VERBRECHEN Räuber und Gendarm
Richtig in der Spur liefen die drei jungen Aussiedler nie: Vitali H. etwa galt Verwandten als der Münchhausen seiner Familie. Der 26-Jährige erfand, so schien es ihnen, Geschichten über Kumpels, die nie jemand zu Gesicht bekam. Vor wenigen Tagen erkundigte er sich bei seinem Onkel, wie sich große Summen diskret anlegen lassen. »Vitali spinnt mal wieder«, dachte der.
Auch der frisch verheiratete Heinrich K., 25, war nicht gerade für soliden Lebenswandel bekannt. Am Dienstag vergangener Woche verschwand er - nach einem fürchterlichen Krach mit seiner Frau, so sagt er, wegen einer Sauferei mit den Kumpels.
Der Dritte im Bunde, sein Cousin Artur F., 23, hatte jüngst den Räumungsbescheid für seine Wohnung erhalten, weil er seit vier Monaten keine Miete mehr zahlte. Sein früherer Arbeitgeber, die Sparkasse im niedersächsischen Wrestedt, hatte seinen Lehrling im Jahr 2000 wegen »Unregelmäßigkeiten« nach zehn Monaten hinausgeworfen.
Genau diese Sparkasse überfielen die drei Aussiedler am Dienstag vergangener Woche, maskiert und mit Pistolen bewaffnet. Mit zwei Geiseln und 240 000 Euro Beute flohen sie anschließend in 21 Stunden 1600 Kilometer weit, von Uelzen bis in die Ukraine.
Die spektakuläre Geiselfahrt der Laien-Gangster war nur durch eine Panne möglich geworden: Trotz einer dringenden Bitte der Einsatzleitung in Lüneburg hatte der Bundesgrenzschutz (BGS) die Brücke über die Oder nicht hermetisch abgeriegelt - die Täter rasten ins Ausland, was nach dem Geiseldrama-Einmaleins für Einsatzkräfte unbedingt hätte verhindert werden müssen. Der BGS aber hatte trotz des ausgerufenen Grenzalarms kurz vor Mitternacht nicht genug Leute in Frankfurt (Oder); einen Lastwagen, der den Übergang blockieren sollte, umfuhren die Gangster.
Aber gerade in dem von Polizisten und Politikern oft verhöhnten Osten lief dann alles perfekt. Mit höchst professionellem Einsatz und ohne bürokratische Hemmnisse kooperierten Polen und Ukrainer. Deutsche Einsatzkräfte durften dem Fluchtwagen, einem silbernen Seat Ibiza, auf polnisches Hoheitsgebiet folgen. An der ukrainischen Grenze übergaben die Polen an ihre Kollegen. Mit einem Bluff legte dort schließlich ein ukrainischer Beamter die Räuber herein.
Die Tat der drei Aussiedler aus Kasachstan und Moldawien erhellt - mal wieder - jenes Dunkelfeld, in dem sich Aussiedler in Deutschland oft bewegen: 1,3 Millionen zogen seit 1993 her, viele sind aber bis heute nicht richtig angekommen. Mit schlechter Schulbildung, miesen Jobaussichten und teils mangelnden Deutschkenntnissen sehen sie den Wohlstand - können ihn aber kaum erreichen.
Wen wundert es da, dass der Anteil junger Straftäter unter Aussiedlern besonders hoch ist, wie Wissenschaftler der bayerischen Polizei herausfanden. Allein in Niedersachsen, dem Herkunftsland der Geiselgangster, stieg die Zahl tatverdächtiger Aussiedler im Jahr 2000 um elf Prozent, fast alle besitzen einen deutschen Pass.
Vitali H. ist, wie seine Lüneburger Kumpane, formal Deutscher; er kam 1993 aus Kasachstan, die Eltern geschieden, es war eine Ehe mit Prügel und Pein, erinnert sich seine Tante. Zum Vater, einem Kraftfahrer, der inzwischen in Russland lebt, gebe es kaum Kontakt. Doch ausgerechnet den wollte das Trio nun im russischen Anapa besuchen, dem Ziel der Geiselfahrt.
Welchen Unsinn Vitali H. auch immer anstellte, in Deutschland war er eingebettet in ein Netz von Verwandten; vier Geschwister der Mutter leben in der Nähe. Bis zu der Geiselnahme wohnte Vitali H. in einer entlegenen Neubau-Klinkersiedlung mit Einkaufszentrum, einer Aussiedler-Enklave. Deutsche Freunde - Fehlanzeige. Artur F. und er »lebten in der gleichen Fremde, waren Freunde«, erzählte er Ende vergangener Woche. »Und jetzt stecken wir alle gemeinsam im Dreck.«
Tatsächlich ging bei dem geplanten Coup fast alles schief. Als Vitali mit seinen beiden Freunden kurz nach 18.30 Uhr in die Sparkasse stürmte, rechnete er nicht damit, dass schon wenige Minuten später von Nachbarn alarmierte Polizisten aufkreuzen würden. Indem sie eine Geisel bedrohten, pressten die Männer drei Beamten die Dienstwaffen ab, dann zwangen sie die beiden Bankangestellten Kirsten G., 25, und Ute B., 39, in ihren Kleinwagen, der ordentlich gemietet worden war.
»Wir bemerkten, dass die Polizei in Deutschland uns nicht stoppte, und beschlossen deshalb, uns bis nach Russland durchzuschlagen«, so ein Geiselnehmer. Die erste Panne unterlief den Amateur-Gangstern im ostpolnischen Piaski: Bei einem Tankstopp konnte die Geisel Ute B. davonlaufen, sie rettete sich in ein Polizeiauto.
Aber die Gangsterfahrt ging weiter. An der ukrainischen Grenze warf ein Polizist ein Handy durchs offene Seitenfenster - für Verhandlungen. Permanent folgten Einsatzwagen den Entführern, die derweil per Telefon mit einem Staatssekretär über die Aufgabe verhandelten. Erst im ukrainischen Rowno stoppten sie ihren Seat, weil der Akku des Handys aufgab.
Das war die Stunde des örtlichen Polizeichefs Anatolij Franzus: Rabiat eröffnete er den Tätern an einer Raststätte, dass jede Bewegung nun ihre letzte sein könnte. Seine Scharfschützen hätten den Wagen im Visier, die schießwütigen Spezialpolizisten könnten den Feuerbefehl kaum erwarten. »Ein reiner Bluff«, sagt Franzus jetzt, es habe nie Scharfschützen gegeben.
Doch die Gangster-Azubis fielen auf den Trick herein und ließen sich von Franzus zu Verhandlungen in das Café der Raststätte einladen. Zur Besänftigung reichte der Polizist dort Kaffee. So gelassen, als handele es sich um einen Ladendiebstahl, schlug er dann vor, doch gemeinsam eine Flasche Cognac zu leeren, schließlich hatte der Entführer Heinrich K. just an diesem Tag Geburtstag. Inzwischen um einen Tisch versammelt, die Pistolen vor sich, stießen Räuber und Gendarm an, daneben die zitternde Geisel. Bald appellierte Franzus ans Ehrgefühl der Entführer: Sie könnten doch keine Dame gefangen halten. Nachdem Kirsten G. freigelassen war, bewog der Polizist die völlig übermüdeten Bankräuber schließlich zur Aufgabe.
Offenbar hatte Franzus den richtigen Ton getroffen: Inzwischen soll Heinrich K. dem Polizisten, erzählt der, gar unter Tränen gestanden haben, mit Artur F. zwei weitere Straftaten begangen zu haben. Joint-rauchend hätten sie vor zwei bis drei Monaten dann den jüngsten Coup geplant.
In Deutschland stießen Fahnder derweil auf einen vierten Aussiedler, der an der Tat beteiligt gewesen sein soll: Eugen B., 20, zurzeit Wehrpflichtiger, hatte offenbar den Wagen für das Trio gemietet. Inzwischen wurde er festgenommen.
Die anderen sollen in einigen Wochen nach Deutschland ausgeliefert werden. Sie müssen mit langjährigen Haftstrafen wegen räuberischer Erpressung und Geiselnahme rechnen. Dazu passend wählte der ukrainische Polizist Franzus, der die Täter persönlich von der Raststätte fuhr, die Musik im Auto. Es lief ein spezielles Genre russischer Folklore: Knastmusik, Lieder über das Leben in Gefangenschaft.
DOMINIK CZIESCHE, JAN KÖRNER,
ANNA SADOVNIKOVA, FIDELIUS SCHMID