EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Pigzilla
Als das Schwein das erste Mal auftauchte auf dem Grundstück von Caroline Hayes südlich von Murwillumbah, sah es jämmerlich aus. Der Rücken zerkratzt, ein Auge zugeschwollen, entlang der Lider nisteten Zecken. Das Schwein kam allem Anschein nach aus dem Wald, und es war ein Haus-, kein Wildschwein. Jemand musste es ausgesetzt haben. Oder vielleicht war es ausgebrochen aus seinem Stall. Hayes betrachtete das Tier und fragte sich, was sie nun tun solle.
Sie könnte versuchen, das Schwein fortzujagen. Hayes ist 63 Jahre alt, sie war lange Zeit Farmerin und ist den Umgang mit Tieren, auch mit widerspenstigen, gewohnt.
Hayes hätte das Schwein, es ist ein Eber, auch erschießen lassen können. Das Tier wog mindestens 80 Kilogramm. Das ist eine Menge Fleisch. Aber Hayes tut so etwas nicht. Tiere zu töten verstößt gegen ihre Prinzipien. Hayes ist Vegetarierin.
Sie hätte das Schwein auch einfach ignorieren können. Dann wäre es vielleicht von allein weitergezogen, hätte sich einen anderen Garten gesucht, einen anderen Helfer, und Hayes wäre nicht durchs Haus gejagt worden, hätte keine eingedrückte Tür zu beklagen, keinen demolierten Zaun, und auch der Weg zum Klo wäre immer frei gewesen.
Aber Hayes brachte es nicht übers Herz, das Schwein einfach leiden zu lassen. Sie näherte sich ihm vorsichtig, versorgte die Wunden, entfernte die Zecken, das Tier schien dankbar zu sein. Hayes rührte das sehr, und so gab sie dem Eber einen Namen, »Bruce«, wie Bruce Willis, und etwas zu fressen. Obst, Gemüse. Das war nicht klug, wie Hayes heute weiß.
Denn nach der Mahlzeit verließ Bruce nicht wie erwartet, wie von Hayes erhofft, das Grundstück. Er blieb. Er richtete sich grunzend ein in einer Ecke des Gartens und forderte weiter Fressbares.
Jedes Mal, wenn Hayes ihr Haus verließ, näherte sich Bruce, trottete heran wie ein monströser Hund und machte nachdrücklich klar, dass er hungrig sei. Das Schwein rempelte Hayes an, die zierlich ist und weit davon entfernt, 80 Kilogramm zu wiegen. Hayes versuchte, die Balance zu behalten, und ging schneller. Das Schwein folgte, schnappte nach ihren Beinen, biss zu. Hayes schrie, lief schneller, flüchtete ins Haus. Bruce begann seine Belagerung.
Wann immer Hayes in den folgenden Stunden die Tür öffnete, Bruce stürmte heran. Schließlich wusste sich Caroline Hayes keinen anderen Rat mehr, sie fütterte das Schwein ein zweites Mal.
Schweine sind gelehrige Tiere. Bruce lernte: Terror lohnt sich. In den folgenden Tagen verließ er das Grundstück nur selten. Er wartete in seiner Ecke, bis die Haustür sich öffnete, dann stampfte er heran, jagte Hayes über den Rasen, bis sie ihm irgendetwas Essbares vor die Schnauze warf. Das Ganze erinnerte an George Orwells »Farm der Tiere«, inszeniert als Slapstick.
Ihre Fahrten in die Stadt verband Hayes nun mit Besuchen des Bauernmarkts, wo sie überreifes Obst und Gemüse kaufte: »Einmal kehrte ich mit 300 Avocados und zehn Kilogramm Pfirsichen zurück.« Nach kurzer Zeit soll alles weg gewesen sein. Hayes war ratlos. Was sollte sie tun? Vertreiben ließ sich das Schwein nicht mehr. Erschießen lassen wollte sie es nicht, einfangen lassen auch nicht: »Wer weiß, was mit ihm geschehen würde.« Hayes diskutierte das Problem mit Bekannten am Telefon. Besuch bekam sie nur noch selten.
Statt der Freunde kamen Journalisten, filmten, fotografierten Bruce und Caroline Hayes, interviewten sie. Hayes hatte nichts einzuwenden gegen diese Art der Aufmerksamkeit, sie scheint sie sogar genossen zu haben und förderte sie. Einem Journalisten sagte sie beispielsweise: »Bruce ist so ein schönes, männliches Schwein, aber er ist auch so groß und so fordernd.« Die Journalisten liebten sie für diese Sätze, und bald konnte das ganze Land, der ganze Kontinent Geschichten lesen über Bruce, nun auch bekannt als »Pigzilla«.
Bruce' Regime fand erst nach vollen zwei Wochen ein Ende. Zu dieser Zeit begnügte er sich nicht mehr damit, Caroline Hayes im Garten zu verfolgen, er trieb sie durchs Haus, drückte Türen auf, randalierte durch Küche und Schlafzimmer und versperrte schließlich auch den Weg zum Klo. Dauerhaft.
Hayes hatte genug. Das Schwein musste weg.
Sie rief bei der Verwaltung von Murwillumbah an. Kurze Zeit später betraten zwei Wildhüter das Grundstück, in den Händen eine viel zu kleine Hundebox. Die beiden Männer drehten um, als sie das Schwein sahen.
Am folgenden Tag waren sie wieder da, diesmal mit einem Anhänger, darauf ein großer Käfig. Die Wildhüter warfen ein paar reife Bananen hinein. Bruce schnüffelte, nahm Witterung auf - und marschierte in den Käfig, einfach so. Die Wildhüter schlossen die Tür.
Caroline Hayes sagt, es sei zwiespältig, dass Leben ohne Bruce. Einerseits sei sie froh, sich wieder frei bewegen zu können. Andererseits hoffe sie, dass Bruce nicht zu Schinken verarbeitet werde.
Die Verwaltung von Murwillumbah teilt mit, dass Bruce sich nun auf einer Schweinefarm befinde. Über sein Schicksal werde zu gegebener Zeit entschieden. UWE BUSE