Pilger bei der Ostermesse Der Papst, der schöne Sekretär und die Bayern
Rom - Sie laufen, sie lachen, sie singen, sie stürmen zu den Eingängen: Ein Inder mit Turban, eine Gruppe schwarzer Nonnen, Afrikanerinnen in bunten Stoffen, französische Pilger mit blauen Halstüchern, überschminkte Amerikanerinnen in Highheels - und die Bayern. Weiß-blaue Wimpel wirbeln durch die Luft.
Es ist früher Morgen in Rom, zwei Stunden noch, bis die Ostermesse auf dem Petersplatz beginnt. Aber die Pilger aus der Heimat von Papst Benedikt XVI. sind schon seit Stunden auf den Beinen.
Oder seit Tagen: Am Karfreitagvormittag öffnet sich die Tür im deutschen Pilgerbüro am Petersplatz in Rom im Minutentakt. "Stimmt es, dass der Papst heute die Beichte abnimmt?", will eine Pilgerin aus dem Harz wissen. Eine Pilgerzeitung liegt aus, die Frau hat ein Foto des schönen Papst-Sekretärs Georg Gänswein entdeckt. "Der sieht wirklich toll aus", ruft sie. Und stürmt aus der Tür: "Ich will da sein, wo der Heilige Vater ist." Weg ist sie.
Höhepunkt ist freilich der Ostersegen am Sonntag, "Urbi et Orbi", der Stadt und dem Erdkreis. Um 10 Uhr warten die deutschen Pilger auf dem Petersplatz auf Benedikt.
Noch anderthalb Stunden: In einem Stuhlblock vorne in der Mitte vor dem Dom sitzen Caroline Dietlmeier und ihre Mutter Andrea aus Straubing und schwenken eine weiß-blaue Flagge. "Nur wegen dem Ratzinger samma do", sagt Andrea Dietlmeyer. Sie habe zwar auch Johannes Paul II. sehr verehrt, aber es sei schon was anderes mit der Heimatnähe. "Wir sind ja alle Bayern, der Ratzinger und wir", sagt sie.
"España con el Papa"
Martin Noeth aus Kulmbach, um die 50, Dreitagebart, der mit dem bayerischen Pilgerbüro gekommen ist, findet, dass der alte und der neue Papst "sich die Hand geben". Das Besondere an der Pilgerfahrt nach Rom ist für ihn, dass man merke, dass alle zusammengehören - "die Christen aus allen Ländern der Welt", sagt er. Flaggen aus allen Nationen wehen, brasilianische, serbische, spanische, italienische und japanische. "España con el Papa"-Banner hängen im Himmel.
Polnische Flaggen sieht man nur noch vereinzelt. Eine blonde junge Polin erzählt, dass es schon etwas anderes für sie war - damals mit Johannes Paul II. Schon wegen der Sprache, aber auch, weil es eben ein tolles Gefühl gewesen sei, dass der Papst Pole war.
Bei den deutschen Pilgern kennt die Benediktbegeisterung jedoch keine Bundeslandsgrenzen. Hermann Scheffer, der aus dem Emsland auf den Petersplatz gekommen ist, findet schlicht: "Der Papst ist ein toller Typ." Einmal im Leben sollte man ihn als Katholik live sehen, ihn spüren - das sei schließlich etwas ganz anderes als im Fernsehen. "Es geht um die Nähe", sagt ein sonnebebrillter, platinblonder Mann aus Krefeld.
Riesenansturm aus Deutschland
Eine ältere Nonne, die seit 30 Jahren in Rom lebt, bewundert Benedikt, weil er einfach und ehrlich sei. "Besser kann kein Papst sein", sagt sie. Ihre Mitschwester nickt. Ob nicht Johannes Paul II. besser bei den Menschen angekommen sei? "Ach, man muss ja auch sehen, wie alt der Benedikt schon ist." Johannes Paul II habe ja den großen Vorteil gehabt, dass er so jung angefangen habe. Benedikt wird morgen in einer Woche 80 Jahre alt.
Zehntausende sind aus Deutschland zu Ostern gekommen, um den Segen des Papstes auf dem Petersdom persönlich zu empfangen, sagen die Mitarbeiter des deutschen Pilgerzentrums. "Viel mehr als in den Jahren unter Papst Johannes Paul II.", erklärt ein deutscher Student der in dem Zentrum nahe dem Vatikan arbeitet.
Die Deutschen sind aus allen Städten und Gegenden gekommen. Und aus allen Altersgruppen: Joseph und Monika Kauer, Geschwister aus Weimar, sind 14 und 18 Jahre alt. "Hier zählt für uns vor allem das Gemeinschaftserlebnis wie beim Weltjugendtag", sagt Joseph. "Ich finde den Papst toll, auch wenn ich manchmal inhaltlich nicht alles verstehe, ich bin schließlich kein Theologe."
"Ein bisschen wie ein Gefangener"
Sein Ruf als Konservativer und Intellektueller eilte ihm voraus - aber an seinem zweiten Ostern, sind auch die weniger strenggläubigen deutschen Pilger mit Benedikt mehr als versöhnt. "Er ist auf jeden Fall intelligenter als Papst Johannes Paul II. Ich hätte nicht gedacht, dass er das Amt so gut ausfüllt, er ist viel besser und milder als als Kardinal", findet Walter Lorenz, Arzt, der mit einer Pilgergruppe aus Kempten im Allgäu nach Rom gekommen ist. Man müsse ihn vielleicht nicht immer wörtlich nehmen, aber dass er in seinen Botschaften "nicht alles verwässert", sei schon in Ordnung.
"Im Grunde ist der Papst jetzt ja auch ein bisschen wie ein Gefangener, er kann sich nicht mehr frei bewegen", sagt Willy John, der als Reiseleiter zum 37. Mal in Rom ist. Früher, so wurde ihm erzählt, habe man Joseph Ratzinger auch öfter mal beim Cappuccino gesehen.
Pünktlich um halb zwölf bricht die Sonne durch und taucht den Petersplatz in gleißendes Licht. Ein Raunen geht durch die Menge - der Papst zieht ein. Fahnen zittern in der Luft, Menschentrauben bilden sich kurz vorher, Pilger stürmen an die Absperrungen - Priester reichen Hostien. Eine Stunde später steigt der Papst auf die Loggia des Petersdoms und spricht den Ostersegen "Urbi et Orbi" aus.
Am Ende, sagt Barbara Lorenz aus Kempten, eine Protestantin, ist der ganze Papstrummel manchmal ein bisschen wie ein Zirkus. "Aber der Atmosphäre, der kann sich niemand entziehen - auch ich nicht."
Es ist ganz still auf dem Petersplatz, als der Papst an die "blutigen Gemetzel" in den Krisenherden der Welt erinnert - an den Irak, an Darfur, an Afghanistan, an Osttimor. Dann: Aufatmen, Jubelrufe über dem Petersplatz, ein letztes Mal werden Fahnen in die Höhe gereckt - Benedikt XVI. grüßt die Gläubigen in 62 Sprachen. Es ist auch ein Abschied. Viele Pilger fahren heute zurück in die Heimat. Auch der Papst erholt sich auf seinem Sommersitz Castel Gandolfo von dem Osterstress - allerdings nur für ein paar Tage, denn zu seinem 80. Geburtstag will er wieder in Rom sein.