Philippinen: Tagebuch einer Entführung - DER SPIEGEL
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Philippinen Tagebuch einer Entführung

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sonntag, 23. April

Es ist Ostersonntag. Gegen 19 Uhr 30 stürmen sechs Maskierte ein Restaurant auf der malaysischen Ferieninsel Sipadan. Mit Schnellfeuergewehren und einer Panzerfaust drängen sie Touristen aus aller Welt und Angestellte des Hotels in ein Schnellboot. Zwei Amerikanern gelingt die Flucht. Die Entführer verschwinden mit 21 Geiseln, darunter drei Deutsche aus Göttingen, in die Tropennacht.

Montag, 24. April
Es herrscht völlige Unklarheit. Wo sind die Geiseln? Leben sie noch? Wer sind die Entführer? Die Gerüchte überschlagen sich: Von Piraten ist die Rede, von möglichen Lösegeldforderungen, aber auch von moslemischen Rebellen. Das Auswärtige Amt setzt einen Krisenstab ein.

Dienstag, 25. April
In einem Radiointerview bekennt sich die moslemische Rebellengruppe Abu Sayyaf zu der Entführung. Ein Militärsprecher sagt, die Verschleppten seien auf der philippinischen Inselgruppe Tawi-Tawi gesehen worden. Ein Spähtrupp sei unterwegs.

Mittwoch. 26. April
Die philippinischen Kidnapper und die Geiseln sind nun auf der Insel Jolo im Sulu-Archipel. Die Rebellen treiben die barfüßigen Entführten zu ihrem Lager mitten im Dschungel. Der vom philippinischen Präsidenten Joseph Estrada ernannte Sondervermittler, der einstige Untergrundkämpfer und heutige Mindanao-Gouverneur Nur Misuari, berichtet von Lösegeldforderungen in Höhe von 1,5 Millionen Mark. In anderen Berichten ist von fünf Millionen Mark Lösegeld die Rede.

Donnerstag, 27. April
Die geplante Freilassung der malaysischen Geiseln sei an einem defekten Boot gescheitert, berichtet Misuari. Die philippinische Armee droht mit einem Eingreifen, falls es keine Verhandlungsergebnisse gibt. Direkter Kontakt zu den Entführern besteht nicht. Joschka Fischer schickt den Asienbauftragten des Auswärtigen Amtes, Cornelius Sommer, in die philippinische Hauptstadt Manila.

Freitag, 28. April
Die Lage wird dramatischer. Ein Sprecher der Rebellen kündigt im Radio an, Geiseln zu köpfen, falls der von ihnen nicht akzeptierte Sondervermittler Misuari nicht ersetzt wird. Der philippinische Außenminister Domingo Siazon mahnt die betroffenen westlichen Staaten zur Geduld: Die Verhandlungen würden sicher lange dauern.

Samstag, 29. April
Die philippinische Regierung will Misuari nicht ablösen. Eine Reporterin des lokalen Fernsehsenders darf die Entführten besuchen. Sie bringt alarmierende Bilder mit: Die Geiseln sind psychisch am Ende, viele leiden an Durchfall, die Deutsche Renate Wallert steht unter Schock.

Sonntag, 30. April
Eine Journalistengruppe versucht in Begleitung von Polizisten zu den Geiseln vorzudringen. Es kommt zu einem Schusswechsel.

Montag, 1. Mai
Ein Unterhändler Misuaris bringt mit einem Boot Lebensmittel und Trinkwasser nach Jolo, ihm schließen sich eine einheimische Ärztin und drei philippinische Journalisten an. Die ersten Bilder aus dem Geiselcamp gehen um die Welt. Renate Wallert ist anscheinend am Ende ihrer Kräfte. Die Rebellenführer warnen die Militärs, ihren Belagerungsring noch enger zu ziehen. Wieder gibt es Drohungen, Geiseln zu enthaupten.

Dienstag, 2. Mai
Ein Lokalradio verbreitet die Nachricht, zwei westliche Geiseln seien bei Schusswechseln in der Nacht ums Leben gekommen. Schnell folgen die Dementis. Trotz der auch für die philippinische Regierung undurchsichtigen Lage lehnt Manila die Forderungen nach einem internationalen Vermittler ab. Es wächst die Sorge, dass die Philippinen auf eine militärische Lösung setzen.

Mittwoch, 3. Mai
Auf der Verhandlungsebene tut sich nichts, die westlichen Diplomaten erhalten von der philippinischen Regierung kaum noch Informationen. Wieder kommt es zu einem Gefecht zwischen Rebellen und Militär, schließlich stürmen Soldaten das Camp - doch sie finden niemanden mehr. Das Dschungellager ist verlassen. In der Bambushütte, wo die Geiseln eingesperrt waren, findet sich kein Blut.

Donnerstag, 4. Mai
Die Geiseln sind in fünf Gruppen aufgeteilt, aber alle sind am Leben. Immer wieder gibt es Schusswechsel mit den Militärs. Angeblich wird einer der Rebellenführer dabei verletzt.

Freitag, 5. Mai
Die Entführer akzeptieren Misuari weiterhin nicht als Verhandlungsführer. Unterdessen werden grausame Details einer weiteren Geiselnahme der Abu Sayyaf auf der Insel Basilan bekannt: Die Rebellen rissen einem Priester die Fingernägel heraus, einer Frau schnitten sie die Brust ab.

Samstag, 6. Mai
Die Europäische Union will ihren außenpolitischen Koordinator Javier Solana nach Manila schicken. Die Regierung in Manila muss dem Wunsch aber noch zustimmen.

Sonntag, 7. Mai
Solana soll am Montag auf die Philippinen fliegen. Er reist nicht als Vermittler dorthin, sondern soll als EU-Gesandter in Gesprächen mit der philippinischen Regierung auf eine friedliche Lösung drängen. Von den Geiseln gibt es neue TV-Aufnahmen: Frau Wallert ist deutlich geschwächt.

Montag, 8. Mai
Die dritte Woche des Geiseldramas beginnt. In dramatischen Briefen schildern die Geiseln ihre verzweifelte Lage und bitten um Hilfe. Marc Wallert schreibt, es gehe seiner Mutter sehr schlecht, sie habe zwei Nervenzusammenbrüche gehabt. Er kündigt an, sie notfalls allein aus dem Rebellenlager herauszutragen, auch auf die Gefahr hin, erschossen zu werden. Unklar ist, ob Nur Misuari weiterhin als Vermittler tätig ist.

Dienstag, 9. Mai
Erste Gerüchte tauchen auf, Frau Wallert werde möglicherweise bald freigelassen. Ein SPIEGEL-Korrespondent auf Jolo berichtet, die Entführer planten, sie bereits am Mittwoch gehen zu lassen. Der Asienbeauftragte der Bundesregierung, Cornelius Sommer, sagt gegenüber SPIEGEL ONLINE, es spreche vieles dafür, dass das tatsächlich geschehen könne. Die philippinische Regierung lässt derweil den libyschen Diplomaten Rajab Assaruk als neuen Vermittler zu.

Mittwoch, 10. Mai
Ein Rot-Kreuz-Team, das zum Rebellenlager fährt, darf die Geiseln nicht sehen, lediglich Medikamente abgeben. Renate Wallert bleibt weiter in Geiselhaft, die Entführer werfen ihr jetzt vor, ihre Krankheit nur vorzutäuschen. Dennoch kündigen sie nach einem Gespräch mit dem neuen Vermittler Assaruk an, innerhalb der nächsten 24 Stunden eine Entscheidung zu treffen. Solana und die Bundesregierung sprechen von "vorsichtigem Optimismus" bezüglich ihrer Freilassung.

Donnerstag, 11. Mai
Renate Wallert und die übrigen 20 Geiseln bleiben weiter in der Gewalt der Entführer. Vermittler Assaruk verliert den Kontakt zu Abu Sayyaf. Nach unkoordinierten Militärbewegungen gibt es wieder Gefechte zwischen den Rebellen und Soldaten. Die Entführer bringen ihre Geiseln daraufhin in ein neues Lager.

Freitag, 12. Mai
Die Unterhändler der philippinischen Regierung sind wieder etwas optimistischer. Der Kontakt zu den Geiselnehmern konnte wieder hergestellt werden. Der Gesundheitszustand von Renate Wallert soll sich etwas gebessert haben.

Samstag, 13. Mai
Wieder einmal wird nichts aus einer angekündigten Freilassung von Renate Wallert und dem Franzosen Stéphane Loisy. Zuvor hatten Unterhändler eine Abmachung mit den Entführern bekannt gegeben, wonach diese die deutsche Geisel gehen lassen wollten. Unterdessen werden neun größtenteils französische Reporter vermisst, die sich angeblich auf den Weg zu den Rebellen gemacht haben.

Sonntag, 14. Mai
Eine Freilassung der Geiseln ist immer noch nicht in Sicht. Immerhin beginnen jetzt Gespräche zwischen der philippinischen Regierung und den Kidnappern - zunächst allerdings vor allem über die Frage, wie man miteinander verhandeln wolle. Die meisten der vermissten Journalisten tauchen wieder auf.

Montag, 15. Mai
Die Entführung auf den Philippinen geht in die vierte Woche. Die meisten der Geiseln seien "depressiv und sehr nervös", berichtete eine französische Journalistin. Der philippinische Präsident Joseph Estrada hat die Bedingungen der Kidnapper nach Rückzug des Militärs und zur Zusammensetzung eines Verhandlungsteams akzeptiert.

Dienstag, 16. Mai
Die Verhandlungen zwischen Entführern und Unterhändlern verzögern sich weiter. Unbestätigten Berichten zufolge verlangen die Geiselnehmer jetzt ein Lösegeld von zwei Millionen Dollar allein für die Freilassung von Renate Wallert.

Mittwoch, 17. Mai
Die Entführer fordern offensichtlich Lösegeld für die schwer kranke Renate Wallert. Der philippinische Außenminister Domingo Siazon nennt zunächst die Summe von zwei Millionen Dollar, sagt jedoch später, dass die Höhe des verlangten Lösegelds noch nicht feststehe. Der Finne Risto Vahanen erklärt in einem Interview mit dem finnischen Radiosender YLE, die Entführer seien freundlich, doch er und die anderen Geiseln hätten die Hölle durchlebt. Außerdem gebe es nicht genug Lebensmittel und Medikamente.

Donnerstag, 18. Mai
Inmitten zähen Ringens um das Schicksal der 21 Entführten hat sich die Lage auf Jolo nach einem Bombenanschlag bedrohlich zugespitzt. Renate Wallert erzählte in ersten Interviews seit ihrer Entführung vor mehr als drei Wochen von Selbstmordgedanken. In Jolo-Stadt und dem nahe gelegenen Ort Zamboanga werden beinahe zeitgleich Anschläge verübt.

Freitag, 19. Mai
Unterhändler unternehmen am Samstag einen neuen Anlauf, die Freilassung von Renate Wallert und den übrigen 20 Entführten zu erreichen. Unterdessen steigt die Zahl der Toten nach dem Granatenanschlag auf den Markt in Jolo-Stadt auf sieben an. Der Zustand von mindestens 29 Verletzten sei kritisch.

Sonnabend, 20. Mai
In das Geiseldrama kommt wieder Bewegung. Nach Tagen des Stillstands treffen sich Unterhändler der Regierung zu "Vorgesprächen" mit den Entführern auf der Insel Jolo. Sie hätten ein Satellitentelefon dabeigehabt, mit dem die Geiseln bei ihren Angehörigen anrufen durften. Der kranken Deutschen Renate Wallert geht es offenbar deutlich besser.

Sonntag, 21. Mai
Der libysche Unterhändler Radschab Assaruk sagt nach den Vorgesprächen mit den Moslem-Rebellen auf Jolo, mit den Geiselnehmern seien weitere Gespräche für die kommenden Tage vereinbart worden. Mit den Entführern sei bereits ein gewisser Grad an Übereinstimmung bei bestimmten Punkten erzielt worden.

Montag, 22. Mai
Die Hoffnungen auf baldige Gespräche haben sich zerschlagen. Ein Treffen der Entführer mit Chefunterhändler Roberto Aventajado im Urwald ist geplatzt. Ein neuer Anlauf für Verhandlungen soll aber noch diese Woche unternommen werden. Die Freilassung Renate Wallerts habe weiterhin Priorität, betonte die Regierung. Auf der Insel traf am Montag auch ein deutscher Arzt ein.

Zusammengestellt von Lisa Erdmann.