Posträuber Biggs: Montag in der Heimat? - DER SPIEGEL
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Posträuber Biggs Montag in der Heimat?

Zugräuber Ronald Biggs wird am Montagmorgen in London erwartet. Ob er wirklich freiwillig geht, ist inzwischen unklar.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

London/Rio de Janeiro - Die britische Boulevardzeitung "Sun" will Biggs mit einem eigens gecharterten Flugzeug in seine Heimat zurückholen. "Wenn alles nach Plan läuft, wird Ronnie Biggs binnen einer Woche Scotland Yard übergeben", erklärte ein Sprecher der Zeitung. Das Flugzeug war am Samstag in Rio de Janeiro eingetroffen. Laut "Sun" war Bruce Reynolds mit an Bord, der 1963 zusammen mit Biggs den Postzug von London nach Glasgow überfiel.

Sein Anwalt wollte Biggs' Rückkehr nach 35 Jahren Flucht in letzter Sekunde verhindern. "Er wird entführt und ahnt es nicht, weil er sehr krank ist", sagte Anwalt Wellington Mousinho Lins. Er wolle bei der Justiz einen Antrag stellen, damit der Abflug so lange verzögert werde, bis Biggs' Geisteszustand von einer Ärztekommission ermittelt sei.

Nach Angaben der brasilianischen Bundespolizei war der Abflug von Biggs aus Rio für Sonntag 16.00 Uhr (21.00 Uhr MESZ) eingeplant. Biggs solle eine Erklärung unterschreiben, er verlasse Brasilien freiwillig, hieß es.

Lins warf der "Sun" und Scotland Yard vor, im Rahmen "einer großen und sehr teuren Werbeaktion gemeinsam eine Falle" für Biggs gestellt zu haben. "Ich weiß, dass mein Mandant einen Pass und eine Abreiseerlaubnis hat, aber er ahnt nicht, dass er nach der Ankunft in London verhaftet wird."

Biggs "ist noch immer ein gesuchter Verbrecher", sagte am Sonntag ein Sprecher von Scotland Yard. "The Mail on Sunday" berichtete allerdings unter Berufung auf Biggs' Ex-Freundin Raimunda Rothen (53), er habe eine geheime Absprache mit den britischen Justizbehörden getroffen: Demnach kommt er nach einem halben Jahr Haft vorzeitig frei.

Schwer angeschlagen

Über den Zustand von Biggs, der nach drei Schlaganfällen kaum noch gehen und sprechen kann, wurde auch in London spekuliert. Die BBC berichtete, der Flug müsse Gerüchten zufolge möglicherweise verschoben werden, weil es dem schwer kranken Biggs im Moment zu schlecht gehe. Die Aufregung der vergangenen Tage habe ihn sehr erschöpft. Der britische Außenminister Robin Cook hatte am Freitag dafür gesorgt, dass Biggs in aller Eile ein Pass für den Flug ausgestellt wurde.

Nach einem Bericht des "Observer" vom Sonntag ist der einstige Millionenräuber pleite. In Rio wurde ihm demnach schon vorübergehend das Telefon abgestellt. Auch seine Medikamente könne er nicht mehr bezahlen. Deshalb habe er sich jetzt zur Heimkehr entschlossen. Sein Sohn Michael (26) werde außerdem über 300.000 Mark von der Zeitung "Sun" bekommen, die sich dafür die Exklusivrechte gesichert habe.

Ronald Biggs hatte am 8. August 1963 bei einem Überfall mit 16 Komplizen 2,6 Millionen Pfund erbeutet. Dies entsprach damals 31 Millionen Mark, nach heutiger Kaufkraft jedoch fast 100 Millionen Mark. 1965 floh er aus einem Gefängnis im Süden Londons, nachdem er 15 Monate seiner 30-jährigen Haftstrafe verbüßt hatte. Er zog mit seiner Frau Charmaine und seinen zwei Söhnen zunächst nach Spanien, wo er mit einer Operation sein Aussehen veränderte. Später ging er nach Australien und zog 1970 nach Brasilien.

Mehrere Auslieferungsanträge Großbritanniens scheiterten am Obersten Gerichtshof Brasiliens. 1981 entführte eine Gruppe von Abenteurern Biggs nach Barbados. Aber auch dort wies ein Gericht ein britisches Auslieferungsgesuch ab. 1994 veröffentlichte der Posträuber seine Autobiografie.