Praktische Ausländerpolitik Lehrstunden in Eberswalde
Eberswalde - Sie hatten in einer Discothek getanzt und gefeiert, aber dann auf dem nächtlichen Nachhauseweg geschah es. Der fröhlichen Gruppe aus acht Angolanern und Mosambikanern lauerten bis zu 50 Jugendliche aus der rechten Skinhead- und Heavy-Metal-Szene auf, droschen, traten und stachen auf sie ein. Am Ende war der 28-jährige Angolaner Antonio Amadeu tot.
Das war Ende November 1990 im brandenburgischen Eberswalde-Finow, publik wurde die grausame Menschenjagd aber erst Wochen später. Bis heute wird die Stadt oft in einem Atemzug mit Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda genannt. Orte, die im Osten zu Symbolstätten von Rechtsradikalismus und Intoleranz wurden.
Dieses Etikett versuchen seit einigen Jahren Schüler und Lehrer in Eberswalde-Finow mit einer einzigartigen Initiative abzuschütteln: der Schulpartnerschaft mit dem Straßenkinderzentrum "Alegria" in Luanda, der Hauptstadt Angolas. Bis zu 1200 Straßenkinder werden dort von Angolas methodistischer Kirche betreut.
Schüler und Lehrer aus Eberswalde luden neun Jugendliche und drei Betreuer aus Luanda für 14 Tage ein und bauten eine Freundschaft, die Spuren hinterließ. Den Eingang des Gymnasiums Finow zieren nun Zeichen der Freundschaft mit den Fremden: Frische Handabdrücke von dem Dutzend junger Gäste aus Luanda, die sich dort nach ihrem Gastaufenthalt verewigten. Die Überschrift: "Wir sind zwei Völker, sprechen zwei Sprachen, aber sind im Herzen Gottes vereint".
In Eberswalde geht der Eifer vom Schuldirektor, einer Handvoll begeisterter Lehrer und einer Schülergruppe aus, die sich dort seit vier Jahren in einer AG "Multikulturelle Interessen" engagieren. SPIEGEL ONLINE berichtete über die Anfänge des Projekts. Bereits im vergangenen Jahr sammelten die Eberswalder Gelder, um zunächst in einer kleinen Gruppe nach Luanda zu reisen. Dabei wurden sie von mehreren Entwicklungshilfeträgern wie Oikos - eine Welt aus Berlin und der Antonio-Amadeu-Stiftung für mehr Toleranz unterstützt, außerdem von lokalen Spendern.
Schulpartnerschaft im Bürgerkrieg
Als ihr Projekt startete, herrschte noch Bürgerkrieg in Angola. Staatliche Stellen kooperierten nicht, Fingerspitzengefühl und gelegentlich kleine Bestechungsgelder waren gefragt. Heute ist der Bürgerkrieg zwar beendet, aber die Bedingungen vor Ort sind eher schlechter geworden. In der Schule in Luanda fehlen Milch, warme Mahlzeiten, aber auch praktische Dinge wie Papier. Die Kommunikation ist schwierig, Telefon gibt es nicht und nur jeder zweite Brief kommt an. So häuften sich die Probleme, den Austausch überhaupt fortzuführen.
Um so mehr freuten sich die angolanischen Gäste, dass Ende August ihre Reise nach Eberswalde zu Stande kam. In der gemeinhin als ausländerfeindlich verrufenen Kleinstadt wurden sie so freundlich empfangen, "als wären wir Präsidenten", blickt Armenia, die Leiterin der Gruppe, zurück. Fast die gesamte Schüler- und Lehrerschaft hatte "Feuer gefangen" und stand applaudierend Spalier, als die Angolaner das Schulgelände in Eberswalde-Finow betraten.
Auf einer Schautafel in den Gängen der Schule wurde öffentlich über die Lebensläufe der Besucher informiert, beispielsweise über den Kriegsflüchtling Miguel, der jetzt als 17-jähriger in Luanda die siebte Klasse besucht, über den 16 jährigen José, den sein Stiefvater aus dem Haus geworfen hat, oder über die 19-jährige Julia, die sich schon als Kind als Prostituierte Geld verdienen musste. Sie alle verfolgen nun ehrgeizige Berufsziele: Journalist, Ingenieur oder Lehrer wollen sie werden.
Risiko Kulturschock
In Eberswalde wurde jeder von ihnen im Rahmen einer Patenschaft von einer Schulklasse betreut und nahm dort am Unterreicht teil - ein Schwerpunkt: Informatik. Dies war besonders wichtig, um für die Zukunft die Einrichtung von E-Mail-Konten zu erlernen. Dazwischen gab es zahllose Debatten über die Lage in Angola und die Geschichte der bitter umkämpften Rohstoffe des Landes - soweit die Sprachbarriere überwindbar war. Denn Portugiesisch spricht kein Eberswalder, Deutsch oder Englisch kaum einer der Gäste. Einzig eine junge Dolmetscherin stand zur Verfügung.
Umso mehr wurden Gesten, Gesang und Körpersprache wichtig. Die Angolaner brachten ihren Gastgeber geduldig heimische Rebita-Tänze bei und erhielten dafür Unterricht im Wiener Walzer sowie Skateboardfahren.
Vorsorglich wurde die Gruppe etwas außerhalb von Eberswalde am nahen Grimmnitzsee einquartiert, allerdings weniger aus Furcht vor Ausländerfeindlichkeit, sondern aus ganz anderen praktischen Überlegungen. In der Idylle konnte abends ungestört gemeinsam über alles Erlebte diskutiert werden, um den Kulturschock auf den täglichen Ausflügen besser zu verarbeiten. Denn für fast alle Gäste war dies die erste Auslandsreise überhaupt.
Kopfschütteln über Aussteiger-Punks
Ausflüge führten vom Zimmer des Bürgermeisters bis ins Berliner Büro von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, aber auch in eine Suppenküche und zu einer Schuldnerberatung, um nicht die Schattenseiten dieser Gesellschaft zu übersehen. Dass sie bei einer Begegnung mit Aussteigerpunks auch auf freiwillige Schulverweigerer trafen, machte die Gäste fassungslos. Ist es doch für sie ein ungeheurer Wert, in einem Land mit 50 Prozent Analphabetentum überhaupt Unterricht zu erhalten. "Ich möchte am liebsten hier Mathematik und Physik studieren", sagte der durch eine Kinderlähmung gehbehinderte Muffoa. Dann wolle er als Lehrer bei sich zu Hause aufbauen, "was hier alles so toll funktioniert".
Ein Miniwörterbuch, das er von einem seiner neuen Freunde geschenkt bekam, sei nun sein "Schatz", sagte er zu Tränen gerührt. So wie bei ihm flossen bei nahezu allen am Ende Freuden- und Abschiedstränen. "Ich wollte nicht weinen, aber ich kann nicht anders!", klagte Armenia, die Direktorin der Schule für Straßenkinder in Luanda.
"Wichtig wäre es", meint Schuldirektor Hartmut Mahling, "jetzt dafür zu sorgen, dass dieser Kontakt nicht abbricht und in eine zweite Stufe münden kann". Der engagierte Geografielehrer will "in Luanda praktische Hilfe zur Selbsthilfe anstoßen", so dass dort im Kinderzentrum selbst etwas produziert werden kann, um zu Einnahmen zu kommen.
Auf diese Weise wünsche er sich eine "nachhaltige Partnerschaft", die auch auf Regierungsebenen noch gründlicher geförderter werden müsste - auf beiden Seiten. Aus Brandenburgs Landesregierung konnte allerdings kein Vertreter zu einer Stippvisite in Eberswalde überredet werden, dort gehen Schulpartnerschaften mit dem Nachbarland Polen vor, weil sie billiger sind.
Auch die Presseresonanz blieb mager. Wenn es Zusammenstöße gegeben hätte, wäre überregional sehr viel mehr berichtet worden, ist sich Schulleiter Mahling sicher und findet das "leider sehr peinlich". Denn die Lehren, die seine Schüler zogen, seien Gold wert.
Haltbarer Brückenbau?
So fragte sich Benjamin aus der elften Klasse des Finow-Gymnasiums beim Abschied, "was aus denen wohl wird?". Erstmals habe er die Dimensionen von Armut begriffen und von Menschen erfahren, die sich überhaupt nichts leisten können.
Er wolle sich in Zukunft überlegen, welche Wege es gibt, direkte finanzielle Partnerschaften zu organisieren, die schon mit minimalen Einsatz große Hilfe leisten können. Die Neuntklässlerin Monique hätte am liebsten hätte alle hier behalten "und mit nach Hause genommen". Wer vor der Begegnung noch abschätzig von "den Schwarzen" geredet habe, sei durch die gemeinsame Zeit mit "Menschen wie Du und ich" eines Besseren belehrt worden.
Direktor Mahling ist allerdings bedrückt, dass auf Grund aller widrigen Umstände die Brücke auch schnell wieder einreißen kann: "Ich weiß nicht, wie viele von denen sich je wiedersehen".
Dem will die Studentin Anja Worm, die im vergangenen Jahr bereits mit nach Angola reiste, vorbeugen. Sie lernt derzeit Portugiesisch in der Volkshochschule, um in ein oder zwei Jahren nicht nur als Touristin, sondern als Helferin nach Angola zu gehen.
Wütend sei sie geworden, als sie im Wahlkampf so manche Politikerrede vernahm. Es sei schade, dass solche Politiker "nie zu so etwas kommen würden, um dazuzulernen, wie man Brücken baut, so wie wir".