Pommersche Eiszeit - DER SPIEGEL
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Pommersche Eiszeit

Erst verschwanden in Demmin die Jobs. Dann die Steine.
• aus DER SPIEGEL 14/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nee, in die Fahndung kann ich den nicht setzen«, sagt Polizeihauptkommissar Lengsfeld. »Dazu müsste der identifizierbar sein. Irgendeine Nummer haben.« Er macht eine Pause. Auf der Clara-Zetkin-Straße rauscht der Verkehr. Dann sagt er: »So ein Findling trägt aber keine Nummer.«

Ganz davon abgesehen, dass niemand Anzeige wegen Diebstahls erstattet habe. Und im Strafgesetzbuch sei das Entfernen von Naturdenkmälern nicht aufgeführt. Auch wenn sie 21 Tonnen wiegen. »Juristisch ist das ein Bagatelldelikt«, sagt der Kommissar. »Also nee, ich habe echt keine Ahnung. Für mich ist der weg.«

Es ist schon lange her, da lag Vorpommern unterm Eis. Der Gletscher war von Småland in Schweden herübergewachsen und hatte Granitbrocken vor sich hergeschoben. Als es wieder wärmer wurde, bildeten sich Risse im Eis. Die eingeschlossenen Granitsteine sanken zu Boden, und das Schmelzwasser wusch Flussbetten aus. So entstand Demmin.

Nordöstlich vom Kummerower See. Wo sich drei Flüsse treffen, wo die Moore mehrere Meter tief sind, wo das Land flach gehobelt ist vom Eis und reich nur an Smålander Granitsteinen. Kraftfahrzeug-Kennzeichen DM. Aber ansonsten wenig Grund zu Optimismus. Die Arbeitslosenquote ist die höchste im Lande, 30,1 Prozent, nicht gezählt ABM und Fortbildungskurse. Was kümmern einen da Steine?

Das Arbeitsamt und das Kreis-Umweltamt teilen sich den Flur. Manchmal verlaufen sich die Leute und klopfen an die Tür von Mike Hartmann. Doch der ist nur für Naturdenkmäler zuständig, nicht für Menschen. »Natürlich hatte der Findling eine Nummer«, sagt Hartmann und tippt auf eine Liste. »Hier: Messtischblatt 2144, Koordinaten R 45 70 100 und H 59 64 570. Stand im 'Kreisanzeiger'. Dummerweise.«

Mike Hartmann gehört zu den wenigen Menschen in Demmin, denen der verschwundene Findling wirklich fehlt. Forstwirtschaft hat er gelernt, aber lieben tut er die Steine. Deswegen ist er auch Mitglied der Hamburger »Gesellschaft für Geschiebekunde« geworden und kennt die »Berechnungsformel für das Volumen von Findlingen« auswendig: »Höhe, Breite, Tiefe mal 0,523.«

Eigentlich wollte Hartmann nur ein aktuelleres Foto des Findlings machen und den Umfang nachmessen, als er vor ein paar Wochen zur Johannenhöher Kiesgrube ging. Die stillgelegte Grube ist von der Straße nicht einsehbar. Sie ist geschützt durch einen »Os«, einen eiszeitlichen Wallberg aus Geschiebemergel, der inzwischen mit Erlenbruchwald bewachsen ist. »Zuerst dachte ich, es sei vielleicht der falsche Os. Ich schaute überall, aber da war kein Findling mehr. Nichts! Nur noch das leere Kiesbett. Da muss jemand mit schwerem Gerät gekommen sein.«

Mit Autokran und Kieslaster. Oder einem Tieflader. Hoch hieven, Plane drüber und weg. Der Findling hatte leicht angekippt gelegen und war unschwer mit einer Trosse zu belegen. »Vielleicht ist es ein Fehler gewesen«, sagt Hartmann, »die Koordinaten unserer geschützten Findlinge im ,Kreisanzeiger' zu veröffentlichen. Vielleicht hat sich jemand gezielt den abgelegensten Stein rausgesucht. Das muss ein Profi gewesen sein. Wer sich nur privat für große Steine interessiert, der treibt so einen Aufwand nicht.«

Früher hat man in Vorpommern Kopfsteinpflaster aus den Findlingen geschlagen. Und Kriegerdenkmäler. Heute ist die Nachfrage eher gering. Nur gestorben wird immer. Deswegen fürchtet das Umweltamt Demmin, der Granitbrocken könnte zu Grabsteinen verarbeitet werden. In Scheiben geschnitten wäre der Findling gut und gern 10 000 Euro wert.

Aber wer tut so etwas? Kamen die von jenseits der Grenze?"Nein«, sagt Hartmann. »In Hinterpommern haben die genug Steine. Das wäre ein Unding, aus Polen hierher zu kommen, um Findlinge zu klauen.« Eher schon aus der anderen Richtung, aus Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Holland: »Je weiter südlich man geht, desto mehr ist ein Findling wert.«

Ja, sagt Hartmann, es sei schon eine Enttäuschung gewesen. »Wir wollten auch auf Geo-Tourismus setzen in Demmin. Damit ein bisschen Geld ins Land kommt.« Die Jungen fliehen die Gegend. Ein Viertel seiner Einwohner hat die Stadt verloren seit der Wende. Was macht da ein Stein?

Die Leute würden leider zu vieles einfach hinnehmen, sagt Hartmann und erzählt von einem der Wahrzeichen der Stadt, dem bronzenen Ziegenbock auf dem Dach der früheren »Demminer Bockbrauerei«. »Der ist vor drei Jahren vom Firstsockel runter gestohlen worden, mitten in der Stadt. Nie wieder aufgetaucht. Hat sich keiner drüber aufgeregt.« So sei das in Mecklenburg-Vorpommern: »Das Gemüt ist ruhiger. Hier muss man schon eine Kirche stehlen, damit die Leute das merken.«

Damit die Leute im Land bleiben, müsste ihnen gesagt werden, wo sie leben und was sie der Eiszeit alles verdanken in Vorpommern. Eigentlich alles: die Kies- und Sandgruben, den schweren Lehmboden für die Bauern, die Moore und die Seen. »Das ist nicht nur so ein Stein«, sagt Mike Hartmann. »Das ist Heimat.« ALEXANDER SMOLTCZYK

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