Proll-Politik Der Bundes-Bohlen-Ball
Berlin - Eigentlich wollten die Veranstalter auf Darsteller der Seifenopern oder der Superstar-Serien verzichten. Das hatten sie jedenfalls am Tag vor dem 52. Bundespresseball versprochen. Doch dann kam alles anders. Am Freitagabend standen Dieter Bohlen und seine tief dekolletierte Freundin Estefania Küster im Berliner Hotel Interconti in der Tür.
Während das Pop-Duo die Aufmerksamkeit der Fotografen genoss, erregten sich Stammgäste über die seltsame Visite. Die Bundespressekonferenz als Veranstalter sonst gerne bemüht, ethische Standards im Journalismus zu definieren und die Boulevardisierung der Politik-Berichterstattung zu beklagen, hatte sich in den Augen vieler vergriffen: "Die Organisatoren wollten wohl ein Highlight setzen. Für mich ist das aber keins", kommentierte Verteidigungsminister Peter Struck sichtlich angesäuert. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit merkte angesichts des Medienrummels an, da könne wohl kaum einer mithalten. Und CSU-Landesgruppenchef Michael Glos, der nicht an dem Journalistenpulk rund um den "Pop-Titan" vorbeikam, erklärte die Veranstaltung kurzerhand zum "Bohlen-Stau."
Bundespräsident Johannes Rau ordnete den "Superstar" auf seine Weise ein: "Ich kenne ihn nicht und finde es auch gar nicht so aufregend, dass er hier ist. Das ist für mich nicht von Belang."
Der Bohlen-Rummel ließ sogar die Diskussionen um die Absage von Kanzler Gerhard Schröder in den Hintergrund treten. Offiziell hatte der SPD-Chef laut Bundespresseamt "aus privaten Gründen" abgesagt. Aber der Kanzler wollte wohl auch kurz vor dem Parteitag Fotos vermeiden, die ihn im Smoking tanzend zeigen, während die Genossen in Bochum seine Sozialkürzungen absegnen sollen. Auch die Absagen von CDU-Chefin Angela Merkel und Fernsehmoderator Thomas Gottschalk fielen nicht ins Gewicht.
Bohlen indes klärte die Journalistenmeute auf, wie es denn überhaupt zu seiner Einladung gekommen war. Verantwortlich dafür sei der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner gewesen. Er wolle "intelligente Gespräche" führen, allerdings nicht über Politik. Einer von Döpfners Journalisten ist mit der Ghostwriterin der Bohlen-Bücher, Katja Keßler, verheiratet.