Pontius und Pilati - DER SPIEGEL
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DIENSTREISEN Pontius und Pilati

Verteidigungsminister Rudolf Scharpings Tour in den Nahen Osten mit seiner neuen Lebensgefährtin sorgte mancherorts für Belustigung.
Von Jürgen Hogrefe und Alexander Szandar
• aus DER SPIEGEL 2/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Reise ins Heilige Land, die ihren Höhepunkt mit einem Besuch der Geburtskirche Christi in Betlehem finden sollte, stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Noch bevor Rudolf Scharping am 17. Dezember zunächst gen Ägypten aufbrach, bat Paul Freiherr von Maltzahn, Deutschlands Botschafter am Nil, seine Dienstvorgesetzten um Beistand.

Der geplante dreitägige Aufenthalt des Verteidigungsministers, kurz nach einer Visite des Kanzlers, »lässt hier Fragen nach dem Besuchszweck aufkommen«, kabelte Maltzahn ins Auswärtige Amt nach Berlin. Für eine »Sprachregelung und sonstige Informationen« über den eigentlichen Gehalt der Reise des Ministers wäre er »außerordentlich dankbar«. Der Freiherr riet, in Kairo »aufkeimende Erwartungen zu dämpfen«.

Was auch immer da keimte - Fernsehzuschauer daheim sahen kurz vor Weihnachten eine kreuzfidele deutsche Reisegesellschaft um einen ungewöhnlich gelösten Rudolf Scharping - mal vor den Pyramiden von Gizeh, mal in Luxor am Nil. Zeitungen berichteten von rauschenden Banketten mit süßem Gebäck und noch süßeren Töchtern des Landes, die heimische Folklore darboten. »Dienst- oder Lustreise?«, wollte prompt die »Bild«-Zeitung wissen, wie stets um politischen Anstand besorgt.

Zu der Vermutung, Scharping habe auf seiner Reise womöglich mehr Spaß gehabt als erlaubt, trug erheblich bei, dass der Minister nicht allein reiste. Ihm stets hautnah zur Seite, Nil-auf, Nil-ab, war die aparte Kristina Gräfin Pilati-Borggreve, Scharpings neue Flamme. Auch die Herren aus seiner unmittelbaren Umgebung - zwei Generäle und zwei Obersten - hatten ihre Damen dabei.

Scharping, ministeriumsintern inzwischen als »Pontius Pilati« bekannt, wusch seine Hände in Unschuld. Es hätten die Ägypter auf Damenbegleitung gedrängt, so hätten auch die Gastgeber ihre Frauen nicht zu Hause lassen müssen. Eine ungewöhnliche Begründung, denn in islamischen Ländern speisen Männer und Frauen traditionell eher getrennt. Schon plau-

sibler klang Scharpings Hinweis: »So ist das angenehmer - für mich auch.«

Doch außer Scharping wurde kaum jemand glücklich. Die Fotos mit Kamel und Damen vor Pyramiden »machen alles kaputt«, stöhnten seine Berater. Die mitreisenden Journalisten hätten »sich immer bloß auf die Gräfin gestürzt«, statt Scharpings hoch politische Begegnungen mit Präsident Husni Mubarak, dem Chef der Arabischen Liga Ismal Abd el-Magid und anderen Notabeln Ägyptens zu würdigen.

Noch schlimmer kam es danach in Israel und Palästina. Kaum jemand interessierte sich für Scharpings Staatsgespräche mit Premier Ehud Barak und Präsident Mosche Kazaw. Auch ein hoch dramatisches Treffen mit PLO-Chef Jassir Arafat in Gaza und anschließender Unterrichtung von Barak in Jerusalem nahm kaum jemand zur Kenntnis. Dabei habe Scharping dem Palästinenser die Kürzung der finanziellen Hilfe angedroht, sollte sich Arafat der Friedenssuche weiterhin verschließen, verrieten Teilnehmer hinterher.

Vergrätzt registrierte Scharping, dass seine privaten Pläne weit mehr Aufmerksamkeit fanden. Während der Tross nach Deutschland zurückkehrte, wollte der Minister Weihnachten in privater Zweisamkeit mit der Gräfin Pilati in Betlehem verbringen, einem Zentrum des palästinensischen Widerstands. Das verbot sich aus Sicherheitsgründen. Also verturtelte das Traumpaar Weihnachten in Eilat am Roten Meer.

Es half nicht, dass Scharping versicherte, er wolle auch vom Hotelzimmer am Roten Meer aus weiter wichtige Gespräche führen. »Ich habe große Zweifel«, hielt ein Fischer-Diplomat in Israel per Vermerk fest, »ob vor diesem Hintergrund die ausgegebene Sprachregelung des BMVg sinnvoll ist und durchgehalten werden kann.«

Endgültig Hohn und Spott in Berlin erntete Scharping mit der Beteuerung, er handele selbst im Badeurlaub keineswegs auf eigene Faust, sondern »im Auftrag des Kanzlers«. »Außenpolitische Aufträge werden an andere vergeben«, lästerte darob ein ranghoher Diplomat in Berlin. Der Verteidigungsminister habe wohl eine »etwas gedehnte Vorstellung von einem Kanzler-Auftrag«, fand ein anderer. »Wir sind beeindruckt von den Ergebnissen der Reise«, ließ Außenminister Joschka Fischer höhnisch erklären.

Dabei hatte sich Scharping tatsächlich vor und während der Reise mit Gerhard Schröder abgestimmt. Das wusste auch Fischer. Wenige Tage vor dem Trip hatten sich Scharping und Fischer mit Beratern zum Frühstück getroffen. »Ich finde die Reise nicht so wichtig«, sagte Fischer schnippisch. »Da solltest du aber mal den Gerd fragen«, entgegnete Scharping beleidigt. Die frostige Frühmahlzeit war schnell und wortkarg beendet. Vergebens versuchte Scharping später, den Kollegen aus dem Nahen Osten anzurufen. Für den Verteidigungsminister war Fischer nicht zu sprechen.

JÜRGEN HOGREFE,

ALEXANDER SZANDAR

* Am 22. Dezember vergangenen Jahres in Gaza.

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