Picher, Oklahoma Das Ende einer Kleinstadt
Gesund oder gefahrlos war das Leben nie in Picher, Oklahoma. Einst zählte die Gemeinde rund 20.000 Einwohner, zuletzt harrten noch rund 800 aus: Picher war eine bereits seit Jahrzehnten langsam zerfallene Gemeinde. Dann, am Abend des 10. Mai, zerriss es sie innerhalb weniger Minuten.
Ein Tornado mit Windgeschwindigkeiten von 200 Kilometern pro Stunde und mehr fegte die Häuser hinfort, verteilte die Bauteile über Quadratkilometer, türmte Autos aufeinander, zerstörte die Lebensgrundlage vieler der verbliebenen Einwohner und tötete mindestens neun von ihnen. Am Morgen des 11. Mai sah Picher aus, als habe eine Bombe eingeschlagen. Die Kleinstadt wurde vom Wind verweht - was übrig bleibt, sind Trümmer.
Und Einwohner, die vor langer Zeit schon hätten gehen sollen. Picher war einstmals eine boomende Bergbaustadt. Zink und Blei förderten sie dort über Jahrzehnte, was lange her ist und gerade deshalb immer mehr Probleme macht.
Picher war schon vor der Katastrophe eine Katastrophe. Die Fundamente vieler Häuser waren instabil, seit die Behörden dicke Schichten verseuchten Bodens abtragen mussten. Der Wind brachte den Tod damals zwar nicht schnell, aber nicht weniger brutal: Kaum jemand in den USA hat mehr Blei in den Knochen als die Kinder von Picher. Schon vor dem Tornado war die Kleinstgemeinde darum überregional bekannt: Das Örtchen gilt als eines der am stärksten toxisch verseuchten Gebiete der USA.
Seit Jahren förderte die Regierung darum den Wegzug. Im April 2006 war die Entscheidung gefallen, die Stadt aufzugeben.
Es traf die letzten - und die Schwächsten
Doch ein Bergmann ist ein Bergmann. Die meisten der verbliebenen 800 blieben, weil sie das bisschen, dass sie sich mit harter Arbeit in toxischer Umgebung aufgebaut hatten, nicht aufgeben wollten. Sie warteten auf höhere Abfindungen für Häuser, die es nun nicht mehr gibt. Und natürlich waren es die schwächsten Einwohner von Picher, die bis zum abrupten Ende blieben: Wer es sich leisten konnte, sich mit einer kleinen Abfindung zu begnügen, ging schon vor Jahren. Die Bevölkerungszahl hatte sich allein in den letzten acht Jahren halbiert.
Und darum kollabiert Picher nun. Jetzt, sagt John Sparkman, Chef des örtlichen Wohnamtes, hätten die Leute wohl genug: "Es gibt da nichts mehr, was es lohnen würde, alles wieder aufzubauen."
Das sieht wohl auch die Katastrophen-Hilfsbehörde Fema so. Normalerweise wäre die dafür zuständig, Wiederaufbauhilfe zu leisten. Das aber, sagte der regionale Fema-Chef Albert Ashwood der Nachrichtenagentur AP, sei unwahrscheinlich, weil die Stadt ja sowieso aufgegeben werden sollte. Wozu Häuser aufbauen, für die die Bewohner auch Geld hätten bekommen können, wenn sie ausgezogen wären?
Zumindest diese Abfindung, machte am Sonntag Brad Henry, der Gouverneur des Staates Oklahoma klar, sollen die Leute bekommen, auch, wenn die Häuser nun verschwunden seien. Spätestens das dürfte das endgültige Ende von Picher, Oklahoma, besiegeln. Die Kleinstadt hat damit Chancen, mit ihrem Namen zumindest in die Annalen der Meteorologen einzugehen: Nicht unwahrscheinlich, dass man die diesjährige Tornado-Saison im amerikanischen Mittelwesten dereinst die "Picher-Saison" nennen wird.
Die Saison 2008: Schon jetzt rekordverdächtig tödlich
Denn dass diese Saison finstere Geschichte schreiben wird, gilt schon jetzt als sicher. Allein an diesem Wochenende starben wahrscheinlich mindestens 22 Menschen bei einer Vielzahl von kurzzeitig auftauchenenden "Twister"-Stürmen. Seit Beginn der Tornado-Saison Anfang Mai verloren damit bereits über 40 Menschen ihr Leben - das hatte es seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr gegeben. Allein am Samstag registrierte der US-Wetterdienst 37 Tornados und 181 schwere Hagelstürme in den betroffenen Staaten. Am Montag nahm die Tornada-Saison dann endlich eine Auszeit.
Vorbei ist sie noch nicht. Tornados können prinzipiell zu jeder Jahreszeit entstehen, aber sie haben auch ihre Schwerpunktzeiten. So tritt das Gros der Tornados in den USA - als normal gelten hier 1000 bis 1200 im Jahr - im Frühling und Frühsommer auf, im Herbst gibt es eine zweite, kürzere Hochzeit. Die eigentliche "Saison" ist jedoch das Frühjahr, und hier schlagen die Stürme vorzugsweise am Nachmittag und frühen Abend zu, meist im Verbund mit heftigen Gewittern oder Hagelstürmen.
Die Gewalt dieser "Twister" ist kurzlebig, aber schwer vorzustellen. Mitunter dauern sie nur wenige Minuten, planieren dabei aber mit Windgeschwindigkeiten, die sich 500 km/h nähern können, alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Wer solch einen Tornado überleben will, muss unter der Erde Zuflucht suchen: In der "Tornado Alley" von Texas bis Iowa, von Kansas bis Nebraska verfügen selbst viele Häuser, die keinen regulären Keller besitzen, zumindest über einfache unterirdische Tornado-Zufluchtsräume vor oder unter dem Haus. Doppelt geschlagen sind Staaten wie Florida oder Missouri, die im Frühjahr Tornados, im Sommer dann Hurrikans abbekommen.
Mit Informationen der AP