Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Polizei Sie gedrängt hat, das auszusagen! Haben Sie sich mit anderen Angeklagten abgesprochen? Hat man sie gedrängt, Ihre belastenden Aussagen zurückzunehmen?"

"Nein, es hat mich niemand gedrängt. Es kommt von mir. Es hat mich keiner beeinflusst!" Andrea M. zittert. Sie fängt an zu weinen. Sie kaut auf ihren Lippen. Der Vorsitzende fragt immer wieder das gleiche: "Warum sollen wir Ihnen heute glauben? Warum haben Sie nicht viel früher schon gesagt, dass das alles mit Pascal nicht stimmt? Gelegenheit dazu gab es doch zuhauf!"

"Ich weeß es nimmer"

Es ist ein Kreuz mit Andrea M. Man möchte ihr schon glauben, dass sie jetzt die Wahrheit sagt, endlich. Doch sie bekommt es nicht hin. Sie kann nicht überzeugen. Kaum bringt sie einen halbwegs verständlichen Satz heraus, schreckt sie bei der nächsten Nachfrage schon wieder zurück. Man kann es sich gut vorstellen, wie sie die Beamten der Kripo zur Verzweiflung trieb. Chudoba: "Haben Sie am Montag auch über den 30. September gesprochen?" Andrea M. schaut nach links, nach rechts, zu Boden, zur Decke, sie beißt sich auf die Lippen. "Ja, kurz", sagt sie dann. "Worüber haben Sie gesprochen?" will der Vorsitzende wissen. Sie schaut wieder nach links, nach rechts, sie grimassiert, sie ist unruhig. "Ich weeß es nimmer."

"Sie haben erzählt, dass am 30. September Ihr eigener Sohn und Pascal vergewaltigt wurden", sagt der Vorsitzende. "Das stimmt alles nicht." "Wie kommen Sie dazu, so etwas zu sagen?" "Ich kann es nicht erklären."

Andrea M. müsste ihr eigener Psychiater sein, um ein solches Verhalten erklären zu können. Sie müsste dann nämlich darlegen, dass sie schwer persönlichkeitsgestört sei und allenfalls eingeschränkt aussagetüchtig und dass sie jedem nach dem Mund rede, der ein wenig freundlich ist und ihr das Gefühl vermittelt, sie ernst zu nehmen. Sie müsste überdies ihr eigener Aussagepsychologe sein, um zu analysieren, auf welche Information und welchen Vorhalt hin sie schon Gesagtes veränderte, anreicherte und wieder zurücknahm. Was verlangt man eigentlich von dieser Frau?

Sie gehört zu den Geschlagenen, zu den Getretenen, den Benutzten und an den äußersten Rand der Gesellschaft Gedrängten. Sie hatte nie eine Chance im Leben. Seit mehr als 20 Jahren steht sie unter Pflegschaft. 30 Mal oder noch öfter war sie woanders zu Hause, in Pflegefamilien, Wohnheimen, Kliniken, Behinderteneinrichtungen, Psychiatrien. Immer lief sie wieder weg, lebte auf der Straße. Nur mit Prostitution brachte sie sich durch. Momentan lebt sie in einem Frauenhaus. Fünf Kinder hat sie geboren, Väter unbekannt, von denen man ihr vier gleich nach der Geburt wegnahm und zur Adoption freigab. Den Jüngsten, Kevin (Name geändert), er ist heute zehn, ließ man ihr, weil Christa W. sich um sie und das Kind zu kümmern versprach.

"Ich liebe meinen Sohn", sagt Andrea M. mit verzweifeltem Mut, "ich kämpfe um ihn. Dafür lohnt es sich." "Und um die anderen vier kämpfen Sie nicht?" höhnt der Vorsitzende. "Um die kann ich nicht mehr kämpfen", sagt sie tapfer. "Glauben Sie, dass Sie Ihren Jüngsten jemals wieder in Ihre Obhut zurückbekommen?" fragt der junge Beisitzer und in seinem Ton schwingt so viel Kälte und Verachtung mit und Misstrauen, dass man eine Gänsehaut bekommt. Gleichwohl Gelächter im Saal. Heute wurde überhaupt oft gelacht im Saarbrücker Sitzungssaal. Es ist kein Kunststück, sich auf Kosten so einer wie "s' Andrea" zu amüsieren.

Möglicherweise ist Pascal noch am Leben

Der Saarbrücker Rechtsanwalt Jürgen Schröder, der Andrea M. verteidigen soll, saß ungerührt dabei. Er sitzt immer ungerührt da. Er glaubt seiner Mandantin offenbar nicht. Das muss er auch nicht, kein Verteidiger muss dem Mandanten glauben. Das enthebt ihn aber nicht seiner Pflicht zur Verteidigung. Am Montag, als Andrea M. zu Hause bei Christa W. erstmals alles widerrief, war auch Schröder hinzugekommen. Sie warf ihn kurzerhand aus dem Haus. Gerade sie, die es am nötigsten hat, ist nicht verteidigt. Und das in einem Mordprozess.

Wie geht es nun weiter? Die Staatsanwaltschaft kann sich, was den verschwundenen Pascal angeht, nun nicht mal mehr auf ein "Geständnis" der Angeklagten Andrea M. stützen. Ob der Junge wirklich tot ist? Oder vielleicht nur verschwunden wie die nach acht Jahren wieder aufgetauchte Natascha Kampusch in Österreich? War der Junge damals vielleicht doch auf der Burbacher Kirmes, wo ihn mehrere Zeugen gesehen haben wollen? Hat ihn jemand von dort mitgenommen? Ausgeschlossen ist es nicht. Möglicherweise hat sich die Saarbrücker Kripo ähnlich getäuscht wie die Wiener Polizei. Der leitende Wiener Kriminalist von damals, Ernst Geiger, sagt heute: "Wir sind davon ausgegangen, dass Natascha tot ist. Dass sie lebt, hätten wir als letztes vermutet." Man suchte nach einer Leiche. Es wurde gegraben und gebaggert wie bei der Suche nach Pascal. Aber nach einer Leiche sucht man anders als nach einem lebenden Kind.

Fortan wird es im Pascal-Prozess um den Anklagepunkt des sexuellen Missbrauchs an Pascal und Andrea M.s Sohn Kevin gehen. Die Mutter sagt: "Da war nichts. Ich hätte jeden erschlagen, der an mein Kind geht." Man darf gespannt sein, ob es der Kammer gelingt aufzuklären, wie es zu dem Verdacht kam, wie er sich ausbreitete und schließlich auch die erfasste, die nach Pascal suchten. "Das ist hier der schlimmste Justiz-GAU, den das Saarland je erlebt hat", sagte einer der Verteidiger.