Putin-Kritikerin Michaltschuk Tod in der Spree
Berlin - Ihr Mann hat sie identifiziert. Bei der Toten, die Schleusenwärter am Donnerstag in der Spree entdeckten, handelt es sich um die 52-jährige Anna Michaltschuk, eine Künstlerin aus Moskau, von der es kein Lebenszeichen mehr gab, seit sie am Karfreitag ihre Wohnung im Berliner Stadtteil Charlottenburg verlassen hatte.
Michail Ryklin, 60, russischer Gastprofessor an der Humboldt-Universität, konnte jetzt den Ehering seiner Frau wiedererkennen. 33 Jahre lang waren sie verheiratet.
Die Ermittler erklären, dass ein Suizid die wahrscheinliche Todesursache sei, auch wenn die Frauenleiche noch obduziert werden müsse. Damit dürfte der Fall der Anna Michaltschuk zu den Akten gelegt werden, gäbe es nicht eben diesen prekären Hintergrund der Sache, der dem Suizid dieser Künstlerin im Exil eine andere, eine weitaus beängstigendere Dimension verleiht.
Kriminalpolizei, Verwandte, Freunde, Kollegen rätselten wochenlang über die mögliche Ursache des Verschwindens von Anna Michaltschuk. Alles schien möglich, sogar eine gezielte Tat eines russischen Geheimdienstes.
Streckenweise soll der Staatsschutz in die Ermittlungen eingeschaltet worden sein, offiziell bestätigt wurde das nicht. Anlass zu diesen, auch politisch schlimmsten Vermutungen gab unter anderem die Tatsache, dass Anna Michaltschuk auf den Tag genau ein Jahr nach der Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse für Europäische Verständigung an ihren Mann verschwand.
Ryklin hatte den Preis am 21. März 2007 erhalten, geladene Russen empörten sich dort öffentlich über den mangelnden Patriotismus des Professors, über seine Kritik an Putin, an der orthodoxen Kirche, an den immer rigideren Strukturen und repressiven Methoden des russischen Regimes.
Michaltschuk vor Gericht - ein zutiefst traumatisches Erlebnis
In einem Interview in Deutschland nach der Ermordung von Anna Politkowskaja im Oktober 2006 hatte der Philosoph, Kulturwissenschaftler und Schriftsteller Ryklin erklärt, die tödlichen Schüsse auf die Journalistin seien ein Signal an alle Kritiker Russlands, auch die im Westen, dass "niemand mehr sicher" sei. Nirgends.
Nicht nur Ryklin, auch seine Frau war in der Vergangenheit ins Visier der russischen "Patrioten" geraten. 2003 nahm die Künstlerin an einer Ausstellung im Moskauer Sacharow-Zentrum teil, die unter dem Titel "Achtung, Religion!" auf die zunehmende Rolle der russisch-orthodoxen Kirche im postkommunistischen Reich Putins aufmerksam machte. Gezeigt worden war dort auch eine Fotomontage mit einem gekreuzigten, unbekleideten Frauenleib. Gewalttätige Hooligans, die Russlands Kirche zu verteidigen glaubten, verwüsteten die Ausstellung.
Vor Gericht gestellt wurden gleichwohl die Kuratorin und die Künstler Jurij Samodurow, Ljudmila Wasilowskaja sowie Anna Michaltschuk, in Russland unter ihrem Künstlernamen Anna Altschuk bekannt. Vorgeworfen wurde ihnen allen "das Schüren nationalen und religiösen Zwistes".
Antisemitische und nationalistische Beschimpfungen begleiteten den monatelangen Prozess, der für die zarte, oft schweigsame Jüdin Anna Altschuk, die auch Lyrik verfasste und sich keineswegs als politische Galionsfigur verstand, ein zutiefst traumatisches Erlebnis. Obgleich der Prozess mit einem Freispruch endete, fühlte sie sich verfolgt - und sie wurde de facto verfolgt. Über den Prozess als ein Symptom für die russische Gesellschaft der Gegenwart veröffentlichte ihr Mann 2006 im Suhrkamp-Verlag das dokumentarisch-analytische Buch "Mit dem Recht des Stärkeren". Er tat dies auch aus Solidarität mit seiner Frau.
Anrufe und Briefe mit Gewaltandrohungen
In einem Brief an die ermittelnden Behörden bat Michail Ryklin am Tag nach dem Verschwinden darum, einen möglichen politischen Aspekt bei der Fahndung stärker zu beachten. Er schrieb: "Durch ihre kritische Beschäftigung mit der russischen Gesellschaft sowie ihrer jüdischen Abstammung wegen war Frau Michaltschuk tagtäglicher Repression und Gewaltandrohung ausgesetzt. Da politische Gewaltverbrechen an Kritikern der russischen Regierung in den letzten Jahren massiv zugenommen haben, ist auch in diesem Fall ein politisch oder antisemitisch motiviertes Verbrechen nicht auszuschließen."
Ryklin schilderte auch in knappen Sätzen, was das Paar in den vergangenen Jahren erlitten hatte. Sie wurden, schrieb er "in Moskau beständig telefonisch und in Briefen bedroht. Diese Anrufe und Schreiben beinhalteten größtenteils Gewaltandrohungen, insbesondere die mehrfache Aufforderung 'das Haus nicht mehr sicher verlassen zu können'."
Wie sollten er und seine Freunde und Mitstreiter nicht auf den Gedanken gekommen sein, dass auch im friedlichen Charlottenburg an einem Karfreitag ein Wagen vor der Tür gestanden haben kann, dessen Insassen auf den Moment warteten, da er oder sie das Haus verlassen würden?
Jetzt wurde eine Tote gefunden - ein Lebender, Michail Ryklin steht unter Schock. Der Sachverhalt nimmt sich aus wie eine "gewöhnliche, private Tragödie", die an der Mühldammschleuse in Berlin-Mitte endete, und Zeitungen jetzt nur noch ein paar Zeilen im Lokalteil oder Radiostationen eine kurze Meldung wert ist: Fall gelöst, Rätsel aufgeklärt.
Klar, es war Selbstmord, der Suizid einer offenbar labilen Frau, die ihren Mann ins Ausland begleitet hatte, die nur Russisch und Englisch sprach, sich womöglich in Deutschland isoliert fühlte, und in einem depressiven Schub Hand an sich legte. So war es - und so war es auch nicht.
"Nichts an ihr wirkte deprimiert"
Noch an den beiden Tagen vor ihrem Verschwinden hatte Michaltschuk ihren Mann auf eine Vortragsreise nach Süddeutschland begleitet, wo sie nach den Aussagen der Gastgeber, des Kulturzentrums Bilderhaus in Gschwend, voller Pläne war, sich nach Stipendien für Künstler erkundigte, den Gastgeber nach Berlin einlud, und an der Stadtführung durch Stuttgart, das sie nicht kannte, mit großer Aufmerksamkeit teilnahm.
"Nichts an ihr wirkte deprimiert", sagte Martin Mühleis, der Organisator des Bilderhauses.
Aber Anna Altschuk litt, ohne dass man es ihr anmerkte. Alte Freundeskreise in Moskau zogen sich mehr und mehr von der ehemaligen Angeklagten und "Nestbeschmutzerin" zurück. Im Internet hatte es einen Mordaufruf gegen sie gegeben. Noch als sie vermisst wurde, meldeten sich nur wenige der prominenten russischen Intellektuellen bei ihrem Mann, allenfalls eine Handvoll guter Freunde. Der Prozess und das Exil waren für die Künstlerin zu einem Alptraum geworden, der sie von ihrer Sprache und von ihrem Land zwangsentfremdete. Ihren alten Eltern in Russland mochte niemand die Meldung von ihrem Verschwinden weitergeben, Tochter und Enkelkind in Moskau warteten vergebens auf einen Anruf.
Anna Michaltschuk/Altschuk, von ihren Freunden Anja genannt, wurde am 28. Mai 1955 in einer jüdischen Familie auf der nordrussischen Insel Sachalin geboren, ihre Eltern waren Geologen, die auf der Insel forschten. Die Tochter wuchs in Workuta im Nordural auf und studierte in Moskau Geschichte.
Als sie 19 Jahre alt war, heiratete sie den 1948 geborenen Ryklin. Beide lasen und schrieben viel, sie studierten auch Werke von Autoren, die in der Sowjetunion verboten waren, wie Solschenizyn. Michaltschuk war von seinem "Erster Kreis der Hölle" tief beeindruckt, wo sie zum ersten Mal vom Gulag und von den stalinistischen Repressionen erfuhr.
Keine Rückkehr nach Moskau - das war kaum zu ertragen
"Natürlich war das ein Schock", sagte sie in einem Radiogespräch 2006. "Ich hatte zwar schon vorher geahnt, dass die sowjetische Ideologie viele schlimme Seiten unserer Wirklichkeit überdeckte. Aber erst Solschenizyn hat gezeigt, was hinter dieser Fassade war."
Dass die Repression des russischen Staates sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs unter anderen Vorzeichen fortsetzen würde, war der spätere Schock. Doch Anna Altschuk blieb aktiv, auf ihre scheue, manchmal auch ironische, feinsinnige Art. 1986 war sie Mitbegründerin des Moskauer "Klubs für Geschichte der zeitgenössischen Kunst", sie wurde Herausgeberin der Zeitschriften "Paradigma" und "DP" und 1991 Mitglied im Schriftstellerkomitee der Russischen Föderation.
Als Feministin interessierte sie die Gender-Problematik in der Kunst, sie schrieb für die Website "Frauen und Avantgarde in Russland". Mit Performances, Installationen und Fotoarbeiten nahm sie an mehr als fünfzig Einzel- und Gruppenausstellungen teil, sie bereiste dabei halb Europa, stellte in Amsterdam aus, in Berlin, Stockholm, St. Petersburg und immer wieder in Moskau.
Dass ihr die Rückkehr nach Moskau nie wieder - oder doch nie mehr unbelastet - möglich sein würde, war für sie kaum zu ertragen. Im Deutschlandradio las sie vor zwei Jahren eines ihrer damaligen Lieblingsgedichte vor, verfasst von dem Sänger und Autor Alexander Galitsch, geschrieben in der Emigration. "Kehr ich wieder heim... /Nein, du, lach nicht, kehr ich wieder heim,/ Und lauf geradeaus durch den Februarschnee, kaum die Erde berührend,/ Zur Wärme, zum Nachtlager hin auf verblassenden Spuren."