Pipeline-Explosion in Kenia: "Das ist eine Zeitbombe" - DER SPIEGEL
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Pipeline-Explosion in Kenia "Das ist eine Zeitbombe"

Bei der Pipeline-Explosion nahe einem Slum in Nairobi sind Dutzende Menschen ums Leben gekommen, mehr als hundert wurden verletzt. Die Mängel an der maroden Leitung waren seit langem bekannt - wurden aber ignoriert.
Pipeline-Explosion in Kenia: "Das ist eine Zeitbombe"
Pipeline-Explosion in Kenia: "Das ist eine Zeitbombe"

Pipeline-Explosion in Kenia: "Das ist eine Zeitbombe"

Foto: NOOR KHAMIS/ REUTERS
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Zur Unglücksstelle im südöstlich gelegenen Industriegebiet Nairobis strömten Tausende Schaulustige, sie versperrten die Zufahrten für Feuerwehren und Rettungsdienste: Dutzende Menschen sind bei einer Pipeline-Explosion in Kenias Hauptstadt ums Leben gekommen. Premierminister Raila Odinga eilte zur Unglücksstelle in der Nähe eines Slums, kondolierte der Menge durch das Dach seines Wagens.

Die genauen Opferzahlen sind noch unklar, von mindestens 120 Toten und mehr als 100 Verletzten war am Nachmittag die Rede, mehr als 60 Leichen hatte die Polizei bereits geborgen. Das nahegelegene Mater Hospital schickte viele Menschen weiter ins zentrale Kenyatta Hospital - man war überfordert mit dem Ansturm der Verletzten. Die Klinik rief dringend zu Blutspenden auf, um den Verwundeten helfen zu können. Feuerwehr und Einsatzkräfte kämpften nach Angaben der Zeitung "The Standard" auch Stunden nach dem Unglück immer noch gegen die Flammen.

Vermutlich hatte es ein Leck in der Pipeline gegeben, die Menschen aus dem nahe gelegenen Sinai Slum eilten zu der beschädigten Stelle - bevor diese wenig später in die Luft flog. "Die Leute haben versucht, Benzin aus der Pipeline abzuzapfen", zitierte die Nachrichtenagentur AFP einen Rot- Kreuz-Mitarbeiter. "Es gab ein Leck in der Pipeline, und die Leute kamen angelaufen, um den Sprit aufzufangen", berichtete ein Anwohner.

In den ersten Stunden nach der verheerenden Explosion machten Gerüchte die Runde: Eine brennende Zigarette soll zum Unglück geführt haben, sagte der stellvertretende Polizeisprecher Nairobis. Ein Reporter der britischen BBC berichtete, ein angezündetes Streichholz soll für die Explosion verantwortlich sein.

Die Risiken waren bekannt

Die Pipeline führt vom Hafen in Mombasa über Nairobi bis nach Kisumu am Victoriasee. Sie ist veraltet, marode und hätte eigentlich schon 2001 komplett ersetzt werden müssen. Stattdessen wurden immer wieder einzelne Stellen repariert, erst kürzlich waren unweit von Mombasa Zehntausende Liter Benzin ausgelaufen. Bereits vor eineinhalb Jahren hatten Experten vor der alten Röhre gewarnt, insbesondere vor dem Abschnitt zwischen Mombasa und Nairobi. "Das ist eine Zeitbombe", warnten Fachleute damals.

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Pipeline-Explosion: Unglück bei Nairobis Armutsviertel

Foto: NOOR KHAMIS/ REUTERS

Immer wieder kommt es in Afrika zu katastrophalen Explosionen an Pipelines oder Tanklastzügen. Und die Abläufe ähneln sich: Zuerst gibt es ein Leck, im Grunde ungefährlich für den Menschen. Dann kommen Hunderte Anwohner mit Eimern, Kanistern und Schüsseln herbeigeeilt, um den Treibstoff abzuzapfen. Ein Funke reicht für die Katastrophe.

In Kenia starben im Februar 2009 mehr als 130 Menschen, als zwischen Nakuru und Kisumu ein Tanklastzug verunglückte und später explodierte. Vergeblich hatten damals Polizeibeamte versucht, die Anwohner vom Abzapfen abzuhalten. Es gab auch Zeugen, die behaupteten, die Polizei habe den Zugang gestattet - gegen ein kleines Handgeld. Ähnliches trug sich im Juli 2010 im Ostkongo bei der Ortschaft Sange zu. Damals verbrannten über 230 Menschen.

Lehren zieht daraus kaum jemand, die Armut ist zu groß. Weil allein in Kenia fast täglich Tanklastzüge verunglücken, ist auch die Polizei nahezu täglich irgendwo im Land im Einsatz, um die Bevölkerung mit Hunden und Schusswaffen davon abzuhalten, sich den umgestürzten Lastzügen zu nähern.

Die Zahl der Toten in Nairobi dürfte auch deshalb noch deutlich weiter steigen, weil die Feuerwehren regelmäßig mit großer Verspätung kommen, die Hydranten meistens trocken liegen, es kein Rettungssystem im europäischen Sinne gibt und selbst die Krankenhäuser in der Millionenstadt allenfalls eine Handvoll Betten für Verbrennungsopfer haben.

Das Unglück traf die ärmsten Menschen der Stadt: Die Hütten der Slum-Bewohner reichten bis an die Pipeline heran. Nach dem Unglück trieben Leichen in einem nahegelegenen Abwasser-Fluss. Die brennenden Menschen, so schilderten es Augenzeugen, seien in ihrer Verzweiflung hineingesprungen.

Die Explosion ereignete sich morgens gegen 8.30 Uhr. Der nahe liegende Sinai-Slum war bereits erwacht, und auch der Schulbetrieb hatte begonnen. "Frauen und Kinder brannten wie Feuerholz", zitierte der lokale Radiosender Capital FM einen Anwohner. "Das schlimmste war eine Frau, die mit ihrem Baby auf dem Rücken in Flammen stand." Dutzende von brennenden Menschen sprangen in Panik in den nahen Ngong-Fluß, um dort die Flammen zu löschen. Die Polizei spannte später flussabwärts ein Netz in dem Gewässer, um die treibenden Leichen einzufangen.

Mit Material von dpa

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