Piraten vor Somalia: In der Zone der Angst - DER SPIEGEL
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Piraten vor Somalia In der Zone der Angst

Maschinengewehre, Panzerfäuste, kleine Raketenwerfer: Hightech-Piraten lauern vor Somalias Küste auf Beute, am liebsten Schiffe aus westlichen Staaten - denn die bringen das meiste Lösegeld. Jetzt ist wieder ein Frachter gekapert worden.
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Für Reeder Karim Kudraki im kenianischen Mombasa laufen die Geschäfte seit einiger Zeit nicht mehr gut. Nicht dass die Aufträge ausblieben, aber er hat eine neue Ausgabenposition, die ihn in die Knie zwingt. Vier mal wurden seine Schiffe seit 2005 überfallen, das letzte im vergangenen Februar, und jedes Mal musste er Lösegeld bezahlen. Seine gesamte Rentenkasse im Wert von mehreren hunderttausend Euro ist dafür inzwischen draufgegangen.

"90 Prozent meiner Leute haben Erfahrung mit Überfällen auf See", sagt Kudraki. "Die Piraten sind nie an der Ladung interessiert. Aber sie nehmen den Leuten alles weg und vor allem - sie wollen Lösegeld."

Auch für den tansanischen Seemann Ali Hillal Amran, 56, gehört die Angst längst zum Berufsalltag. Seit einem Zwischenfall vor drei Jahren, nicht weit vom somalischen Mogadischu entfernt: "Es war Nacht, sie kamen mit fünf Booten und beschossen uns mit Gewehren." Der Kapitän ließ alle Lichter anschalten, gab Vollgas und fuhr Zickzack. Nach einer knappen Stunde gaben die Angreifer zwar auf, aber Amran wird seither seine Beklemmungen nicht mehr los, wenn es in Richtung des Horns von Afrika geht.

Die Angst geht um bei Reedern und Seeleuten rund ums Horn von Afrika: Erst am Sonntag haben somalische Piraten im Golf von Aden ein niederländisches Schiff gekapert, das vom kenianischen Mombasa ausgelaufen war und Fracht für Rumänien geladen hatte. An Bord des unter panamaischer Flagge fahrenden Frachters "MV Amiya Scan" sollen neun russische und philippinische Seeleute sein. Verletzt wurde niemand, man stehe nun in Verhandlungen mit den Piraten, um eine Freilassung der Seeleute zu erreichen, teilte das niederländische Unternehmen Reider Shipping BV mit.

Im kenianischen Mombasa mustern die Matrosen reihenweise ab, wenn sie hören, dass die Fracht für Somalia bestimmt ist. "Manche Reeder bezahlen 50 Dollar mehr pro Trip", berichtet der kenianische Schiffs-Ingenieur Spatuel Mwachari, 41. "Und trotzdem verzichten viele Seeleute lieber und bleiben zu Hause."

Piraterie ist weit verbreitet auf den Ozeanen der Welt. Doch kaum irgendwo ist die Gefahr, attackiert zu werden, so groß wie in der Straße von Aden und längs der langen Küste Somalias. Und nirgendwo wird mit der Piraterie so viel Geld verdient.

Für Reeder, Schiffseigner und Seeleute hat sich die Situation in den vergangenen 18 Monaten geradezu dramatisch verschärft. Nachdem 2007 bereits 31 Schiffe attackiert worden waren, haben somalische Piraten in den ersten vier Monaten dieses Jahres mindestens sieben Schiffe gekidnappt und eine Vielzahl weiterer angegriffen und bedroht - darunter die französische Luxusjacht "Le Ponant", die gegen zwei Millionen Euro Lösegeld wieder frei kam, oder einen spanischen Fischkutter, für den die Regierung in Madrid 770.000 Euro Lösegeld bezahlt haben soll.

Piraterie: Ein hochprofessionelles Gewerbe

Was einst mit kleinen Fischerbooten begann, hat sich zu einem hochprofessionellen Gewerbe entwickelt. Die Freibeuter rücken aus, bewaffnet mit GPS-Geräten, Satelliten-Telefonen und automatischen Gewehren. Selbst Panzerfäuste und kleine Raketenwerfer gehören bisweilen zum Arsenal.

Bis weit über 300 Seemeilen wagen sie sich inzwischen auf die offene See hinaus, und selbst vor einem japanischen Tanker schreckten sie kürzlich nicht zurück. Sie hatten mit einer Granate ein Loch in die Schiffswand geschossen und zogen sich nur zurück, weil zufällig die deutsche Fregatte "Emden" in der Nähe war und dem Tanker zu Hilfe eilte.

Gerade weil sie sich inzwischen furchtlos weit hinaus aufs Meer trauen, gehen Experten davon aus, dass ein Teil der Piraten von Mutterschiffen aus operiert, von denen sie Treibstoff und Verpflegung beziehen. Das Problem dabei: Bisher konnte noch kein Versorgungsschiff identifiziert und gestellt werden.

Auch die Taktik der Überfälle ist häufig ähnlich. Die Piraten schleichen sich meistens bei Nacht an, häufig mit mehreren Booten und von zwei Seiten. Der eine Trupp lenkt mit Schüssen und Geschrei die Aufmerksamkeit der Besatzung auf sich. Gleichzeitig versucht ein zweites Kommando mit Hilfe eines Wurfankers an Bord zu klettern. Die Piraten dringen auf die Brücke vor und zwingen die Besatzung zur Kursänderung, meistens in landnahe Gewässer längs der somalischen Küste.

Lösegeld: Russen und Europäer müssen am meisten zahlen

Allein zwischen dem jemenitischen Aden im Norden und dem kenianischen Hafen Mombasa im Süden sollen so seit Anfang 2006 über 150 Seeleute gekidnappt worden sein.

Im Gegensatz zu den Piraten vor Sumatra oder auch an der afrikanischen Westküste vor Nigeria legen die somalischen Räuber kaum Wert auf die Ladung oder das Geld der Besatzungsmitglieder. Sie sind anspruchsvoller.

Sie sind scharf auf Lösegeld für Schiff und Besatzungen, und sie wissen dabei durchaus zu differenzieren: Von afrikanischen Reedern nehmen sie um die 100.000 Euro, von Russen 300.000 bis 400.000 Euro und von westlichen Schiffseignern erwarten sie mindestens eine halbe Million Euro - manchmal, wie im Fall der französischen Jacht, auch deutlich mehr. Und sie haben Zeit.

Die Crew des dänischen Frachtschiffes "Danica White", die im vergangenen Jahr vor Somalia gekapert worden war, wurde zweieinhalb Monate festgehalten, bis das Lösegeld nach langen Verhandlungen übergeben war. Die elfköpfige Besatzung eines tansanischen Schiffskutters wartete sogar fast ein halbes Jahr auf ihre Freilassung.

Das Treiben der Piraten, so scheint es, ist kaum zu stoppen, obwohl ihre Raubzüge gefährlicher und risikoreicher geworden sind.

Nachdem 2006 und 2007 innerhalb von nur 18 Monaten auch sechs Schiffe im Auftrag der Uno mit Lebensmittellieferungen für Somalia gekapert worden waren, schlug das Welternährungsprogramm (WFP) im vergangenen Sommer Alarm.

Kurz darauf entsandten erst die Franzosen ein Kriegsschiff vor die somalische Küste. Es folgten die Dänen, derzeit kreuzt die niederländische "Evertsen" zwischen Mogadischu und Mombasa.

Die Matrosen jubelten, als die Elite-Soldaten an Bord kamen

Die Holländer jedenfalls nehmen ihren Auftrag ernst.

Sie haben eines der modernsten Schiffe geschickt, das die niederländische Marine zu bieten hat, eine High-Tech-Fregatte mit einem weitreichenden Radarsystem, mit Helikopter und Luftabwehrraketen. Die Besatzung hat sich vorbereitet auf die neue Art von Einsätzen. Jedes mittlere Fischerboot könnte ein Selbstmordkommando sein, wer ohne Anlass zu nahe kommt, wird mehrfach verwarnt - und schließlich versenkt. An Bord sind schwerbewaffnete Elitesoldaten mit Afghanistan-Erfahrung, die mit einem Helikopter auf den WFP-Schiffen abgesetzt werden und erst wieder von Bord gehen, wenn der Hafen von Mogadischu in Sicht ist.

Die "Jakur II", das erste Schiff, das von der "Evertsen" eskortiert wurde, war zuvor bereits dreimal überfallen worden. Entsprechend dankbar war die Besatzung für den Schutz. Die Matrosen jubelten und umarmten die Mitglieder der "special forces", als diese aufs Schiff kamen.

In der vorvergangenen Woche war es die "Fadhil Rabi", die mit Unterstützung der Niederländer 2500 Tonnen Bohnen, Speiseöl und Medikamente nach Mogadischu brachte.

Ist die Brücke erobert, kann kein Kriegsschiff mehr helfen

Die Amerikaner geben keinen Geleitschutz. Aber auch sie haben inzwischen vor der somalischen Ostküste Aufklärungsschiffe stationiert, die mit Hilfe von Helikoptern und Drohnen versuchen, die Küste und Hinterland, Stützpunkte und Logistik der Piraten auszukundschaften. Doch weder die Greifaktion der Franzosen, bei der die Kidnapper der "Le Ponant" kurz nach der Lösegeldübergabe an Land geschnappt und nach Paris gebracht wurden, noch die Parade der westlichen Kriegsschiffe haben die Piraten bisher nachhaltig beeindruckt.

Die "Evertsen" hatte den Hafen von Mogadischu am vorvergangenen Freitag gerade ein paar Stunden verlassen, und auch der US-Zerstörer "Bainbridge" kreuzte nicht weit entfernt, als Piraten 40 Seemeilen vor der Küste den jordanischen Frachter "Victoria" angriffen, die zwölf Seeleute überwältigten und dem Reeder sofort eine Lösegeldforderung übermittelten. Der Frachter war von der dänischen Regierung aus humanitären Gründen gechartert worden und hatte in Indien 4200 Tonnen Zucker geladen, den er in Mogadischu löschen wollte. Auch für die "Victoria" war es bereits der zweite Überfall.

Offensichtlich wissen die Piraten genau: Haben sie ihr Zielobjekt erst einmal in ihrer Gewalt, kann kein Kriegsschiff mehr helfen, und auch der niederländische Kommandant der "Evertsen", Rob Kramer, bestätigt: "Wir müssen vorher da sein. Sind die Piraten erst einmal auf der Brücke, ist es ganz schwierig, das Schiff zu befreien, ohne das Leben der Besatzung zu riskieren." Die "Evertsen", bereits auf dem Weg zurück nach Mombasa, machte jedenfalls prompt kehrt, als sie von der Attacke auf die "Victoria" erfuhr. Sie nahm ein weiteres Schiff unter ihren Schutz, das ebenfalls auf dem Weg nach Mombasa war, um dort WFP-Lebensmittel für Mogadischu zu laden.

Nur wer den Schutz der somalischen Clans genießt, ist sicher

Ganz offensichtlich spielen die somalischen Clans, die das Land mit ihren Streitigkeiten seit nunmehr 17 Jahren zugrunde richten, auch beim Piratengeschäft eine entscheidende Rolle.

Ohne Strukturen und Unterstützung der Clans hätten die Piraten keine logistische Basis, kein soziales Umfeld und auch kein Management für die heiklen Lösegeldzahlungen. Das Geld wird meistens an Mittelsmänner bar in Mogadischu übergeben. So erbittert sie sich in Mogadischu und in Teilen des Landesinneren bekämpfen, ihre Seeterritorien, so scheint es, haben sich die Clans friedlich aufgeteilt.

Die "Fadhil Rabi" etwa, die einem somalischen Eigner gehört, bewegt sich südlich von Mogadischu immer eng an der Küste. Da hat sie nichts zu befürchten. "Da sind wir sicher", sagt Kapitän Abdullah Kulmigi.

Warum, sagt er nicht, aber ganz offensichtlich glaubt er dort an den Schutz des eigenen Clans. Bei Routen nördlich von Mogadischu fährt er sein Schiff weit aufs Meer hinaus, um potentiellen Piraten eine Attacke möglichst zu erschweren. Nördlich von Mogadischu regiert ein anderer Clan die Küste.

Dort beginnt auch für Captain Kulmigi die Zone der Angst.