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Queen DIN

Ortstermin: Wolfgang Clement beim Weltnormentag in Berlin - mal wieder weht der scharfe Wind des globalen Wettbewerbs.
• aus DER SPIEGEL 46/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hoch über dem »Adlon« flattert die Flagge des Hauses Windsor im kalten Wind aus Ost, und der Pariser Platz liegt grell beleuchtet, mit Panzerlimousinen, Polizisten, Gittern bestückt, es gilt Gefährdungsstufe zwei.

Es ist Weltnormentag.

An der Nordseite des Platzes, genau gegenüber vom Hotel »Adlon«, betritt gerade Arend Oetker, der Marmeladenkönig, das Foyer der Dresdner Bank. Er ist aus Bad Schwartau gekommen.

Ihm folgen Wolfgang Clement und diverse in den Mittelstand gehobene Vertreter des Volkes. Man begeht den »Festakt zum Weltnormentag 2004«, auf den sich die drei verschiedenen internationalen Normenorganisationen geeinigt haben.

Eigentlich ist der Weltnormentag schon am 14. Oktober gewesen. Aber auch Normierer müssen mal eine Ausnahme machen. Und der 2. November passte besser in die Terminpläne.

Die Rotunde ist der überdachte Innenhof des Bankgebäudes, der jetzt mit Vibrafonklang und dem lauten Plaudern deutscher Entscheidungsträger gefüllt ist.

»Liebe Gäste und Freunde des DIN« , der Präsident des Deutschen Instituts für Normung e. V. (DIN) trägt eine schlammfarbene Krawatte zum dunkelblauen Anzug. Er sagt: »Die Norm ist eine Kulturleistung der Gesellschaft.«

Das DIN gibt Presseerklärungen heraus, in denen es heißt: »In Anmerkung 5 zu Abschnitt 14.7.2 der derzeit geltenden Fassung wird bereits darauf hingewiesen, dass auf Leerzeilen im Anschriftfeld verzichtet werden kann. In Abstimmung mit der Deutschen Post AG hat der für DIN 5008 zuständige Arbeitsausschuss des Normenausschusses Bürowesen vorgeschlagen, die bisherige Anmerkung mit einigen weiteren Ergänzungen zur Grundregel zu machen.«

Das Wort hat nun der Bundeswirtschaftsminister. Clement spricht über den Willen zur Norm und das DIN als Wertegemeinschaft. »China!«, sagt er, und dass »auch in der Normung der scharfe Wind des globalen Wettbewerbs« wehe.

Vor ihm, in den ersten drei Reihen, sitzt das Präsidium des DIN.

Ganz vorn sitzt Ulla Kock am Brinck, die Moderatorin von Fernsehshows wie »Verzeih mir« und »Glücksritter«. Aber Kock am Brink ist als Gattin hier. Ihr Mann Theo Baltz ist Fernsehproduzent und muss im Bereich der Unterhaltung Standards gesetzt oder verschoben haben, sonst säße er nicht hier in der Rotunde der Dresdner Bank, vor sich zwei immense Birkenfeigen und darunter den Bundeswirtschaftsminister.

Im Gebäude auf der anderen Seite des Pariser Platzes hat sich eine kleine Person in ihre Gemächer zurückgezogen.

Minister Clement trägt einen dunklen Anzug. Aber nicht mehr lange.

Er hat sich ein wenig wärmer geredet. Die Norm, als Fortsetzung des Wirtschaftskriegs mit anderen Mitteln, ist Deutschlands Weg in die Zukunft: »Wer die internationalen Standards bestimmt, der vergrößert jedenfalls die Chancen für seine Wirtschaft. Bei den Beitrittsländern zur Europäischen Union waren wir dank der Unterstützung des DIN bereits erfolgreich.«

Jetzt stünden die noch weit gehend unnormierten Räume in Lateinamerika, Osteuropa und Asien an: »Ich bin überzeugt, dass Europa weitere Partner für unsere normungspolitischen Vorstellungen gewinnen kann.« Die Querschüsse und Alleingänge der Vereinigten Staaten müssten dabei noch eine Weile ertragen werden.

Clement kommt zum Abschnitt »Konformitätsbewertung« in seinem Manuskript, und es ist ein leichtes Durchhängen zu spüren. Ulla Kock am Brink und Theo Baltz in der ersten Reihe bewahren die Fassung. Vielleicht denken sie an neue Showformate. »DIN ist mein ganzes Herz« oder ähnlich. Die Kandidaten müssten deutsche Durchschnittsmaße haben und einen Standardtanz tanzen.

Unsinn. Der Minister strafft sich. »Fast zwölf Prozent reale Exportsteigerung, das hat keine andere Volkswirtschaft zu bieten. Ich sage das, weil wir in Deutschland das Jammern lieben.«

Deswegen wünscht Clement dem Weltnormentag »Glückauf!« und alles Gute, umso mehr, als er eigentlich schon längst vorüber ist.

Vier Schüler des Musikgymnasiums Carl-Philipp-Emmanuel-Bach haben ihre Celli inzwischen auf den internationalen Kammerton gestimmt und spielen mit großer Fertigkeit das international anerkannte Bach-Largo in d-moll.

Der Minister erhebt sich mitten im Programm, entschuldigt sich und verlässt eilig den Festakt zum Weltnormentag. Er muss rechtzeitig beim Staatsbankett im Zeughaus sein. Um Zeit zu sparen, zieht Clement sich seinen Smoking noch im Bankgebäude an. Pünktlichkeit ist die Höflichkeit gegenüber Königinnen.

Die Versammlung bleibt zurück und hört Arend Oetker gut gestimmt über Gleichklang und Differenz und Identität durch Normung reden.

Zurück bleibt die Gewissheit der Anwesenden, dass die Welt Verlässlichkeit braucht. Feste Werte, jahrhundertübergreifende Rituale und Bezugsgrößen, vor denen sich ein jeder gern beugt.

Auch, wenn sie mintfarbene Hüte tragen. ALEXANDER SMOLTCZYK

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