Prinzip Heimat - DER SPIEGEL
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Prinzip Heimat

Der Streit zweier Sachsen - um einen Sauerbraten
• aus DER SPIEGEL 15/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gab Eierflockensuppe, Braten mit Vogtländer Klößen, dazu »Wernesgrüner« Bier, Wein, Schnaps, Musik. Den Tanzsaal hatten Antje Tremel und ihr Freund geschrubbt, Girlanden aufgehängt, es war das Jahr 1992, Silvesterparty im Schützenhaus von Mylau. Die Disco-Kugel glitzerte.

Und die 80 Gäste lachten, tanzten, tranken bis vier Uhr morgens. Nur Antje Tremel, gelernte Restaurantfachfrau, stand in der Küche, schuftete wie nie zuvor und war glücklich. Denn sie war nun die Chefin hier, Pächterin vom Schützenhaus, Rotschauer Straße 2.

24 Jahre jung damals, blond, schmal, optimistisch, für Antje Tremel begann ein neues Leben.

Mylau liegt im Vogtland, 3146 Einwohner, kein Bahnhof, dafür eine winzige Burg; nach Zwickau fährt man eine halbe Stunde. Wer nach der Wende jung war und blieb, galt als doof oder stur. Doof ist Antje Tremel nicht. »Wir Vogtländer«, sagt sie, »sind ein dickköpfiges Bergvolk - und zänkisch.« Sie lacht.

Als sie ihr Schützenhaus übernahm, war es eine Provinz-Disco. Antje Tremel hängte Häkelgardinen auf, stellte Plastikrosen auf die Tische und setzte auf Kochkunst und Phantasie.

Krokodilsteak für 11 Euro, Straußenfilet für 9,80, Kaninchenkeule, Rotbarsch, Sauerbraten, mehr als 100 Gerichte stehen auf der Speisekarte. Doch das Geschäft läuft inzwischen immer schlechter, ihre Hilfsköchin musste Tremel vor ein paar Wochen entlassen. Ans Aufgeben und Abhauen aber denkt sie auch heute nicht. Mylau ist ihre Heimat, und die lässt sie sich nicht mies machen, nicht vom schlechten Geschäft und erst recht nicht von Ostlern, die damals weggegangen sind und sich nun als Superwessis aufspielen.

12. August 2001, Antje Tremel steht am Herd, als die Kellnerin in die Küche stürzt: »Da will so ein Gast seinen Sauerbraten nicht zahlen.«

Der Gast ist Mike Loos, 32, Restaurantfachmann wie Antje Tremel, aus ihrer Gegend, aus Zwickau, aber seit zehn Jahren in Münster lebend. Ein Ex-Ossi.

»Die Sauce«, belehrt Loos die Wirtin, »ist mehlig, zu hell und schmeckt nach Schwein.« Loos hatte seine Eltern eingeladen, die sind zufrieden. Er gar nicht. »Den Rest der Zeche zahle ich gern, aber nicht die 13,80 Mark!«

Loos sitzt, Antje Tremel steht, im Restaurant ist es still. Alle Gäste gucken. Natürlich könnte sie einlenken, aber da grinst dieser Kerl, selbstgefällig, kalt. »Mein Sauerbraten ist tipptopp«, sagt sie heiser.

»Ist er nicht«, sagt er.

Ein dickköpfiges, zänkisches Bergvolk sind die Vogtländer; die Gäste haben ihre Show.

Antje Tremel ruft ihren Freund Frank. Der kommt, kräftige Bizeps unterm Muskel-Shirt, und spricht drohende Worte. Loos bleibt stur: »Was haben Sie denn hier zu melden?« Tremel holt die Polizei, der Beamte, etwas hilflos, rät ihr, die 13,80 Mark von der Rechnung zu streichen und später einzuklagen. Am Abend ruft sie ihren Anwalt an. Sauerbraten-Alarm.

Rechtsanwalt Thomas Neumann ist gebürtiger Rheinländer, lebt aber seit zehn Jahren im Vogtländer Exil. Den hiesigen Sauerbraten verschmäht er, doch die Empörung seiner Mandantin kann er verstehen. Ihr Braten sei vorschriftsmäßig »nach mittlerer Art und Güte« bereitet gewesen, schreibt er in der Klageschrift; nun stehe der Ruf des Hauses auf dem Spiel. Und natürlich gehe es nicht um die 13,80 Mark »es geht ums Prinzip«.

Natürlich. Es geht um das Prinzip Heimat.

Loos, im fernen Münster, versteht die Welt nicht mehr, als er die per Einschreiben zugesandte Klageschrift studiert. Fast hätte er nachgegeben, die läppische Summe überwiesen, doch da sieht er den letzten Passus: »Die Erfüllung der Geldverbindlichkeit ist in diesem Fall an dem Ort zu erbringen, an dem die Hauptleistung, die Bewirtung, erbracht worden ist.« Im Klartext: Loos soll 487 Kilometer reisen, um 13,80 Mark nachzuzahlen. Er nimmt sich gleichfalls einen Anwalt.

Klage, Erwiderung, Replik, Duplik - vier Mal gehen die Schriftsätze hin und her. »Ganz blässlich« sei der Rotkohl gewesen, moniert Münster. Die hellviolette Färbung, kommt es zurück aus Mylau, sei typisch bei frischer, jung geernteter Ware. Tremel beschreibt haargenau, wie sie Sauerbraten und Beilage bereitet hat; Loos weiß es besser: Nur eine Zwiebel! Viel zu wenig, um vier Rotkohlköpfe zu würzen.

Im November, die erste Verhandlung, Amtsgericht Auerbach: Von Loos' Seite ist niemand gekommen, die Anwältin hat den Termin verschlampt. Also soll Loos zahlen, entscheidet der Richter. Tremel jubelt, Loos legt Berufung ein.

Zweiter Anlauf, im März 2002. Loos reist aus Münster an, seine Eltern sind da, Anwälte, Gegenzeugen. Nur der Sauerbraten-Sachverständige fehlt. Für ihn hätte Antje Tremel 306 Euro überweisen müssen. Aber ihr Freund Frank, der Mann mit dem Muskel-Shirt, hat das Überweisungsformular falsch ausgefüllt. Verhandlung vertagt.

Inzwischen haben RTL und ProSieben die Ost-West-Posse entdeckt, RTL lässt die Kontrahenten gegeneinander kochen. In der Sendung »Punkt 12« werden die eingeschickten Sauerbraten-Proben von einem Fachmann beurteilt. Ergebnis: fades Zeug, alle beide, »so schmeckt kein Rheinischer Sauerbraten«.

Anwalts- und Prozesskosten haben sich auf rund 1200 Euro summiert, das 170fache dessen, was ein Sauerbraten im Schützenhaus kostet. Mike Loos, der Ex-Ossi, hat eine Rechtsschutzversicherung, Antje Tremel nicht, sie schläft schlecht, neuerdings.

Die nächste Verhandlung ist am 29. Mai. DELA KIENLE

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