Perfekte Eltern: Super-Mütter und Super-Väter nerven - DER SPIEGEL
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Elterncouch Supermoms, Superdads, super ätzend

Nachsichtiges Lächeln, tolle Erziehungstipps - willkommen bei selbstgerechten Eltern
Nachsichtiges Lächeln, tolle Erziehungstipps - willkommen bei selbstgerechten Eltern

Nachsichtiges Lächeln, tolle Erziehungstipps - willkommen bei selbstgerechten Eltern

Foto: Illustration: Michael Meißner
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

Juno Vai schreibt auf der Elterncouch  im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Jonas Ratz.

Es gibt Eltern, die immer alles richtig machen - oder das zumindest glauben. Diese selbsternannten Erziehungsgurus nerven gewaltig. Besonders wenn sie mal wieder total ehrlich sind.

Es gibt eine Spezies Eltern, die man nur als die Gerechten bezeichnen kann. Justitia gleich thronen sie auf ihrem Sofa, die Augen halb geschlossen vor Verzückung über die permanente Erleuchtung, die ihnen widerfährt. Das pädagogisch inkompetente Fußvolk erstarrt in Ehrfurcht vor ihnen, fürchtet sich sogar ein bisschen, wenn sie eines ihrer unumstößlichen Urteile fällen. Zum Beispiel, dass man sein Kind niemals acht Stunden in eine Kita geben darf, weil es dann Langzeitschäden davonträgt.

Die Gerechten sind Menschen wie Anna und Martin, er mit Mut zum Deo-Verzicht, sie mit spitzem Kinn und schmallippig. Sie wohnen in politisch korrekten Großstadt-WGs, sehen aber so aus, als kämen sie vom Land. Ihre Kinderzimmer leuchten in diesen satten bis schrillen Farben, die Kiefernmöbel immer etwas schäbig aussehen lassen. Limettengelb, kaltes Rot, Tannengrün.

Die Gerechten leben nachhaltig, deshalb ist es in ihren Wohnungen stets ein wenig zu kalt. Sie stehen auf Matsche-Patsche-Spiele, lesen Remo-Largo-Ratgeber und haben die perfekte Work-Life-Balance. Sie geben gern Erziehungstipps, dabei sagen sie immer "vielleicht könntest du" oder "bei uns hat das super geklappt". Ihre Lippen umspielt dabei ein nachsichtiges Lächeln, das dem Gegenüber signalisiert: Auch du wirst irgendwann alles richtig machen. Wie wir. Nur Geduld.

Wieder so eine arme Sau, die es nicht gebacken kriegt!

Als ich Anna und Martin einmal mein Leid klagte, weil ich mich klein, gestresst und als Mutter komplett unfähig fühlte, schauten sie verständnislos und konnten ihren Triumph kaum verbergen: Wieder so eine arme Sau, die es nicht gebacken kriegt!

Anna und Martin haben zwei Kinder, John und Joelina. John trägt, seit er drei ist, nur noch Kleider, was souverän ist und ganz schön niedlich. Seine Mutter allerdings verbucht diese unkonventionelle Entscheidung als persönlichen Erfolg und freut sich diebisch über jeden, der verwirrt darauf reagiert.

Irgendwann verabredet sich John mit meiner Tochter Vic zum Spielen. Vic ist Feuer und Flamme, denn bei John gibt es einen riesigen Spielplatz mit furchteinflößender Killer-Rutsche. Mein Mädchen deliriert zwei Tage über die Rutsche und wie sie sie bewältigen wird. Dann, zwei Stunden vor dem Date, sagt Mutter Anna: "Och, wir lassen das mal, John will heute gar nicht mit Vic spielen."

Okay, der kleine John hat also keinen Bock. Geschenkt. Aber wieso hat die gerechte Anna keine Lust, ihm zu erklären, dass man Verabredungen einhalten sollte? Dass man versuchen könnte, zuverlässig zu sein und sich nicht willenlos irgendwelchen Launen hinzugeben? Eine vollkommen spießige Idee, Entschuldigung.

Man muss eben wissen, dass die Gerechten immer total ehrlich sind. Das gehört zum guten Ton. Sie mühen sich nicht ab mit Ausreden des Typs "Schade, die Oma ist unangemeldet aufgekreuzt, vielleicht können wir das ja verschieben". Nein, das Kind soll mitkriegen, dass es Du-ich-hab-heut-echt-keinen-Bock-Johns auf der Welt gibt. Und das möglichst früh. Zu blöd, dass kleine Mädchen das gar nicht verstehen und Mutti alle schmerzlichen Folge-Fragen beantworten muss: "Findet John mich jetzt blöd? Warum hat John keine Lust zu spielen?"

Da bleibt der Mutter nur eine einzige, gerechte Antwort: "Weil John doof ist. Und seine Eltern auch."

Zur Autorin
Foto: Michael Meißner

Juno Vai,
Mutter von Vic (15) und Vito (12)

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