Psychologie: Man nennt es "Terrorsex" - DER SPIEGEL
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Psychologie Man nennt es "Terrorsex"

Der Anschlag auf das World Trade Center hat die Welt in vielfacher Hinsicht verändert. Ein Phänomen zeigte sich nach dem 11. September im Sexleben einiger Amerikaner: Sex in Weltuntergangstimmung.
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New York - Einen Tag nach dem Einsturz der Türme des World Trade Centers, als die Bilder des Grauens in einer Endlosschleife im Fernsehen liefen, rief Betsy Männer an, die sie nur flüchtig kannte, und fragte direkt: Willst du Sex? Das, was die 26-jährige Tontechnikerin dazu bewog, ist ein Phänomen, für welches Psychologen Namen, inzwischen sogar Abkürzungen haben.

Die bekannteste Abkürzung,"TS", steht für "Terrorsex". Auch "EOWS" ist geläufig: "End-Of-The-World-Sex", Weltuntergangssex. Der New Yorker Psychiater Howard Brown nennt es "PDS", "Post-Desaster-Sex", und sagt, es sei eine absolut natürliche Reaktion, auch wenn mancher die Nase darüber rümpfen mag. Nach dem Selbstmordanschlag habe er viele Anrufer beruhigen können, die wissen wollten, ob mit ihnen alles in Ordnung sei.

Auch der 32-jährige Software-Entwickler Tony schrieb in einem TS-Chatroom: "Ich rannte weg von den Twin Towers wie alle anderen. Ich hatte wahnsinnige Angst, doch noch im Laufen nahm ich Frauen wahr, und ich dachte daran, wie es mit ihnen wäre." Das sei "wirklich keine Schande", antwortete dann die Sexualwissenschaftlerin Pepper Schwartz.

Laut der Dozentin der University of Washington ist ein deutlich stärkeres Verlangen nach Sex in extremen Krisensituationen wie etwa in Kriegen, nach Erdbeben oder Vulkanausbrüchen eine bereits lange bekannte Reaktion bei beiden Geschlechtern. "Das heißt einfach nur: Ich will noch einmal so lebendig wie möglich sein, wenn der Tod naht", so Schwartz.

Mit einer durch akute Überlebensängste ausgelösten Hormonreaktion begründet die Forscherin Helen Fisher von der Rutgers University im US-Bundesstaat New Jersey das Terrosex-Phänomen. "Ein ganzer Cocktail antreibender Hormone" werde in solchen Situationen ausgeschüttet. "Zuletzt habe ich so was 1994 nach dem Erdbeben in Los Angeles beobachtet", erzählt sie.

Bei den New Yorkern scheinen die Beteuerungen der Wissenschaftler, Terrorsex müsse nicht peinlich sein, unerwartete Befreiung von der sonst vorherrschenden Prüderie ausgelöst zu haben. So wie die Tontechnikern Betsy reden auch andere Leute in der Öffentlichkeit über "TS". "One-Night-Stands waren lange verpönt", sagt der 28-jährige Aktienhändler Oliver. "Wenn ich hier früher bei einer Zufallsbekanntschaft gleich das Thema Sex angeschnitten hätte, wäre das Gespräch beendet gewesen. Jetzt ist das ganz anders."