Prinz Harry
Foto: Harry: The Interview On Itv1 And / dpaSchweigen, aushalten, aussitzen, das waren die Paradedisziplinen der Jahrhundert-Queen Elizabeth II. Ihr Enkel Harry redet nicht nur, er packt aus. Nur ein Vierteljahr nach dem Tod seiner Großmutter, erscheinen unter dem Titel »Reserve« Harrys Memoiren.
So offen wie nie zuvor in der Geschichte der britischen Monarchie berichtete ein Mitglied des Königshauses, wie es hinter Palastmauern zugeht. Harry erzählt, was er als Enkel, Sohn und Bruder in der Royal Family erlebte und erlitt. Gefühlskälte, seelische Grausamkeiten, eine brutale Verfolgung durch die Presse, und unter den Familienmitgliedern der unerbittliche Kampf um Aufmerksamkeit und Relevanz. Die Unverblümtheit, mit der Harry all das beschreibt, ist unerhört. Und aufregend.
Für Royalisten, Historiker und andere Exegeten britischer Geschichte markiert dieses Buch eine Zeitenwende. Nicht aus zweiter oder dritter Hand tröpfeln Details aus dem Dunstkreis der Windsor-Familie nach außen, nein, die Bekenntnisse sprudeln aus erster Quelle, ihr Urheber bekennt sich. Wer will, dem sagt es Harry in der Audiobuchfassung von »Reserve«, die er in der englischen Originalversion (»Spare«) selbst eingelesen hat, auch direkt ins Ohr.
Gemessen an der globalen Hysterie, mit der Harrys Buch erwartet und überall durchgehechelt wurde, bleibt seine Wirkung allerdings überschaubar. Vielmehr erfahren der Prinz und seine Frau Meghan die Kehrseite ihrer medialen Omnipräsenz. Eben scheint die Welt noch gierig nach immer neuen Enthüllungen, schon im nächsten Moment hat sie die Netflix- und Spotify-Selbstentblößungssausen satt, quittiert sie mit Häme. Und welchen Wert haben diese beiden professionellen Selbstvermarkter für die einschlägigen Plattformen eigentlich noch, wenn es nichts mehr zu enthüllen gibt?
Die Windsor-Familie führt mit ihrem verbliebenen Personal derweil die Geschäfte fort, als wäre nichts gewesen. Sichtbar sein, Kindergärten einweihen, nett winken. Und zu privaten Dingen schweigen.