Polen über Ratzinger "Er scheint so lieb zu sein"
Warschau - Noch am Dienstagabend sind die Krakauer Studenten zu Tausenden vor den Erzbischofspalast gezogen. Vor dem Fenster, von dem aus Johannes Paul II. einst zu den Jugendlichen sprach, haben sie dem neuem Kirchenoberhaupt zugejubelt und ihn sofort per Brief nach Krakau eingeladen. Sie schreiben, der neue Papst könne sich ihrer Gebete sicher sein.
"Ein Freund der Polen", titelte die Boulevardzeitung "Fakt" am Mittwoch. Die Kommentare in den polnischen Medien sind einhellig positiv - ein langjähriger Wegbegleiter des verstorbenen Papstes muss einfach ein guter Mann sein. Anders als teilweise in Deutschland wird Benedikt XVI. als liebevoller, menschlicher Papst beschrieben. Einer, der gerne im Gebirge wandert, warmherzig lächelt, Tiere und süße Pfannkuchen liebt. So berichtet der "Super Express" auf seiner Titelseite.
"Er scheint so lieb zu sein"
Mehrere hundert Gläubige kamen am Mittwochnachmittag in die Warschauer Kirche St. Anna. Priester Bogdan Bartold feiert eine Messe für den neuen Pontifex. Im Gang knien Menschen, die in den langen Bankreihen keinen Platz mehr gefunden haben. "Ich freue mich, dass ein Freund Johannes Pauls II. gewählt worden ist", sagt eine Studentin. In seinen Augen habe sie nur Güte und Wärme gesehen. "Er ist ein demütiger Mann", erklärt eine ältere Dame. "Die Predigt, die er für unseren verstorbenen Papst gehalten hat, zeigt sein gutes Herz." Eine 20-Jährige kommentiert schlicht: "Er scheint so lieb zu sein".
Gerade bei den Jugendlichen ist Benedikt XVI. jetzt schon beliebt. "Gleich nach der Wahl hat mich eine Gruppe junger Studenten angerufen und gesagt, ich müsse unbedingt eine Messe für den neuen Papst lesen", schildert Bartold. Abends um neun war sein Gotteshaus überfüllt. Auch Marek Kuczynski vom Katholischen Jugendverband ist enthusiastisch: "Ratzinger ist die beste Wahl."
Johannes Paul II. habe Osteuropa vom Kommunismus befreit, der Deutsche könne Westeuropa nun eine andere Art der Freiheit bringen. "Die Freiheit vom Materialismus und Relativismus", hofft Kuczynski. Die polnische Jugend betrachtet Benedikt XVI. als "Bewahrer" im besten Sinne: "Die Kirche ist keine Partei, die sich nach Umfragewerten und Modetrends richtet. Sie bleibt ihren Werten treu und das finden wir richtig", sagt der Jugendvertreter.
Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen?
Die Ankündigung Ratzingers, den Weltjugendtag in Köln zu besuchen, wird in Polen als positives Signal gedeutet, dass er auch in diesem Bereich die Linie des verstorbenen Papstes fortsetzen will. Viele Jugendliche wollen das Treffen im Nachbarland besuchen. "Ich bin mir sicher, dass das die Beziehungen zwischen jungen Deutschen und Polen stärken wird", so Kuczynski. "Das neue Pontifikat kann uns vielleicht stärker zusammenführen als jede intellektuelle Auseinandersetzung."
44 Prozent der Polen sind einer aktuellen Umfrage zufolge davon überzeugt, dass die Wahl Ratzingers die deutsch-polnischen Beziehungen verbessern wird. Präsident Aleksander Kwasniewski schrieb in seinem Glückwunschtelegramm: "Mit Vertrauen und Hoffnung erleben wir die Wahl eines Vertreters des deutschen Volks, mit dem wir eine historische Versöhnung erreicht haben, zum Oberhaupt der Kirche."
Krzysztof Tomasik von der Katholischen Presseagentur hat auch ungewöhnlich viele positive Stimmen aus der Kriegsgeneration gehört: "Zum ersten Mal kam nicht der Satz: Er ist eigentlich ganz gut, aber leider ein Deutscher." Benedikt XVI. habe die Kraft, die Aussöhnung weiter voran zu treiben. "Vielleicht wird dieser Umstand einmal historisch interpretiert werden, dass dem polnischen Pontifikat nun ein deutsches folgt."
Als Kardinal hat Ratzinger Polen mehrmals besucht. "Auch die Bischöfe haben gute Erfahrungen mit ihm", so Tomasik. In den Zeitungen sind Fotos von 1981 abgedruckt. Ratzinger hatte damals in München für die Opfer des Kriegsrechts gebetet, das haben die Polen ihm nicht vergessen. Der ehemalige Widerstandsführer Lech Walesa hat seine Wahl mit warmen Worten begrüßt und ihn zum 25. Jahrestag der Solidarnosc im August eingeladen.
Polen zufrieden mit konservativer Linie
Mit den bisherigen Entscheidungen Ratzingers als Präfekt der Glaubenskongregation können die Polen gut leben. Die Schwulen-Ehe, weibliche Priester oder eine Lockerung des Zölibats gelten in dem Land, in dem 95 Prozent der Bevölkerung katholisch sind, als indiskutabel. "Solche Verwerfungen wie in Deutschland gibt es bei uns gar nicht", sagt der katholische Journalist Tomasik. Auch Johannes Paul II. galt in seiner Heimat eher als liberaler Kirchenpolitiker.
"Das wird kein konservatives Pontifikat. Ratzinger hat Erfahrungen mit Protestanten und denkt über die katholische Kirche hinaus", sagt der Germanist Adam Krzeminski, ein Experte für deutsch-polnische Beziehungen. "Wojtyla wurde dank der deutschen Kardinäle gewählt, dafür stößt Papst Benedikt XVI. jetzt auf breite Akzeptanz in Polen."
Einziger Stolperstein könne die Urangst seiner Landsleute vor einer deutsch-russischen Verbrüderung sein. Polnische Medien haben den russischen Theologen Andrej Kurajew ausführlich zitiert, der sich vom neuen Pontifikat eine Schwächung der Missionarstätigkeit in seinem Land verspricht. Sein Argument: Die Deutschen wollen den Schaden, den sie dem russischen Volk angetan haben, kompensieren, während die polnischen Katholiken Russland noch immer mit Aggressionen assoziierten.
"Die Polen könnten befürchten, dass nach dem Triumph Johannes Pauls II. über den sowjetischen Kommunismus wieder irgendwelche Vereinbarungen zwischen Russland und Deutschland - über polnische Köpfe hinweg -getroffen werden. Dieser Eindruck sollte jetzt nicht entstehen", warnt Krzeminski.