Profischwimmer in Lebensgefahr: Der Sandmann - DER SPIEGEL
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Jakub Maly: "Die Situation war extrem bedrohlich"

Foto: AP/ Broward Sheriffís Office

Profischwimmer in Lebensgefahr Der Sandmann

Es war der bedrohlichste Moment seines Lebens: Der österreichische Profischwimmer Jakub Maly buddelte am Pompano Beach in Florida ein zwei Meter tiefes Loch. Als er hineinkletterte, stürzte es ein, Sand begrub den 19-Jährigen. Geschichte einer außergewöhnlichen Rettung.
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Zum Frühstück um sieben Uhr löffelt Jakub Maly eine Schüssel Cornflakes. So wie er sie mag, mit viel Milch. Es ist der letzte Tag nach drei Wochen Trainingslager in Fort Lauderdale in Florida. Maly ist seinem Ziel, bei den Olympischen Spielen 2012 und 2016 teilzunehmen, wieder einen Schritt näher gerückt. Er hat sich der Schinderei voller Leidenschaft hingegeben. Noch zwei Einheiten, dann ein letztes Mal am Strand chillen. Die Sonne brennt vom Himmel.

Es ist der ruhige Beginn eines Tages, von dem Maly heute sagt: "Es war der bislang schlimmste Tag in meinem Leben."

Am späten Nachmittag der Schlusspfiff von Trainer Walter Bär. Maly, ein ehrgeiziger Schwimmer, steigt nicht in den Bus. Freiwillig läuft er die fünf Kilometer vom Schwimmbad zum Hotel. Für seinen Trainer gehört der Gymnasiast aus dem Burgenland zu den begabtesten Schwimmern Österreichs. Im vergangenen Jahr nahm er an den Olympischen Jugendspielen in Singapur teil. Im Juli soll er bei der Weltmeisterschaft in Shanghai an den Start gehen.

Maly, ein gebürtiger Tscheche, ist vernünftig. Er hält sich an das strikte Alkoholverbot, lehnt Zigaretten und Drogen rigoros ab. Er sei hart im Nehmen, sagt sein Trainer. Sein Ehrgeiz mache ihn manchmal unverwundbar. Als er sich einmal den Mittelhandknochen brach, stieg er trotzdem jeden Tag ins Wasser, malträtierte seinen Körper, ignorierte den stechenden Schmerz.

An diesem Tag in der vergangenen Woche also läuft Maly zurück ins Hotel, schnappt sich ein frisches Handtuch und geht zum Pompano Beach. Seinen Koffer für den Rückflug nach Wien will er erst danach packen.

Mit zwei anderen aus dem Team buddelt der Österreicher ein Loch. Sie knien im Sand, graben mit den bloßen Händen, den Kopf nach vorne gebeugt, den Hintern in die Höhe. Was für eine Gaudi. Einer holt einen Kübel, mit dem sie weitergraben, die anderen befestigen die Wände mit Wasser, klopfen sie platt, als würden sie eine Burg bauen. Abwechselnd steigen sie in die Tiefe. Erst bis zu den Knien, dann bis zu den Hüften, schließlich bis zur Brust.

Im gefährlichsten Moment stürzt das Loch ein

Maly, ein 1,89 Meter großes Muskelpaket, packt der Ehrgeiz. Das Loch soll so tief sein, wie er selbst groß ist. Nacheinander klettern seine beiden Kumpel in den dunklen, kühlen Schlauch, die anderen machen Fotos.

Als letzter hüpft Maly in die Tiefe. Er lacht, in seinen strubbeligen Haaren kleben Sandkörner. Er muss den Kopf tief in den Nacken legen, um rausschauen zu können. Von außen kann man nicht sehen, dass er in dem Loch steht.

Erst recht nicht, als er in die Hocke geht. "Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe", sagt Maly. "Ich hab mich einfach hingehockt, und dann ist es passiert."

In diesem Moment stürzt die rechte Seite ein. Der kalte Sand rutscht auf ihn hinab. Maly erschrickt. Er steckt bis zum Bauch fest. Reflexartig versucht er, sich mit den Händen rauszuziehen. Vergeblich. Seine Freunde reichen ihm den Kübel, da stürzt auch die linke Wand auf ihn nieder.

Maly kann nichts mehr sehen, überall um ihn herum ist Sand. In seinen Augen, in seinem Mund, in seinen Ohren und Nasenlöchern. Er ringt nach Luft.

Die beiden Kumpel graben seinen Kopf frei, Maly kann wieder atmen. Panik steigt in ihm auf. Von allen Seiten eilen Helfer herbei. Teamkollegen holen Malys Trainer. Dieser ist entsetzt, als er an den Unglücksort kommt. "Die Situation war extrem bedrohlich, man hat sofort gespürt, das kann tragisch enden", sagt er.

Helfer schaufeln Maly frei, bis er die Arme bewegen kann, und setzen ihm eine Sauerstoffmaske auf. Anderthalb Stunden lang hat er sie auf, kommt sich wie ein Außerirdischer vor, wie er sagt. Doch gleichzeitig gibt sie ihm Sicherheit in diesen Momenten.

Beruhigende Worte brüllen

Etwa 60 Rettungsschwimmer und Feuerwehrleute versuchen, Maly zu befreien. Seine beiden Freunde werden weggeschickt. Nur Walter Bär, sein Trainer, darf bei ihm bleiben. Er kennt Maly seit fünf Jahren, sie verbindet ein enges Vertrauensverhältnis.

Der 41-Jährige redet auf seinen Schützling ein. Doch er spricht dabei nicht leise, er muss brüllen. Zu laut sind die Helfer, die sich gegenseitig Anweisungen zurufen. Die Stimmung ist hektisch. Also schreit Bär Beruhigendes. Er solle ruhig atmen, seine Energie nicht verschwenden.

Malys Beine schmerzen, später kann er das rechte nicht mehr spüren. Es fühlt sich an, als sei es komplett taub. Panik steigt in ihm auf. Zweimal glaubt er fest daran, er komme nie wieder raus, sondern sacke immer tiefer ein, sagt er später.

Trainer Bär erinnert Maly gebetsmühlenartig daran, wie gut seine Werte seien, dass er sich um die Durchblutung seiner Beine keine Sorgen machen müsse. Es kostet ihn Mühe, vor dem 19-Jährigen die eigene Aufregung zu vertuschen. Mehrfach habe er sich dabei erwischt, wie er verzweifelt Stoßgebete in den Himmel schickte, weil er dachte, die Helfer würden es nicht schaffen.

In mühevoller Arbeit pressen sie Holzbretter und Bodyboards, wie sie auch Rettungsschwimmer verwenden, in die Tiefe, um die Wände zu stabilisieren und zu verhindern, dass weiter Sand nachrutscht. Zwei Stunden lang schaufeln sie Maly frei, bis sie ihn gegen neun Uhr abends an den Armen in die Freiheit ziehen können.

Als Maly dehydriert auf eine Trage gepackt und festgeschnallt wird, lässt sich sein Trainer erschöpft in den Sand fallen. Die Angst weicht der Erleichterung.

Maly wird an einen Infusionsschlauch gehängt und ins North Broward General Medical Center gebracht. In der Nacht fährt sein Trainer zurück ins Hotel, fällt in einen zwölfstündigen, traumlosen Schlaf. Als er aufwacht, findet er bei Facebook bereits zwei Nachrichten von Maly, der vom Krankenbett bereits erste Witze reißt. Obwohl es zum Frühstück nur einen Pudding gab.

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